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Neu auf dem Markt

Vier Neulinge im Oktober

31.10.2011
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Von Brigitte M. Gensthaler, Kerstin A. Gräfe und Sven Siebenand / Im Oktober sind vier neue Substanzen auf den Markt gekommen. Abirateronacetat zur Behandlung des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms, Dexmedetomidin zur Sedierung von Patienten auf der Intensivstation sowie Telaprevir zur Bekämpfung der chronischen Hepatitis C. Zwar vorerst nicht verfügbar, aber in der Lauertaxe gelistet ist das Antidiabetikum Linagliptin.

Prostatakrebs ist der häufigste bösartige Tumor bei Männern. Jährlich erkranken rund 65 000 Männer in Deutschland neu an einem bösartigen Tumor der Vorsteherdrüse. Etwa 12 100 Männer sterben jedes Jahr daran.

Abirateronacetat

 

Anfang Oktober kam das Prostatamittel Abirateronacetat (Zytiga® 250 mg Tab­letten) auf den deutschen Markt. Die europäische Zulassung erhielt Hersteller Janssen-Cilag bereits Anfang September. Indiziert ist der oral zu verabreichende In­hibitor der Androgen-Biosynthese in Kom­bination mit Prednison oder Prednisolon zur Behandlung von metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) bei männlichen Erwachsenen, deren Erkrankung während oder nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient ist. Die Zulassung wurde beschleunigt empfohlen, da die Patienten eine schlechte Prognose haben und der neue Wirkungsmechanismus von Abirateronacetat eine therapeutische Alternative bietet.

 

Kastrationsresistente Prostatakarzinome reagieren trotz Ausschaltung der Hoden mittels LHRH-Agonisten oder einer Orchiektomie immer noch empfindlich auf Androgene. Folglich können selbst geringste Androgenmengen, die in der Nebennierenrinde oder den Tumorzellen selbst gebildet werden, ein neuerliches Tumorwachstum auslösen. Abirateronacetat kann dies verhindern oder zumindest verlangsamen: Im Körper wird es zu Abirateron abgebaut, das selektiv das Enzym 17-Alpha-Hydroxylase/C17,20-lyase (CYP17) hemmt. CYP17 wird in den Hoden, Nebennieren und dem Prostata-Tumorgewebe exprimiert und ist für die Androgen-Biosynthese erforderlich. Es katalysiert die Umwandlung von Pregnenolon und Progesteron in die Testosteron-Vorstufen DHEA beziehungsweise Androstendion durch Hydroxylierung und Spaltung der C17,20-Bindung. Die Gabe von Zytiga senkte in Kombination mit LHRH-Agonisten (oder einer Orchiektomie) den Serum-Testosteron-Spiegel auf nicht nachweisbare Konzentrationen.

Infolge der CYP17-Hemmung erhöht Abirateron die Mineralocorticoid-Spiegel, was zu Hypertonie, Hypokaliämie und Flüssigkeitsretention führen kann. Die Inzidenz und Schwere dieser Nebenwir­kungen kann durch die gleichzeitige Gabe eines Glucocorticoids verringert werden, da diese die Ausschüttung des adrenocorticotropen Hormons (ACTH), unterdrücken. Deshalb müssen zusätzlich täglich 10 mg Prednison oder Prednisolon eingenommen werden.

 

Die empfohlene Dosis des Acetats beträgt 1000 mg (vier 250-mg-Tabletten) als tägliche Einmalgabe. Da die Resorption beziehungsweise die systemische Exposition von Abirateronacetat bei gleichzeitiger Nahrungsaufnahme erheblich erhöht ist, dürfen die Tabletten nicht zusammen mit einer Mahlzeit eingenommen werden. Sie sollten mindestens zwei Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme und mindestens eine Stunde vor einer weiteren geschluckt werden.

 

Da während der klinischen Studien deutlich erhöhte Leberwerte auftraten, die zum Absetzen oder einer Dosisanpassung führten, sollten vor Beginn und während der Behandlung Serum-Trans­aminasen, Blutdruck, Serum-Kalium und Flüssigkeitsretention regelmäßig kon­trolliert werden. Entwickeln die Patienten Anzeichen eines Leberschadens, muss die Behandlung unverzüglich unterbrochen werden. Nach Rückgang der Leberwerte auf die Ausgangswerte kann eine erneute Behandlung mit 500 mg Abirateronacetat erfolgen. Tritt die Hepatotoxizität unter der halbierten Dosis erneut auf, muss die Therapie abgebrochen werden.

Bei Patienten mit leichter Leberfunktionsstörung ist keine Dosisanpassung erforderlich. Bei Patienten mit mäßiger bis schwerer Leberfunktionsstörung sollte Abirateronacetat nicht angewendet werden, da keine Empfehlung zur Dosisanpassung gegeben werden kann. Bei Patienten mit Nierenfunktions­störungen ist keine Dosisanpassung erforderlich. Da bei Patienten mit Prostatakarzinom und schwerer Nierenfunktionsstörung keine klinischen Erfahrungen vorliegen, ist bei diesen Patienten Vorsicht geboten.

 

Vorsicht ist geboten bei Patienten mit einer kardiovaskulären Vorerkrankung. Gleiches gilt, sofern die Patienten die gleichzeitige Behandlung mit Prednison oder Prednisolon absetzen. In diesem Fall muss der Mineralcorticoidspiegel überwacht werden. Bei Männern mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom kann eine verminderte Knochendichte auftreten. Die Gabe von Zytiga zusammen mit einem Glucocorticoid könnte diesen Effekt verstärken. Bei Patienten, die zuvor wegen eines Prostatakarzinoms mit Ketoconazol behandelt wurden, könnten geringere Response-Raten auftreten.

 

Vorsicht ist geboten, wenn Abirateron zusammen mit Arzneimitteln angewendet wird, die durch CYP2D6 aktiviert oder metabolisiert werden. Zu Letzteren zählen zum Beispiel Metoprolol, Propranolol, Desipramin, Venlafaxin, Haloperidol, Risperidon, Propafenon, Flecainid, Codein, Oxycodon und Tramadol (die drei letzten Wirkstoffe benötigen CYP2D6, um ihre aktiven analgetisch wirksamen Metaboliten zu bilden).

 

Da Abirateron ein Substrat von CYP3A4 ist, sollten starke CYP3A4-Inhibitoren oder -Induktoren während der Behandlung nach Möglichkeit vermieden oder mit Vorsicht angewendet werden. Dazu gehören die Inhibitoren Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, Atazanavir, Nefazodon, Saquinavir, Telithromycin, Ritonavir, Indinavir, Nelfinavir, Voriconazol und die Induktoren Phenytoin, Carbamazepin, Rifampicin, Rifabutin, Rifapentin und Phenobarbital.

 

Die Zulassung beruht auf einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie an 1195 Männern mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom, die auf eine vorherige Chemotherapie mit Taxanen nicht mehr angesprochen hatten. Sie erhielten in Kombination mit niedrig dosiertem Prednison/Prednisolon entweder täglich 1000 mg Abirateronacetat oder Placebo. Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben. Das Ergebnis: 38 Prozent der Patienten unter Verum und 10 Prozent der Patienten unter Placebo wiesen einen Rückgang des PSA-Werts um mindestens 50 Prozent gegenüber dem Ausgangswert auf. Das prostataspezifische Antigen (PSA) dient bei Patienten mit Prostatakarzinom als Biomarker. Die mediane Zeit bis zur PSA-Progression betrug in der Abirateron­acetat-Gruppe 10,2 Monate gegenüber 6,6 Monaten in der Placebogruppe. Das mediane radiologische progressionsfreie Überleben betrug bei mit Abirateron behandelten Patienten 5,6 Monate und bei Patienten, die Placebo erhielten, 3,6 Monate.

 

Häufigste Nebenwirkungen waren Harnwegsinfektionen, Hypokaliämie, Hypertonie und peripheres Ödem.

 

Vorläufige Bewertung: Sprung­innovation

Dexmedetomidin

 

Ebenfalls im September von der EMA zugelassen und jetzt auf dem deutschen Markt erhältlich ist das Sedativum Dexmedetomidin (Dexdor 100 µg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Orion Pharma). Indiziert ist der neue Arzneistoff zur Sedierung erwachsener, intensivmedizinisch behandelter Patienten, die eine Sedierungstiefe benötigen, die ein Erwecken durch verbale Stimulation noch erlaubt. Dies entspricht einer Klassifikation von 0 bis -3 nach der Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS).

 

Postoperative Patienten auf Intensivstationen benötigen eine effektive Sedierung und Analgesie, um die künstliche Beatmung und andere Maßnahmen zu tolerieren. Der selektive Alpha-2-Rezeptor-Agonist Dexmedetomidin ist hier von Vorteil: Er erlaubt mehr Flexibilität für Patienten, die keine tiefe Sedierung benötigen. Zudem verkürzt sich im Vergleich zur Standardbehandlung die Extubationszeit.

Dexmedetomidin hat ein breites pharmakologisches Spektrum. Es wirkt sympatholytisch, indem es die Freisetzung von Noradrenalin in den sympathischen Nervenendigungen reduziert. Die sedierenden Wirkungen werden durch eine verminderte Aktivität im Locus coeruleus, dem vorherrschenden noradrenergen Nucleus, der im Hirnstamm liegt, vermittelt. Zudem hat Dexmedetomidin analgetische und Anästhetikum/Analgetikum-sparende Wirkungen. Die kardiovaskulären Wirkungen sind dosisabhängig, wobei bei niedrigeren Infusionsraten die zentralen Wirkungen dominieren, was einen Abfall der Herzfrequenz und des Blutdrucks zur Folge hat. Bei höheren Dosen überwiegen die peripheren vasokonstriktiven Wirkungen, was zu einem Anstieg des systemischen Gefäßwiderstandes und damit des Blutdrucks führt, während die bradykarde Wirkung weiter bestehen bleibt. Dexmedetomidin ist relativ frei von atemdepressiven Wirkungen.

 

Die Anwendung von Dexdor ist für den intensivmedizinischen Einsatz vorgesehen und muss von qualifiziertem Fachpersonal vorgenommen werden. Bei allen Patienten sollte während der Infusion eine kontinuierliche kardiale Überwachung erfolgen. Bei nicht intubierten Patienten muss die Atmung überwacht werden Bereits intubierte und sedierte Patienten können auf Dexmedetomidin mit einer initialen Infusionsgeschwindigkeit von 0,7 µg/ kg/h umgestellt werden. Diese kann dann schrittweise an Dosierungen von 0,2 bis 1,4 µg/kg/h angepasst werden, um die gewünschte Sedierungstiefe gemäß dem individuellen Ansprechen zu erreichen. Die Maximaldosis von 1,4 µg/kg/h sollte nicht überschritten werden. Ist damit keine adäquate Sedierungstiefe zu erreichen, sollte auf ein anderes Sedativum umgestellt werden. Da Dexdor weder in einer Aufsättigungsdosis noch als Bolus gegeben werden soll, ist vor allem in den ersten Stunden der Behandlung ein alternatives Sedativum bereitzuhalten.

 

Kontraindiziert ist das Sedativum bei Patienten mit fortgeschrittenem Herzblock, unkontrollierter Hypotonie und mit Schlaganfall.

 

Vorsicht ist geboten bei Patienten mit vorbestehender Bradykardie, da hier nur begrenzt Daten vorliegen. Gleiches gilt für Patienten mit schwer eingeschränkter Leberfunktion. Besondere Sorgfalt ist auch bei Patienten mit vorbestehender Hypotonie, Hypovolämie, chronischer Hypotonie oder mit reduzierten funktionellen Reserven wie älteren Menschen geboten. Dies betrifft ebenfalls Patienten, die zum Beispiel aufgrund einer Wirbelsäulenverletzung eine eingeschränkte periphere Durchblutung aufweisen. Patienten mit ischämischer Herzkrankheit oder schweren zerebrovaskulären Erkrankungen müssen engmaschig überwacht werden, da hier die vasokonstriktive Wirkung höherer Dosen von Dexmedetomidin zu beachten ist. Bei Kombination von Dexdor mit anderen sedativ oder kardiovaskulär wirksamen Substanzen kann sich die Wirkung addieren. Bei Status epilepticus darf das Sedativum nicht als alleinige Gabe angewendet werden, da es keine antikonvulsive Wirkung zu besitzen scheint. Nicht empfohlen ist die Anwendung bei Personen mit Prädisposition zur malignen Hyperthermie.

 

Die gleichzeitige Anwendung von Dexmedetomidin mit Anästhetika, Sedativa, Hypnotika und Opioiden führt wahrscheinlich zu einer Wirkverstärkung. Zwar wurden keine pharmakokinetischen Wechselwirkungen zwischen Dexmedetomidin und Isofluran, Propofol, Alfentanil und Midazolam bestätigt, aber aufgrund der möglichen pharmakodynamischen Wechselwirkungen kann bei gleichzeitiger Gabe eine Dosisreduktion von Dexmedetomidin oder der Begleitmedikation erforderlich sein. In vitro wurde eine Hemmung von CYP-Enzymen, einschließlich CYP2B6, sowie eine Induk­tion von CYP1A2, CYP2B6, CYP2C8, CYP2C9 und CYP3A4 beobachtet. Ein Interaktionspotenzial in vivo kann nicht ausgeschlossen werden, wobei die klinische Relevanz unbekannt ist.

 

In placebokontrollierten Studien reduzierte Dexdor bei Patienten, die zuvor intubiert und mit Midazolam oder Propofol sediert worden waren, signifikant den Bedarf eines Rescue-Sedativums (Midazolam oder Propofol) sowie von Opioiden während der Sedierung. Dieser Effekt zeigte sich bis zu 24 Stunden. Die meisten Dexmedetomidin-Patienten benötigten keine weitere Sedierung. Sie konnten erfolgreich extubiert werden, ohne die Dexdor-Infusion zu beenden.

 

Eine weitere Studie zog den direkten Vergleich zu Midazolam und Propofol. Unter Dexmedetomidin war die Dauer der maschinellen Beatmung kürzer als unter Midazolam und die Patienten konnten schneller extubiert werden als unter Midazolam und Propofol. Die Patienten waren unter Dexmedetomidin leichter erweckbar, kooperativer und besser in der Lage zu kommunizieren. Im Vergleich zu Midazolam hatten die Dexmedetomidin-Patienten häufiger eine Hypotonie und Bradykardie, aber weniger häufig eine Tachykardie. Verglichen mit Propofol dagegen häufiger eine Tachykardie, aber ähnlich häufig eine Hypotonie.

 

Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren Hypotonie (25 Prozent), Hypertonie (15 Prozent) und Bradykardie (13 Prozent).

 

Vorläufige Bewertung: Schritt­innovation

Linagliptin

 

Nachdem die europäische Zulassung bereits Ende August erfolgte, wurde zum 1. Oktober beim ABDATA Pharma-Daten-Service auch das Antidiabetikum Lina­gliptin (Trajenta® 5 mg Filmtabletten, Boehringer Ingelheim/Lilly) als Neueinführung gemeldet. Das Präparat wird Patienten in Deutschland vorerst nicht zur Verfügung stehen. Diese Entscheidung steht im Zusammenhang mit dem AMNOG und der darin enthaltenen Bewertung neuer Arzneimittel.

 

In anderen europäischen Ländern soll das Antidiabetikum aber zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zur Verfügung gestellt werden. Zugelassen ist es in Kombination mit Metformin und Metformin plus Sulfonylharnstoff. Darüber hinaus ist Linagliptin auch als Monotherapie bei Patienten zugelassen, bei denen die Blutzuckerkontrolle durch Diät und Bewegung allein unzureichend ist und für die Metformin aufgrund von Unverträglichkeiten nicht geeignet oder hinsichtlich einer Beeinträchtigung der Nierenfunk­tion kontraindiziert ist.

 

Wie die bereits erhältlichen Wirkstoffe Sitagliptin, Vildagliptin und Saxagliptin ist Linagliptin ein Hemmstoff des Enzyms DPP-4 (Dipeptidyl-Peptidase-4), das an der Inaktivierung von Inkretinhormonen beteiligt ist. Diese stimulieren abhängig von der Nahrungsaufnahme die Insulinsekretion und unterdrücken gleichzeitig die Glucagonsekretion. Durch die Enzymblockade bleibt der körpereigene Insulinstimulus der Inkretine länger erhalten. Der Blutzucker wird bedarfsabhängig gesenkt.

 

Anders als bei anderen Substanzen dieser Wirkstoffklasse wird Linagliptin vorwiegend unverändert über Galle und Darm ausgeschieden, dadurch ist bei Patienten mit nachlassender Nieren- oder Leberfunktion keine Dosisanpassung erforderlich. Für alle Patienten beträgt die tägliche Dosis einmal 5 mg Linagliptin. Bei gleichzeitiger Anwendung mit Metformin soll die Dosis des Biguanids beibehalten werden. Bei Anwendung mit einem Sulfonylharnstoff kann der Arzt unter Umständen eine niedrigere Dosis des Sulfonylharnstoffs verordnen, um das Risiko einer Unterzuckerung zu senken.

Der DPP-4-Inhibitor wurde auf Grundlage eines klinischen Studienprogramms mit rund 6000 Typ-2-Diabetikern zugelassen. Dieses beinhaltete mehrere placebokontrollierte Studien, die Linagliptin als Monotherapie sowie in Kombination mit anderen oralen Antidiabetika untersuchten. In zwei Monotherapiestudien zeigte sich bei der Verabreichung von Linagliptin im Vergleich zu Placebo eine statistisch signifikante durchschnittliche Senkung des HbA1c-Wertes um 0,6 bis 0,7 Prozent. Bei Patienten, deren Blutzucker durch Metformin oder Metformin plus Sulfonylharnstoff nicht ausreichend kontrolliert wurde, führte die zusätzliche Gabe von Linagliptin verglichen mit Placebo zu einer statistisch signifikanten durchschnittlichen Senkung des HbA1c-Wertes um 0,6 Prozent. Als Monotherapie und in Kombination mit Metformin gab es ein geringes Hypoglykämierisiko. Unter der Dreifach-Kombination aus Linagliptin, Metformin und Sulfonylharnstoff traten Hypoglykämien bei circa 15 Prozent der Patienten – und damit etwa doppelt so häufig wie unter Placebo – auf. Abgesehen von dieser Nebenwirkung, wurden in Studien relativ wenige unerwünschte Arzneimittelwirkungen be­obachtet.

 

Laut Fachinformation besteht bei Linagliptin nur ein geringes Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Linagliptin ist nur für Typ-2-Diabetiker und nicht für Typ-1-Diabetiker zugelassen. In der Schwangerschaft sollte der Arzt aus Vorsichtsgründen auf die neue Substanz verzichten.

 

Vorläufige Bewertung: Analogpräparat

Telaprevir

 

Für Menschen mit chronischer Hepatitis C vom Genotyp 1 ist – nach Boceprevir Anfang September – im Oktober ein weiterer Proteasehemmer auf den Markt gekommen. Telaprevir (Incivo® 375 mg Filmtabletten, Janssen-Cilag) ist in Kombination Peginterferon alfa und Ribavirin zur Behandlung erwachsener Patienten mit kompensierter Lebererkrankung, einschließlich Zirrhose, indiziert. Dies gilt für Patienten, die bislang keine spezifische Behandlung erhalten haben (therapienaiv) oder die auf die Standardmedikation mit Interferon alfa und Ribavirin nicht oder nicht dauerhaft angesprochen haben.

 

Wie Boceprevir gehört auch Telaprevir zur Stoffklasse der direkt wirksamen antiviralen Arzneistoffe (DAA: directly acting antivirals). Beide blockieren eine HCV-spezifische Serinprotease und in der Folge die Replikation des Hepatitis-C-Virus.

 

Anders als bei Boceprevir beginnen die Patienten gleich mit der Dreifach­therapie. Sie nehmen in den ersten zwölf Therapiewochen alle acht Stunden 750 mg Telaprevir (zwei Tabletten) mit einer Mahlzeit ein, da dies die Bioverfügbarkeit deutlich erhöht. Zusätzlich schlucken sie zweimal täglich Ribavirin peroral in einer gewichtsabhängigen Dosierung und injizieren einmal wöchentlich Peginterferon alfa subkutan. Ab Woche 13 setzen sie die Therapie ohne Telaprevir fort – je nach virologischem Ansprechen und/oder Vorbehandlung für weitere 12 oder 36 Wochen.

 

Im Detail: Ist bei therapienaiven Patienten und solchen, die trotz Vortherapie einen Rückfall (Relapse) erlitten haben, in Woche 4 und 12 unter der Triple-Therapie keine HCV-RNA mehr nachweisbar, wird die Zweifachtherapie 12 Wochen lang fortgesetzt. Andernfalls dauert die Therapie noch 36 Wochen. Die gesamte Behandlung dauert somit 24 oder 48 Wochen. Patienten, die auf eine frühere Behandlung nur teilweise oder gar nicht angesprochen haben oder die an einer Zirrhose leiden, erhalten immer eine 48-wöchige Behandlung. Bei einem Boceprevir-haltigen Therapieregime wird erst nach 24 Wochen entschieden, ob die Therapiephase von 48 auf 28 Wochen verkürzt werden kann.

Basis für die Telaprevir-Zulassung waren drei große Phase-III-Studien, die therapienaive und vorbehandelte Patienten einschlossen. In der »Advance-Studie« mit 1088 therapienaiven Patienten erreichten 79 Prozent mit der Dreifachtherapie ein anhaltendes virologisches Ansprechen (SVR: sustained virological response) gegenüber 46 Prozent im Kontrollarm, der eine Zweifachtherapie plus Placebo erhielt. Ein SVR gilt als Heilung. Bei mehr als der Hälfte der Patienten wurde die Therapie auf 24 Wochen verkürzt.

 

In der »Realize-Studie« waren 662 Patienten eingeschlossen, die auf eine Therapie gar nicht oder nur teilweise angesprochen oder einen Rückfall erlitten hatten. Vier von fünf der Relapse-Patienten und fast jeder dritte frühere Nonresponder erreichte mit dem Telaprevir-Schema ein SVR. In der Kontrollgruppe waren es nur 24 und 5 Prozent. Telaprevir hat als einziger gegen HCV gerichteter Proteasehemmer die Zulassung, die Gesamtbehandlungszeit auch bei Relapse-Patienten auf 24 Wochen zu verkürzen.

 

Die unverblindete »Illuminate-Studie« mit 540 therapienaiven Patienten ergab, dass eine Behandlung über 24 Wochen der 48-Wochen-Therapie nicht unterlegen ist, wenn in Woche 4 und 12 keine Virus-RNA mehr im Blut nachweisbar war. Dieses Ziel erreichten zwei Drittel der Patienten im Telaprevir-basierten Therapiearm. Gemäß einer dreijährigen Langzeitbeobachtung blieb der Therapieerfolg (SVR) bei 99 Prozent der Patienten erhalten.

 

Die häufigsten Nebenwirkungen in den Studien waren Anämie, Thrombo- und Lymphozytopenie, Hautausschlag (Rash), Pruritus, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö. Die Apotheke sollte dem Patienten raten, genau auf Hautveränderungen zu achten, denn während der Telaprevir-Einnahme wurden Hautausschläge bei mehr als der Hälfte der Patienten beobachtet. Die Ausschläge sind meist leicht, können in Einzelfällen aber schwer bis lebensbedrohlich verlaufen.

 

Telaprevir wird in der Leber durch CYP3A metabolisiert und ist ein Subs­trat von P-Glykoprotein (P-gp). Daraus resultieren zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen, die CYP3A und/oder P-gp induzieren oder hemmen.

 

Die Apotheke sollte darauf hinweisen, dass Frauen während und nach der antiviralen Therapie sorgfältig verhüten müssen. Dies gilt nicht nur für Patientinnen, sondern auch für die Partnerin eines Patienten. Da hormonelle Kontrazeptiva möglicherweise nicht zuverlässig wirken, werden zwei nicht-hormonelle Verhütungsmethoden empfohlen. /

 

Vorläufige Bewertung: Sprung­innovation

Kommentar

Im Oktober zwei Sprung­innovationen

Als selektiver Inhibitor des Cytochrom P450 17A1, das Schritte in der Testo­steron- und Estrogen-Biosynthese katalysiert, muss Abirateronacetat als Sprunginnovation gewertet werden, weil es für Patienten mit metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakarzinom eine neue Therapieoption bietet. Dagegen ist der selektive Alpha-2-Rezeptoragonist Dexmedetomidin als Schrittinnovation einzustufen. Es ist dem Clonidin strukturverwandt, wird aber zur Sedierung schwerstkranker Patienten eingesetzt und scheint sicherer zu sein als das bisher meistens eingesetzte Midazolam. Die Bewertung des vierten DPP-4-Inihibitors Linagliptin als Analogprodukt fällt dagegen leichter, da es gegenüber den drei bisherigen DDP-4-Hemmern keine wesentlichen Vorteile bietet, zumal auch keine Vergleichsstudien durchgeführt wurden. Der Proteaseinhibitor Tela­previr wird wie Boceprevir (im September eingeführt) zur Therapie von Patienten mit chronischer HCV-Infektion eingesetzt. Da beide zur gleichen Zeit entwickelt und zugelassen wurden, muss fairerweise Telaprevir wie Boceprevir als Sprunginnovation bewertet werden.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

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