Pharmazeutische Zeitung online
Psychiatrie

Frauen als Patientinnen, Angehörige und Co-Therapeutinnen

09.10.2006  10:31 Uhr

Psychiatrie

Frauen als Patientinnen, Angehörige und Co-Therapeutinnen

VonBrigitte M. Gensthaler

 

Jeder Mensch kann psychisch krank werden. Frauen sind jedoch viel häufiger betroffen als Männer. Manche Erkrankungen wie Depressionen gelten sogar als »typisch weiblich«. Doch eine geschlechterspezifische Psychiatrie steht noch ganz am Anfang.

 

Depressionen sind die häufigste psychische Erkrankung bei Frauen. Sie lösen oft weitere Beschwerden wie Angst- und Schlafstörungen, Kommunikationshemmung und Schmerzen aus. Mit steigendem Lebensalter tritt das seelische Leiden häufiger auf. Nach einer aktuellen Untersuchung wird eine Depression in der ambulanten Versorgung bei etwa 7 Prozent der 35-Jährigen diagnostiziert und damit doppelt so häufig wie bei gleichaltrigen Männern. Bei den Frauen über 80 ist jede Fünfte betroffen.

 

»Die Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit zeigen sich schon ab der Pubertät«, berichtete Professor Dr. Anke Rohde von der Universitätsfrauenklinik Bonn bei einem Presseseminar des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) in München. Neben rein biologischen und hormonellen Faktoren gebe es mehrere Gründe für die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Durch ihre Lebenssituation mit konkurrierenden sozialen Rollen, wie Ehefrau, Mutter und Berufstätige, geraten viele Frauen unter psychischen Druck. Auf Überbelastung, Konflikte und Traumatisierung reagieren sie mit Schuldgefühlen bis hin zu Depressionen, während Männer eher zu aktiven, aggressiven Bewältigungsstrategien oder Suchtmitteln tendieren.

 

Zudem nehmen Frauen ihre Beschwerden anders wahr und suchen schneller hausärztliche oder fachliche Hilfe, sagte die Professorin für Gynäkologische Psychosomatik. Männer zögern den Gang zum Arzt länger hinaus und wenden sich dann eher an einen Facharzt. Doch auch Ärzte entscheiden geschlechtsspezifisch: Bei gleicher Symptomschilderung werde bei Frauen eher eine Depression diagnostiziert als bei Männern, und Frauen bekommen nahezu doppelt so häufig Psychopharmaka verschrieben. »Männertypische« Beschwerden einer Depression werden in den heutigen Skalen kaum oder gar nicht erfasst. Zudem werde kaum beachtet, dass einige Psychopharmaka bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken können. Beispielsweise wurde in Studien berichtet, dass prämenopausale Frauen auf den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Sertralin besser ansprechen als Männer, die zudem eine höhere Drop-out-Rate wegen Nebenwirkungen hatten. Männer profitierten dagegen besser von dem trizyklischen Antidepressivum Imipramin. Vergleichbares wurde für das SSRI Fluoxetin und das vorwiegend noradrenerg wirkende Nortriptylin beobachtet.

 

Dass Depressionen als »typisch weiblich« gelten, liegt laut Rohde auch daran, dass sich die Forschung in den vergangenen Jahren stark auf psychische Probleme im Zusammenhang mit weiblichen reproduktiven Vorgängen fokussiert hat. So ist heute bekannt, dass etwa jede zehnte Frau in der Schwangerschaft und 10 bis 15 Prozent der Frauen nach der Entbindung an Depressionen leiden. Dies ist nicht zu verwechseln mit einem vorübergehenden Stimmungstief (»Baby-Blues«). Gleichwohl werde die postpartale Depression oft nicht wahrgenommen und behandelt.

 

Doch auch bei Männern kann das seelische Gleichgewicht kippen. Es sei kaum bekannt, dass etwa 5 Prozent der Männer nach der Geburt ihres Kindes depressiv werden, sagte Rohde. Bei 5 bis 10 Prozent der Paare, die ungewollt kinderlos bleiben, reagiert einer oder beide mit einer seelischen Störung. Im Klimakterium bekämen viele Männer ähnliche psychische Probleme wie Frauen, jedoch sei dies kaum erforscht. »Vielleicht erfassen die heutigen Definitionskriterien die männliche Depression nicht oder nur unzureichend.« Ebenso würden Unterschiede im Verlauf einer Erkrankung, zum Beispiel bei bipolaren Störungen, zu wenig beachtet.

 

Gezeichnete Patientin

 

Auch die Nebenwirkungen von Psychopharmaka werden bei Männern und Frauen unterschiedlich wahrgenommen. »Viele Patienten und Patientinnen sind gezeichnet von ihren Arzneimitteln«, sagte Elisabeth Haap, die als Betroffene seit 25 Jahren Erfahrung mit der stationären und ambulanten Psychiatrie hat.

 

Die äußerlich sichtbaren Nebenwirkungen seien oft so belastend, dass die Patienten die Tabletten nicht mehr nehmen und lieber einen Rückfall riskieren. Zittern, maskenhafte Gesichtszüge, Sabbern, ein »zombieartiger Bewegungsablauf«, Grimassieren, Zahnschäden, Haarausfall und Hautkrankheiten seien für Frauen besonders entstellend und demütigend. Sie selbst leide unter Haarwuchs im Gesicht und an Händen und Armen.

 

Ein großes Problem ist die Gewichtszunahme durch die psychische Erkrankung und die Medikamente. Die meisten Frauen belastet es stark, wenn sie in kurzer Zeit dick werden. Dass die zusätzlichen Pfunde eine Folge der Medikation und nicht von Willensschwäche oder Fresssucht sind, müsse man der Patientin und ihren Angehörigen vorher erklären, forderte Rohde. Viele Kliniken »und manche Pharmafirmen« versuchten vorzubeugen, indem sie Ernährungsberatung anbieten, berichtete Haap. An sich eine gute Sache. »Wer aber einmal unter dem Einfluss bestimmter Medikamente seine Hungerflashs erlebt oder bemerkt hat, wie sich der Grundumsatz verändert, fühlt sich dadurch doppelt verschaukelt.« Denn dann liege der Schwarze Peter wieder bei der Patientin und nicht bei den Tabletten. Zudem machten einige Psychopharmaka so müde, dass die Kraft gerade noch für den Alltag, aber nicht mehr für Spaziergänge oder Sport ausreicht.

 

Sehr eindringlich warb Haap um Nachsicht für Psychiatriepatientinnen, die ungepflegt oder schlecht aussehen. In depressiven Phasen falle es oft sehr schwer, zu duschen oder die Zähne zu putzen. Manchmal fehle der Antrieb, die Wäsche zu waschen. Es gebe Seelenzustände, in denen sich Betroffene völlig unpassend anziehen oder schminken, Kleidung wegwerfen oder sich verletzen. Manche Frauen litten unter Ängsten und Zwängen, die es nicht erlauben, mit Wasser in Berührung zu kommen.

 

Familien in Not

 

Die psychische Krankheit eines Menschen beeinflusst immer auch den Partner und die ganze Familie, weiß die BApK-Vorsitzende Eva Straub. »Alle Familienmitglieder sind mitbetroffen; sie haben Angst vor der Zukunft, dem weiteren Verlauf oder einem Suizid.«Allgemein werde es als selbstverständlich angesehen, dass die Familie den psychisch Kranken versorgt, doch das überlaste viele emotional, finanziell, seelisch und partnerschaftlich, sagte Straub, die selbst einen kranken Sohn hat. Angehörige stoßen in der Gesellschaft häufig auf Unwissenheit und Vorurteile. Ratlosigkeit, Scham und Schuldgefühle, Vereinsamung und Überforderung prägen den Alltag vieler Familien. Wenn sie beispielsweise wegen eines Schizophrenie-Kranken oft umziehen müssen oder ein Elternteil seinen Beruf für die Betreuung aufgeben muss, reicht bald das Geld nicht mehr. »Viele Familien und Ehen zerbrechen an diesem Schicksal.«

Mit psychisch Kranken leben

Vor 34 Jahren schlossen sich Frauen mit psychisch kranken Angehörigen in Stuttgart zu einer ersten Selbsthilfegruppe zusammen. 1985 leiteten sie die Gründung des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker e. V. (Familien-Selbsthilfe Psychiatrie) ein. Heute gibt es bundesweit 15 BApK-Landesverbände und weit mehr als 500 Gruppen. 80 Prozent der Mitglieder sind Frauen.

 

Geschäftsstelle:

Thomas-Mann-Straße 49a

53111 Bonn

Telefon (02 28) 63 26 46

Fax: (02 28) 65 80 63

bapk(at)psychiatrie.de

www.bapk.de

 

Selbsthilfeberatung:

Hotline (01 80) 59 50 95-1 (Mo, Di und Do von 15 bis 19 Uhr)

beratung.bapk(at)psychiatrie.de

Meist bleibe nur einer übrig, der den Kranken für immer begleitet, in aller Regel die Ehefrau, Mutter oder Tochter, sagte Straub. Die Frauen sind oft die einzige Bezugsperson und Gesprächspartnerin, fungieren als »Prellbock« in Krisen und als Co-Therapeutin. Sie beaufsichtigen den Kranken, halten Kontakt zu Ärzten und Nachsorgeeinrichtungen und sorgen für die Compliance bei der Arzneimitteleinnahme. Das ist konfliktträchtig, da viele Patienten selbst keine Krankheitseinsicht entwickeln. Straub warb für die Selbsthilfegruppen für Angehörige. Sie selbst habe dadurch Kraft zum Durchhalten gewonnen. Allerdings ist dies ein »weiter harter Weg«: Viele Frauen kämen erst völlig ausgebrannt in eine Selbsthilfegruppe. Jedoch berichten sie dann, dass sie nur hier Unterstützung finden, offen über ihre Ängste reden und praktische Ratschläge und Mut für den Alltag gewinnen können. Dies ist essenziell, denn, so zitierte Straub eine andere Frau, die Betreuung eines psychisch kranken Angehörigen bedeutet »lebenslänglich«.

Mehr von Avoxa