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Vier Fragen an...

11.10.2017  09:31 Uhr

… Professor Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direk­tor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf:

 

PZ: Ist es tatsächlich so einfach: Weniger Zucker in Nahrungsmitteln bedeutet weniger Folgeerkrankungen und weniger Kosten für das Gesundheitssystem?

 

Martin: In welche Produkte überall Zucker hineingemischt wird, kann der Normalbürger nicht erkennen. Der Druck auf die Industrie muss daher erhöht werden. Jedoch kann dies nur ein erster Schritt sein. Lediglich ein Nahrungsmittel zu verteufeln, wie beim Zuckergipfel der AOK geschehen, wird der Gesamtproblematik nicht gerecht. Denn auch Stärke, die in Getreideprodukten, Kartoffeln und Nudeln enthalten ist, wird im Darm sehr schnell zu Zucker umgewandelt. Kartoffelpüree hat sogar einen höheren glykämischen Index als Haushaltszucker. Somit müsste man auch vor diesen Produkten warnen und einen Pasta-, Kartoffel- oder Reis-Gipfel veranstalten.

 

PZ: Und alle kohlenhydrathaltigen Lebensmittel entsprechend künftig auch besteuern?

 

Martin: Meines Erachtens sollte man mit Strafen vorsichtig sein und eher aufklären. Leider besteht in der Ernährungsmedizin keine klare Ansicht da­rüber, was gefährlich ist. Meine Meinung ist, dass wir die Menschen durch die Low-Fat-Produkte erst richtig übergewichtig gemacht haben. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die weltweite Gewichtszunahme erst durch das Verteufeln von Fett in den 1970er-Jahren verursacht wurde. Heute weiß man, dass damals nicht ausreichend Studien vorlagen, um eine solche Ernährungsempfehlung überhaupt zu rechtfertigen.

 

PZ: Was passiert mit Normal­gewichtigen, wenn die Rezepturen sich ändern?

 

Martin: Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass normal­gewichtige Personen irgendeine Ernährung vorgeschrieben bekommen sollten. Es hängt hier auch sehr davon ab, wie viel sie sich bewegen. Ich stelle mir die Frage, warum ein Hobbysportler, der regelmäßig joggt oder Fahrrad fährt, plötzlich durch Strafzölle bestraft werden sollte – nur, weil er nach der Bewegung etwas Süßes essen will. Und wo hören wir auf? Dann müssten ja auch die Konditoreien zahlen.

 

PZ: Kritiker der Zuckerreduktionsstrategie sagen, Austauschstoffe verringern nicht unbedingt die Energiedichte eines Lebensmittels.

 

Martin: Stimmt. Ein bloßer Austausch von Zucker mit Süßstoffen ist Augenwischerei. Es gibt eine Reihe an Studien, die zeigen, dass dies nichts bringt. Süßstoffe können sogar dazu führen, dass der Körper andere Kohlenhydrate schneller aufnimmt oder die Insulinproduktion damit erhöht wird. Und eine erhöhte Insulinausschüttung senkt zwar den Blutzuckerspiegel, blockiert aber auch die Fettverbrennung. Wichtig ist, dass wir uns »entsüßen«. Auch ich habe früher Kaffee mit Zucker getrunken, heute spucke ich ihn aus, wenn er gezuckert ist. Es ist eine Frage der Gewöhnung.

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