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Winterblues

Licht ins Dunkel bringen

08.10.2013
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Von Ulrike Abel-Wanek / Nasskalt und sonnenarm stehen sie vor der Tür und schlagen aufs Gemüt: Die dunklen Wintermonate machen vielen Menschen zu schaffen, rund 800 000 Deutsche leiden Jahr für Jahr unter einer saisonal abhängigen Depression (SAD). Dagegen hilft Lichttherapie und viel Bewegung im Freien an frischer Luft, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Priv.-Doz. Dr. Christine Rummel-Kluge von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

PZ: Herbst und Winter bieten trübe Aussichten für Wetter und Wohlbefinden: Warum fühlen sich viele Menschen in dieser Zeit so schlapp?

 

Rummel-Kluge: Ein Zusammenhang zwischen Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit und depressiven Stimmungen ist wissenschaftlich unbestritten. Je nachdem wie viele Stunden pro Tag es im Winter an einem Ort dunkel ist, lassen sich regionale Unterschiede feststellen. So sind Winterdepressionen in südlichen Ländern am Mittelmeer kaum bekannt und in Skandinavien häufiger als in Deutschland.

 

PZ: Andauernde Müdigkeit ist nur ein Symptom der saisonal abhängigen Depression. Wie äußert sich ein sogenannter Winterblues? Und wie unterscheiden sich die Symptome von einer echten Depression?

 

Rummel-Kluge: Die saisonal abhängige Depression tritt regelmäßig immer wieder zur gleichen Zeit, zum Beispiel im Herbst-Winter auf. Das ist ein deutlicher Unterschied zur normalen Depression, an der man unabhängig von bestimmten Zeiten erkrankt. Beide Formen sind charakterisiert durch Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Rückzug und Müdigkeit. Menschen, die unter einer saisonal abhängigen Depression leiden, haben jedoch häufig einen auffällig großen Appetit auf Kohlenhydrate und Süßes und neigen zur Gewichtszunahme. Außerdem schlafen sie viel. Ganz anders bei der normalen depressiven Störung: Die Betroffenen sind appetitlos, nehmen eher ab und schlafen schlecht und wenig. Dennoch handelt es sich auch bei der SAD um eine depressive Erkrankung, die behandelt werden muss.

PZ: Warum reagieren manche Menschen so stark auf Lichtmangel, andere aber nicht?


Rummel-Kluge: Das ist nicht ausreichend untersucht und kann man deshalb nicht genau sagen. Wie bei der Depression müssen wahrscheinlich mehrere Dinge zusammenkommen, das heißt, es gibt multifaktorielle Ursachen: Genetik ist nur ein Teil, das weiß man aus der Zwillingsforschung. Eine Rolle spielen vermutlich bestimmte traumatische Kindheitserfahrungen, aber auch stressige Lebenssituationen.

 

PZ: Sind Frauen und Männer gleich stark betroffen?

 

Rummel-Kluge: In Europa erkranken Frauen generell häufiger an Depressionen. Das Geschlechterverhältnis ab der Pubertät und im Erwachsenenalter liegt hier bei etwa 2:1. Man weiß nicht genau, woran das liegt. Hormone spielen eine Rolle, man denke etwa an die postpartale Depression.

 

Es gibt allerdings Untersuchungen an eher homogenen Gruppen, beispielsweise unter orthodoxen Juden oder Amish-People, wo Alkohol oder Suizid geächtet sind. Dort ist das Verhältnis 1:1, das heißt, Männer und Frauen sind gleich stark von Depressionen betroffen. Eine Erklärung scheint zu sein, dass Männer in diesen Gruppen anders mit Depressionen umgehen. In der westlichen Welt greifen Betroffene eher zum Alkohol. Wenn das keine Option ist, scheint sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern anzupassen. Befragungen zufolge leiden Männer subjektiv stärker unter einer SAD, bei den normalen Depressionen ist es umgekehrt. Hier fühlen sich die Frauen stärker beeinträchtigt.

 

PZ: Was kann man gegen den Winterblues tun?

 

Rummel-Kluge: Man sollte auf keinen Fall warten bis im Frühjahr die Sonne wieder scheint, sondern direkt bei den ersten Symptomen mit einer entsprechenden Therapie, zum Beispiel der Lichttherapie beginnen, um den Krankheitsverlauf abzukürzen. Eine SAD äußert sich meist weniger stark als die klassische Depression und kann oft ambulant behandelt werden. Bereits in der Antike haben Ärzte einen Zusammenhang zwischen Licht und Gemütslage festgestellt und Licht als Therapie empfohlen. Heute ist erwiesen, dass das tatsächlich gut funktioniert. Mindestens 2500 bis 10 000 Lux sollte so eine Lampe jedoch schon haben, eine normale Zimmerbeleuchtung strahlt nur etwa mit 300 bis 500 Lux. Hilfreich ist auch, sich viel im Freien zu bewegen. Lieber eine Runde draußen laufen als in der Halle Sport machen und in der Mittagspause besser an der frischen Luft ein Brötchen essen statt vor dem Computer. Wenn das alles nicht hilft, behandelt man im zweiten Schritt auch medikamentös – mit Antidepressiva.

 

PZ: Wann sollte man auf jeden Fall den Arzt aufsuchen?

 

Rummel-Kluge: Wenn die Hauptsymptome wie niedergeschlagene Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit länger als zwei Wochen dauern. Das ist ja das Spezifische an der Depression: dass die Dinge, die bisher Spaß gemacht haben, keine Freude mehr bringen. Bei anderen Erkrankungen, auch sehr schweren, kann es immer auch mal freudige Momente geben. Fast jeder hat mal eine schlechte Phase, hat zum Beispiel Konzentrations- und Schlafstörungen, leidet unter Schuldgefühlen oder schaut pessimistisch in die Zukunft. Aber auch diese Symptome können Zeichen einer Depression sein. Ob das so ist oder ob es sich um eine vorübergehende Krise handelt, kann ein Arzt, zum Beispiel Hausarzt oder Psychiater, feststellen.

 

Man kann nicht deutlich genug sagen: Die Depression ist eine schwerwiegende Erkrankung, keine Befindlichkeitsstörung. Das gilt auch für die SAD, wenn sie die beschriebenen Kriterien erfüllt. Über 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, leiden an einer psychischen Erkrankung. Bei 15 Prozent der depressiv Erkrankten kommt es zum Suizid.

 

PZ: Wie kann der Apotheker Kunden mit saisonal abhängiger Depression helfen?

 

Rummel-Kluge: Apotheker können darauf verweisen, dass es eine Lichttherapie gibt, die gut gegen die Beschwerden helfen kann. Sollten darüber hinaus Antidepressiva nötig sein, müssen die Patienten wissen, dass diese im Vergleich zu anderen Substanzgruppen gut verträglich sind. Weder verändern sie die Persönlichkeit noch machen sie abhängig. Hier gibt es viele Vorurteile in der Bevölkerung. Ärzte haben in der Regel wenig Zeit, über Nebenwirkungen aufzuklären. Da sehe ich einen ganz wichtigen Einsatz für die Apotheker. Beispielsweise treten bei Antidepressiva Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kreislaufprobleme oder Schwindel möglicherweise relativ schnell auf. Die eigentliche Wirkung setzt erst etwas später ein. Wenn die Patienten das nicht wissen denken sie: Jetzt geht es mir ja noch schlechter und brechen die Behandlung möglicherweise ab. Mit der entsprechenden Information sind sie auf diese Durststrecke gut vorbereitet. /

Seelische Gesundheit

Der 10. Oktober ist seit 1992 »Internationaler Tag der seelischen Gesundheit« und erinnert daran, dass immer mehr Menschen aufgrund seelischer Belastungen erkranken. Initiatiator ist die World Federation for Mental Health (WFMH).

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