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Osteoporose

Stiefmütterliche Versorgung

22.10.2013
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Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Die Zahlen sind erschreckend und beschämend zugleich: In Deutschland erhält nur rund ein Viertel der Osteoporose-Patienten eine effektive Therapie. Damit bildet Deutschland das Schlusslicht der fünf größten europäischen Staaten.

Jedes Jahr werden hierzulande etwa 885 000 Neuerkrankungen gezählt. Jede vierte Frau und jeder 17. Mann über 50 Jahre ist an Osteoporose erkrankt. Das sind gemäß einer aktuell im »Deutschen Ärzteblatt« publizierten epidemiologischen Untersuchung 6,3 Millionen Menschen (doi: 10.3238/arztebl.2013.0052). In den kommenden vier Jahren wird voraussichtlich mehr als die Hälfte der Patienten mindestens eine Fraktur erleiden. Dabei schränken besonders Wirbelkörper- und Hüftfrakturen die Lebensqualität erheblich ein und erhöhen die Mortalität. So stellte Privatdozentin Dr. Gabriele Lehmann von der Universitätsklinik Jena die Situation in Deutschland auf einer Presseveranstaltung der Firmen Amgen und GlaxoSmithKline dar.

Therapie ist lückenhaft

 

Nur 25 Prozent der Betroffenen werden hierzulande angemessen medizinisch versorgt. Damit trägt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich die rote Laterne, wie aus einer in den »Archives of Osteoporosis« erschienenen Studie hervorgeht, die Lehmann zitierte (10.1007/s 11657-011-0060-1). In Spanien beträgt dieser Anteil beispielsweise 81 Prozent. »Selbst nach mehreren Frakturen bekommt in Deutschland nur jeder zweite Patient eine Behandlung«, so Lehmann.

 

Für eine optimale Therapie ist eine frühzeitige Diagnose essenziell. »Doch hier liegt das Problem. Eine Osteoporose kann von Ärzten der unterschiedlichsten Fachrichtungen therapiert werden. Doch keiner fühlt sich derzeit zuständig; die Patienten werden hin- und hergeschoben. So werden auch heutzutage immer noch Patienten nach offensichtlich osteoporosebedingten Frakturen aus dem Krankenhaus entlassen, ohne dass in der Krankenakte vermerkt wird, dass dringender Osteoporose-Verdacht besteht. In der Folge lässt der Hausarzt diesen auch nicht abklären«, schilderte Dr. Ortrun Stenglein-Gröschl, die in Coburg ein osteologisches Zentrum leitet, die derzeitige Praxis.

 

Sie plädierte deshalb für einen intensiveren Austausch zwischen Krankenhaus, Hausarzt und Facharzt, um Zeitverzögerungen bei der Diagnose zu vermeiden. Außerdem forderte sie die Verankerung eines standardisierten Osteoporose-Screenings. So sollte am besten bei Frauen ab dem 60. und bei Männern ab dem 70. Lebensjahr ein Risikotest erfolgen, um das Frakturrisiko abschätzen und rechtzeitig intervenieren zu können.

 

Die Behandlung wird derzeit von Bisphosphonaten bestimmt. Eine Alternative stellt der RANK-Ligand-Inhibitor Denosumab (Prolia®) dar, der als subkutane Spritze einmal pro Halbjahr verabreicht wird. Denosumab ist der bislang einzige verfügbare humane mono­klonale IgG2-Antikörper, der an das Protein RANK-Ligand (RANKL) bindet. Das hindert RANKL daran, seinen Rezeptor RANK auf der Oberfläche von Osteoklasten und deren Vorläuferzellen zu aktivieren. Die Unterbrechung der Rezeptor-Ligand-Interaktion hemmt die Differenzierung und Reifung von Osteoklasten aus den Vorläuferzellen und stört Funktion und Überleben dieser knochenabbauenden Zellen. In der Folge nimmt die Knochenresorption deutlich ab. Aufgrund des Wirkmechanismus ist es wichtig, dass die Basisversorgung mit ausreichend Calcium und Vitamin D sichergestellt ist.

 

Aufnahme in die Leitlinie

 

Seit 2010 ist Denosumab auf dem deutschen Markt erhältlich. In der neuen Version der S3-Leitlinie des Dachverbands osteologischer Gesellschaften, die unmittelbar vor der Veröffentlichung steht, wird der Antikörper als Osteoporose-Mittel der ersten Wahl für postmenopausale Frauen mit erhöhtem Frakturrisiko enthalten sein. Stenglein-Gröschel hob hervor, dass der Antikörper auch bei Osteoporose-Patientinnen mit schwerer Nierenfunktionseinschränkung einsetzbar ist, und auch bei Frauen über 75 gut wirkt. /

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