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Infektionen

Höheres Risiko für Rheumapatienten

08.10.2013
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Von Maria Pues, Mannheim /Patienten mit einer Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis haben ein erhöhtes Risiko, an einer schweren Infektionskrankheit zu erkranken – und das aus verschiedenen Gründen.

Aus drei Quellen gleichzeitig speist sich für Patienten mit rheumatischen Erkrankungen deren erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten: aus der Grunderkrankung selbst, aus der immunsuppressiven Therapie und aus verschiedenen Komorbiditäten. Die Quellen sprudeln allerdings unterschiedlich stark. So gibt es Unterschiede auf die Risikosteigerung zwischen einzelnen rheumatischen Erkrankungen und auch zwischen verschiedenen Wirkstoffgruppen. Studien hierzu und einen Risikorechner erläuterte Professor Dr. Christian Kneitz, Rostock, auf dem 41. Kongress der Deutschen Rheumatologischen Gesellschaft. Dabei geht es um mehr als um einen banalen Schnupfen. Für diese Patientengruppen stellten Infektionskrankheiten die häufigste Todesursache dar, so Kneitz. Und: »Die Patienten wissen nicht gut Bescheid über ihr erhöhtes Infektionsrisiko«, mahnte er zu mehr Aufklärung.

Einfluss der Grunderkrankung

 

Die allgemeine Infektanfälligkeit von Patienten mit rheumatoider Arthritis sei gegenüber Gesunden um durchschnittlich rund 50 Prozent erhöht, erläuterte der Referent. Im Vordergrund stehen dabei Pneumonien, Harnwegsinfekte und Infektionen der Haut wie Erysipele. Insgesamt handle es sich zu 90 Prozent um bakterielle Infektionen. Das Infektionsrisiko erhöht sich dabei für verschiedene Erkrankungen in unterschiedlichem Ausmaß und auf unterschiedlichen Wegen (zur Risikoerhöhung durch virale Infektionen lesen Sie Rheumatische Erkrankungen: Impfen trotz oder wegen Rheuma?).

 

Eine spezielle Situation finde man bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes (SLE), deren Risiko noch höher ist als das von Patienten mit rheumatoider Arthritis, berichtete Kneitz. Bei ihnen kommt es zu einer eingeschränkten Funktion der phagozytierenden Zellen und zu einer Störung der zellulären Immunantwort. Ein Gen-Polymorphismus im TNF-238 Allel verursacht eine verminderte TNF-α-Wirkung infolgedessen sich unter anderem eine Lymphozytopenie, eine gestörte Immunglobulinproduktion und Defekte im Komplementsystem zeigen. Letztere führen zu einer ungenügenden Markierung eingedrungener Erreger als Fremdkörper (Opsonierung) und einer beeinträchtigten Elimination von Immunkomplexen. Auch bei SLE-Patienten sind es vor allem Pneumonien, Sepsis und Abszesse der Haut, aber auch Tuberkulose, die vermehrt auftreten.

 

Einfluss der Therapie

 

Unabhängig von der Grunderkrankung erhöht vor allem eine Therapie mit Corticosteroiden das Risiko für Infektionserkrankungen, führte Kneitz aus. Glucocoticoide hemmen verschiedene Interleukine und Mediatoren. Zudem beeinflussen sie unter anderem T- und B-Zellen, Makrophagen und neutrophile Granulozyten. Die Erhöhung erfolgt dosisabhängig. Bei Dosierungen bis zu 5 mg Prednisolon beträgt die korrigierte Prävalenzrate 1,32, für Dosierungen von 6 bis 10 mg bereits 1,94 und für Dosierungen von über 10 mg 2,98.

In niedrigen Dosierungen kommt ein weiterer Einflussfaktor zum Tragen, nämlich das Alter. So zeigte eine Studie aus dem vergangenen Jahr, dass bei älteren Patienten die regelmäßige Einnahme bereits geringer Corticoid-Dosen (in diesem Fall 5 mg Prednisolon) das Infektionsrisiko deutlich erhöht: nach drei Monaten um 30 Prozent, nach sechs Monaten um 46 Prozent und nach drei Jahren um 100 Prozent. Eine Risikosteigerung unter der Therapie mit TNF-Hemmern zeigte sich besonders bei speziellen Risikokonstellationen; eine überproportionale Erhöhung im Alter konnte bei ihnen aber nicht festgestellt werden. Eine Senkung des Infektionsrisikos zeigte sich hingegen unter der Therapie mit den Antimala­riamitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin. Eine Studie zeigte außerdem, dass bei gleichzeitiger Gabe dieser Wirkstoffe SLE-Patienten deutlich besser auf eine H1N1-Impfung ansprachen.

 

Biologicals können bekanntermaßen eine latente Tuberkuloseerkrankung reaktivieren. Studien zufolge beträgt die Häufigkeit einer latenten Tuberkuloseerkrankung, die unter einer Biological-Therapie aktiviert werden kann, bei Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen etwa 8 Prozent. Eine Überprüfung muss daher obligat erfolgen, erinnerte Kneitz. Gegebenenfalls könne man dann der Biologika-Behandlung eine Tuberkulose-Therapie vorschalten. Aber auch vor der Einleitung anderer immunsuppressiver Therapien könne eine Überprüfung sinnvoll sein.

 

Zu einer Aktivierung einer Hepatitis-B-Erkrankung kann es durch die Gabe von Corticosteroiden kommen, führte Kneitz weiter aus. Hepatitis-B-Viren persistieren intrazellulär. In ihrem Genom besitzen sie ein sogenanntes Corticoid-resposives Element, über welches Corticosteroide die Virus-Replikation – mit der Folge teilweise dramatischer Hepatitis-B-Verläufe – wieder anschalten könnten.

 

Einfluss des Patienten

 

Zusammenhänge zwischen Therapie- und Patientenfaktoren untersuchte Dr. Anja Strangfeld, Deutsches Rheuma-Forschungszentrum. Sie untersuchte das Ein-Jahres-Risiko für schwerwiegende Infektionen, abhängig von der Art der Therapie und dem Patientenprofil (siehe Grafik). Dabei zeigte sich unter anderem, dass das anfangs teilweise moderate Risiko beim Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren erheblich ansteigen kann. Als wesentliche Risikofaktoren ermittelten die Wissenschaftler ein höheres Lebensalter, chronische Lungen- oder Nierenerkrankungen sowie schwere Infektionen in der Vorgeschichte. Aus der Studie heraus entwickelte Strangfeld einen Risikorechner, der Hinweise auf das individuelle Risiko von Patienten liefern kann. Er steht im Internet unter www.biologika-register.de zur Verfügung. /

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