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Geschäftsbericht

Gemeinsam dicke Bretter bohren

18.10.2016  15:13 Uhr

Viele Themen, die die ABDA im berufs­politischen Diskurs ­bearbeitet, sind sprichwörtliche dicke Bretter – Forderungen, für deren Umsetzung es eines langen Atems ­bedarf. Hauptgeschäftsführer Sebastian Schmitz warf in seinem Bericht Schlaglichter auf einige davon und machte zugleich ­deutlich: ­Erfolg kann die Apotheker­schaft nur haben, wenn sie ­geschlossen auftritt.

Eine politische Dauerbaustelle, die die Apotheker schon seit Jahren beschäftigt, ist die Honorierung. Die Forderungen sind bekannt: Anpassung des Festzuschlags und Erhöhung der Zuschläge für Rezepturen und dokumenationspflichtige Arzneimittel. »Es gilt nach wie vor, dass wir von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt sind«, sagte Schmitz. Beim ersten Punkt habe das zuständige Bundeswirtschaftsministerium zwar immerhin erkannt, dass Handlungsbedarf besteht. Die Herangehensweise, zunächst ein Gutachten zu erstellen, das kurz vor der Bundestagswahl 2017 erst fertiggestellt sein wird, lasse aber vermuten, dass das Thema auf die lange Bank geschoben werden solle. »Wir werden darauf achten, dass das nicht passiert«, versprach Schmitz.

 

»Auf einem deutlich besseren Stand« sei man bei der angestrebten Erhöhung der Rezepturvergütung und der Dokumentationsgebühren. Diese sei den Apothekern von Vertretern vieler Parteien seit Jahren versprochen worden, nun habe Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Ankündigungen wahr gemacht. Die Reaktion vonseiten des GKV-Spitzenverbands ließ allerdings nicht lange auf sich warten; er möchte die Summe, um die die Rezepturvergütung erhöht wird, im Bereich der Fertigarzneimittel wieder abziehen. »Diesen Verschiebebahnhof werden wir nicht mitmachen«, sagte Schmitz. Schließlich gehe es um den seit Langem fälligen Ausgleich gestiegener Kosten, der sich nicht durch systematische Trickserei wegreden lasse.

 

Auch die Ausschreibungen von Krankenkassen, sei es in Form von Rabatt­verträgen für Arzneimittel oder in der Impfstoff-, Hilfsmittel- oder Zytostatika­versorgung begleiten die Apotheker schon seit Langem. Die Motivation des Gesetzgebers ist klar: Es geht um Kostensenkungen, die im Bereich der Rabattverträge auch durchaus erreicht wurden. Die Krankenkassen sparten damit derzeit pro Jahr rund 3,6 Milliarden Euro, wohlgemerkt unter Delegation eines großen Teils des Aufwandes hierfür an die Apotheker, sagte Schmitz. »Ins­gesamt ist hier eine Fehlentwicklung eingetreten, die dringend einer Korrektur bedarf.«

 

Es sei nicht hinnehmbar, dass durch Ausschreibungen die Qualität der Versorgung unter die Räder gerate. Schmitz nannte als Beispiel für diese Entwicklung die Hilfsmittelausschreibung, die die Krankenkassen laut Gesetz ab dem Jahr 2004 zunächst nutzen konnten, ab 2007 dann nutzen sollten. Nachdem sich Klagen von Patienten häuften, ruderte der Gesetzgeber 2009 zurück und ersetzte das Sollen wieder durch ein Können, ohne jedoch den Mut zu haben, auf die Ausschreibungen vollständig zu verzichten. Auch der jetzt vorliegende Gesetzentwurf zum Heil- und Hilfsmittelversorgungsstärkungsgesetz reiche nicht aus, um eine hohe Qualität der Versorgung auf Dauer sicherzustellen. Die ABDA erwarte von der Politik unverändert, bei Zytostatika und Hilfsmitteln ganz auf Ausschreibungen zu verzichten und die Kollektivverträge wieder zu stärken.

 

Das dritte Thema, auf das Schmitz näher einging, ist noch nicht sehr alt, wird deshalb aber nicht weniger intensiv diskutiert: die Digitalisierung. Sie hat auch im Gesundheitswesen Einzug gehalten. »Apps können Gesundheits­daten sammeln, gezielte Informationen zu einzelnen Krankheiten bereitstellen, den Patienten während der Arzneimitteltherapie mit Erinnerungsfunktionen begleiten, sein Fitnesstraining kontrollieren und Vieles mehr. Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt«, sagte Schmitz. Auch die persönliche Dienstleistung des Apothekers werde zukünftig von digitalen Diensten begleitet.

 

Um einerseits die Berufsausübung im digitalen Umfeld zu unterstützen und sich andererseits auf Angebote und Instrumente zu konzentrieren, die bei der Versorgung der Patienten helfen können, habe der ABDA-Gesamtvorstand im Positionspapier »E-Health: Ethische Grundsätze« Leitplanken definiert, die in diesem Bereich zu gelten haben. Zentrales Anliegen der Apotheker müsse sein, die Daten der Patienten maximal zu schützen, weshalb neue Technologien nur nach sorgfältiger Abwägung von Aufwand, Nutzen und Risiken eingesetzt werden dürfen. »Wir haben in unserer Geschäftsstelle eine eigene Abteilung IT und Telematik aufgebaut«, informierte Schmitz. Diese beschäftige sich unter anderem mit dem Aufbau eines apothekeneigenen IT-Netzes – ein Beschluss des Deutschen Apothekertags 2015.

 

»Wir brauchen aber nicht nur technische Instrumente, sondern auch neue Angebote und Leistungen, die mit dieser Technik verbunden sind«, sagte Schmitz. Hier seien allerdings größere Widerstände zu überwinden, etwa bei Leistungen in der Prävention oder beim Medika­tionsmanagement. Diese rührten daher, dass Apotheker über viele Jahrzehnte lediglich als Arzneimitteldistributeure und nicht als persönliche Berater wahr genommen worden seien. Der Rollenwandel hin zum Arzneimittelfachmann, der sich auch um die Optimierung der Arzneimittelanwendung kümmert, sei noch recht jung und trete nicht von heute auf morgen ein. Auch hier handelt es sich also um ein dickes Brett.

 

Erschwert werde ein schnellerer Fortschritt in diesem Bereich dadurch, dass die Gesetzeslage der Entwicklung hinterherhinke. »Die Abgabe des Arzneimittels im Sinne einer logistischen Tätigkeit beherrscht im SGB V die Szene und atmet noch das alte Verständnis vom Arzneimitteldistributeur«, sagte Schmitz. Immerhin sei es gelungen, im Rahmenvertrag zur Arzneimittelversorgung pharmazeutische Bedenken als Hin­derungsgrund für die Abgabe rabatt­begünstigter Arzneimittel aufzunehmen. An den »unredlichen Streitereien« und Retaxationen, die das ausgelöst habe, zeige sich jedoch deutlich, wie ungern die Krankenkassen es sehen, wenn Apotheker eigenständige Entscheidungen in Bezug auf die Versorgung treffen.

 

Mehr Verantwortung

»Hier ecken wir natürlich an mit unserem Perspektivpapier, in dem wir uns als Experten für das Arzneimittel positionieren «, so Schmitz. Nicht nur die Apotheker selbst, sondern auch Vertreter von Parlament und Regierung sähen das neue Rollenverständnis der Apotheker mittlerweile positiv. Offensichtlich fehle aber noch der Mut, auf Worte auch Taten folgen zu lassen, sagte Schmitz mit Blick auf die untergeordnete Rolle der Apotheker im E-Health-Gesetz.

 

Der jetzt Gesetz gewordene Medikationsplan in Papierform, der in der Apotheke lediglich handschriftlich ergänzt werden darf, bleibe weit hinter den Möglichkeiten und dem Nutzen zurück, die eine ordentliche Medikationsana­lyse beziehungsweise ein Medikationsmanagement als honorierte Dienstleistung bieten würden. »In der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) sind wir da schon viel weiter«, sagte Schmitz. Dieses Projekt belege Schritt für Schritt, dass es möglich und sinnvoll ist, Leistungen des Apothekers zur Verbesserung der Versorgung einzubringen und zu bezahlen.

 

»Ist das Glas damit nun halb voll oder halb leer?«, fragte Schmitz. Optimisten würden wohl sagen, dass im politischen Raum noch nie so intensiv über Arzneimitteltherapiesicherheit und die Rolle des Apothekers diskutiert wurde wie zurzeit – halb voll also. Pessimisten sähen dagegen vermutlich ein halb leeres Glas, weil sie die gegenwärtigen Rahmenbedingungen und die Tatsache im Blick hätten, dass sie dem Anspruch der Apotheker noch lange nicht entsprechen. »Wie dem auch sei – fest steht, das Glas ist nicht voll und wir werden weiter dafür kämpfen, es mit Inhalt zu füllen.« /

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