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Wettbewerb

Parmapharm gerät unter Druck

09.10.2006  10:31 Uhr

Wettbewerb

Parmapharm gerät unter Druck

Von Thomas Bellartz

 

Seit Wochen tobt in der Freien und Hansestadt Hamburg ein Preiskrieg. Ausgelöst durch PR-Aktionen von 35 Parmapharm-Apotheken ist nicht nur der Markt in Bewegung gekommen. Insbesondere die Hersteller sorgen sich wegen der Rabattschlacht um den Bestand ihrer Marken - und drohen der Parmapharm mit mehr als nur Liebesentzug.

 

Der Pressesprecher der Parmapharm, Guido Greger, sagte am vergangenen Freitag gegenüber der PZ, dass es »sehr ernste Gespräche« mit Bayer und auch mit anderen Herstellern gegeben habe. Das Problem sei geklärt. Es gelte, eine Balance zu finden zwischen den Bedürfnissen der Industriepartner und den Aktionen der Parmapharm. Denn: »Das sehen die Markenhersteller nicht gerne.« Dass die Rückzugsdrohungen verschiedener Hersteller bei Parmapharm nicht auf taube Ohren gestoßen sein werden, verdeutlicht der Hinweis, dass Aktionen wie die in Hamburg nicht zu einem »Dauer-Discount« führen würden. Bei der Gruppe, die sich selbst als größte Apothekenkooperation bezeichnet, verweist man allerdings darauf, dass sich auch für die Industrie die politischen Rahmenbedingungen ändern würden.

 

Der Pressesprecher rudert also zurück; unterdessen wächst sich der Preiskampf in Hamburg aus. Immerhin ließ nicht nur Ulf Haverland, Parmapharm-Gesellschafter und in PR-Fragen anscheinend erfahrener Apotheker aus Hamburg, sich im Hamburger Abendblatt wie folgt zitieren: »Aber viele der am meisten nachgefragten Mittel werden auf Dauer preiswerter sein.«

 

Der allmähliche Rückzug der Parmapharm geht einher mit der Kritik, die nicht nur von den Konkurrenten aus Hamburg und der dortigen Apothekerkammer, sondern ganz besonders auch aus den eigenen Reihen kommt. Schon während der Expopoharm in München waren einige Parmapharm-Mitglieder und »Gesund-ist-bunt«-Aktivisten mit der Kopplung an »Happy-Digits« nicht einverstanden. Nun befürchten Mitglieder, dass die Parmapharm mit den Preisaktionen das eigene Image weiter ramponiert.

 

Erreicht haben die 35 Apotheken einiges - wenn auch in eigener Sache: Die Frequenz der teilnehmenden Apotheken wurde erheblich gesteigert. Das berichten zumindest diejenigen Apotheken, die im Umfeld der Aktions-Apotheken angesiedelt sind. Erreicht haben die Parmapharm-Apotheken aber auch, dass sich die Wettbewerbszentrale mit einzelnen Apotheken beschäftigt und der Frage nachgeht, ob beispielsweise aus Sicht des Heilmittelwerbegesetzes alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

 

Wenn es denn ein Erfolg wäre, hat Parmapharm noch etwas anderes erreicht, nämlich aufmerksamkeitswirksame Schlagzeilen produziert. Inwieweit dies den Hamburger Apotheken und den Patienten im Rahmen der Arzneimittelversorgung tatsächlich nutzt, ist noch nicht belegt.

Kommentar: Der Verlust der Marke

Es kommt, wie es kommen musste. Während sich manche Unternehmen Jahrzehnte darum bemühen, eine eigene Marke zu entwickeln, Konzerne Millionen und Abermillionen investieren, um Verbrbraucher und Kunden vom Wert ihrer Produktmarken zu überzeugen, riskieren diejenigen, die längst im Besitz von Marken sind, dieselben.

 

Der von Parmapharm angezettelte Preiskampf in Hamburg ist nur ein Beispiel von vielen. Allerdings ist die Dynamik nicht nur bemerkenswert und gefährlich, sondern womöglich ein Lehrstück dafür, wie man es nicht machen sollte. Es ist kein Mut, sondern Arroganz anzunehmen, man sei stark genug, um nicht nur den längsten Atem zu haben, sondern auch letztlich an der Spitze einer evolutionären Entwicklung zu stehen. Ob Darwin seine Freude an dieser Species gehabt hätte, sei dahingestellt.

 

Freudig erregt jedenfalls sind die von Parmapharm angefütterten Medien in der Hansestadt. Und auch deren Leserinnen und Leser wandern nun auf den Pfaden der Schnäppchenjäger - hin zu den 35 zum Preiskampf bereiten Apotheken, weg von den anderen.

 

Dass die Markenhersteller, allen voran Bayer, dieses Vorgehen gegen den Strich geht, ist nur zu gut zu verstehen. Es geht dabei auch weniger darum, dass der Preis infrage gestellt wird, sondern besonders um die Art und Weise, wie das geschieht. Waren Arzneimittel nicht Güter der besonderen Art? Wollen Apothekerinnen und Apotheker nicht auf Qualität und Beratung abstellen.? Wer seit September das Hamburger Szenario beobachtet, dem muss Angst und Bange werden. Und auch Verbraucherschützer sollten sich überlegen, ob ein Preiskampf tatsächlich im Sinne von Verbrauchern und Patienten ist. Einen Arzneimittelvorrat anzulegen ist die eine, diesen Vorrat auch verbrauchen zu wollen, die andere Perspektive.

 

Und während manche Apotheken beginnen, die werthaltigen Marken der Hersteller zu zertrümmern, werfen sie Steine aus dem Glashaus. Denn ebenso wie Beratung und Unabhängigkeit sind es die starken Marken und werthaltigen Produkte und Leistungen, die die Marke Apotheke ausmachen. Einen gerade gestarteten Preiswettbewerb rückgängig machen zu wollen, ist um ein Vielfaches schwerer, als ihn zu starten. Denn dieser Prozess ist mindestens ebenso erklärungsbedürftig wie Arzneimittel selbst. Diejenigen Preiskämpfer, die behaupten, sie würden durch einen verstärkten Absatz die Marke der Hersteller polieren und damit den geringeren Preis in der eigenen Schatuelle wettmachen, belügen sich selbst und die Verbraucher: Denn angesichts des verstärkten Zulaufs an Kunden müssten die Apotheken konsequenterweise mehr Beratungspersonal einstellen. Davon konnte dem Vernehmen nach bislang allerdings noch keine Rede sein. Und so gibt es also keine Win-win-Situation, höchstens eine kurzfristigen Gewinn für die Preiswettbewerber. Reagiert der Markt, dann fallen die Preise flächendeckend, stehen Beratungsleistungen und Service zur Disposition.

 

Der Blick in den Einzelhandel sollte zeigen, wohin das führt - zu Verlusten, Minimalmargen, einer drastischen Marktbereingung bis hin zu den Mega-Ketten. Und genau das wollen also 35 Hamburger Apotheken?

 

Thomas Bellartz

Leiter der Hauptstadtredaktion

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