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Selbsthilfegruppen

Über Tabus reden

16.10.2012  18:06 Uhr

Wissen vermitteln und Verständnis für Betroffene wecken – dies ist ein wichtiges Ziel von Selbsthilfegruppen. Rund 15 Vereinigungen präsentierten sich bei der Expopharm.

»Die Fibromyalgie ist heute besser bekannt als noch vor zehn Jahren, aber wir brauchen noch viel mehr Aufklärung«, sagte Claudia Dexl, die die Selbsthilfegruppe der Deutschen Fi­bro­myalgie-Vereinigung e. V. (DFV) in München leitet. Oftmals werde die Erkrankung fälschlich als Weichteilrheuma oder als reine Frauenkrankheit beschrieben. »Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie an Fibromyalgie leiden oder was die Erkrankung für sie bedeutet«, berichtete Dexl. Auf der Expopharm in München informierte die DFV über Symptome, Diagnose und Therapie der Erkrankung und vermittelte Adressen zu den bundesweit etwa 90 Selbsthilfegruppen.

 

Eine lebensgroße Pappfigur mit extremer Wespentaille stand am Eingang des Stands, an dem Stefanie Hildebrandt, Leiterin von Cinderella e. V. – Beratungsstelle für Essstörungen, über Essprobleme aller Art informierte. »Wir wollen die Besucher ermutigen, bei uns nachzufragen. Denn oft spüren wir eine große Unsicherheit im Umgang mit essgestörten Menschen.« Cinderella ist eine öffentlich finanzierte Erstanlaufstelle für jegliche Fragen zu Essproblemen, zum Beispiel Bulimie, Binge Eating und Adipositas. Das Spektrum der Beratungen reiche von Fütterungsstörungen bei Säuglingen und Kindern bis zu Ernährungsproblemen im hohen Alter, betonte die Diplompsychologin. Cinderella widme sich zudem der Prävention und biete Schulungen in Apotheken an.

 

Aufklären, Infomaterial ausgeben, Adressen von Gruppen vermitteln – dies sind Aufgaben der Anonymen Alkoholiker Interessengemeinschaft e. V. »Alkoholabhängigkeit ist immer noch ein Tabuthema, viele Abhängige werden schief angeschaut«, sagte Sigi, die selbst betroffen ist. Für die Teilnahme an den AA-Treffen gebe es eine einzige Voraussetzung: »Wer zu uns gehören will, muss nur den Wunsch haben, mit dem Trinken aufzuhören.« Die Anonymen Alkoholiker bieten Gruppen für Alkoholabhängige und für Angehörige an und arbeiten auch in der Prävention. Zum Beispiel spreche sie auch mit Frauen im Gefängnis, sagte Sigi. »Ziel ist, das Leben auch in schwierigen Situationen ohne Alkohol zu meistern.«

 

Zum zweiten Mal war die Deutsche Dystonie-Gesellschaft bei der Expopharm in München. Sie klärt allgemein über die Erkrankung auf, begleitet und unterstützt Betroffene aber auch ganz individuell. »Wir haben ein offenes Ohr für Betroffene und Angehörige und beantworten Fragen rund um die Dystonie«, sagte Lore Klupp, Leiterin der Dystonie-Selbsthilfegruppe in München. Denn oft sei gar nicht bekannt, dass diese Erkrankung eine motorische Störung mit unwillkürlichen, länger anhaltenden Muskelverkrampfungen ist. »Solange ein Patient seine Krankheit nicht annehmen kann, kommt er nicht damit zurecht.« Für viele sei es sehr hilfreich, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. In Deutschland gibt es etwa 30 Selbsthilfegruppen. Klupp wünschte sich vor allem regen Kontakt zu Apothekern. /

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