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Laienreanimation

Herzdruckmassage

05.10.2016
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Durch Stärkung der Laien­reanimation 10 000 Leben jedes Jahr retten – das hat sich das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung als Ziel gesetzt. Bislang trauen sich in Deutschland zu wenige Menschen in Notfällen, eine Herzdruckmassage zu beginnen. Über das Aktionsbündnis und seine Ziele sprach die PZ mit Professor Dr. Bernd Böttiger, Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Rates für Wiederbelebung und Chef der Anästhesiologie an der Uniklinik in Köln.

PZ: Warum ist die Laienreanimation so wichtig?

 

Böttiger: Der plötzliche Herztod ist die dritthäufigste Todesursache in Indus­trienationen. Jedes Jahr erleiden mindestens 50 000 Menschen in Deutschland einen Herz-Kreislauf-Stillstand, nur 10 Prozent von ihnen überleben trotz Reanimation durch die Rettungskräfte.

Der Grund hierfür ist, dass die Rettungskräfte zu spät kommen. Sie können gar nicht rechtzeitig kommen. Setzt das Herz aus, wird das Gehirn nicht mehr durchblutet. Nach 10 bis 15 Sekunden ist man bewusstlos. Nach drei bis fünf Minuten fängt das Gehirn an zu sterben. So schnell kann ein Rettungswagen in der Regel gar nicht vor Ort sein. Deshalb müssen Umstehende eingreifen, denn in 60 bis 70 Prozent der Notfälle sind andere Menschen zugegen, meistens Familienangehörige.

 

PZ: Was ist das richtige Verhalten in einer solchen Situation?

 

Böttiger: Unser Motto lautet »Prüfen – Rufen – Drücken«. Zunächst sollte man den Betroffenen ansprechen und, falls keine Reaktion erfolgt, schütteln oder fest zwicken. Außerdem sollte die Atmung geprüft werden. Fehlt diese oder ist sie nicht normal, ist die Notrufnummer 112 zu wählen. Dann sollte bis zum Eintreffen der Rettungskräfte eine Herzdruckmassage erfolgen – also das Drücken.

 

PZ: Worauf kommt es dabei an?

 

Böttiger: Für die Herzdruckmassage gilt: Hauptsache heftig. Der Betroffene muss auf einem harten Untergrund gerade auf dem Rücken liegen. Für eine effektive Herzdruckmassage muss man mit durchgestreckten Armen mit voller Kraft etwa 100 bis 120 Mal pro Minute zwischen den beiden Brust­warzen auf das Brustbein drücken. Orientieren kann man sich dabei am Rhythmus von »Staying alive« von den Bee Gees oder »Get lucky« von Daft Punk. Dabei sollte man etwa fünf bis maximal sechs Zentimeter tief mit vollem Gewicht drücken. Da das anstrengend ist, sollte man sich wenn möglich nach etwa zwei Minuten ablösen lassen.

 

PZ: Was genau bewirkt man damit?

 

Böttiger: Die Herzdruckmassage übernimmt die Funktion des ausgefallenen Herzens und bringt das Blut wieder zum Fließen. 10 bis 20 Prozent des normalen Blutflusses können so generiert werden. Das reicht aus, dass das Gehirn nicht weiter abstirbt. Die Herzdruckmassage verdoppelt bis verdreifacht die Chancen zu überleben. Wenn Laien in Deutschland sie so häufig machen würden wie zum Beispiel Menschen in Skandinavien, könnten wir 10 000 Menschen pro Jahr zusätzlich retten.

 

PZ: Um die Laienreanimation zu stärken, wurde das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung ins Leben gerufen. Was ist das Ziel dieser Initiative?

 

Böttiger: In Deutschland wird derzeit bei 34 Prozent der Fälle von Herz-Kreislauf-Stillstand eine Herzdruckmassage von Umstehenden begonnen. Diese Quote liegt in den Niederlanden bei etwa 70 Prozent, in manchen Teilen Skandinaviens sogar bei etwa 80 Prozent. Unser Ziel ist es, die Quote in Deutschland bis zum Jahr 2020 auf mehr als 50 Prozent anzuheben. Dabei ist Däne­mark unser Vorbild. Durch eine landesweite Kampagne konnte dort die Quote innerhalb von zehn Jahren von unter 20 auf nahezu 50 Prozent angehoben werden. Das Überleben bei plötz­lichem Herztod hat sich dadurch verdreifacht. Das können wir auch erreichen.

 

PZ: Welche Maßnahmen sind dazu nötig?

 

Böttiger: Wir müssen vor allem mehr Menschen in der Laienreanimation trainieren. Das muss schon bei Kindern und in der Jugend anfangen, damit Helfen im Notfall selbstverständlich wird. Wir konnten die Kultusministerkonferenz davon überzeugen, die Reanima­tion bundesweit für den Unterricht zu empfehlen.

Ab der siebten Klasse sollen jedes Jahr zwei Stunden zum Thema Wiederbelebung abgehalten werden. Das muss in den einzelnen Bundesländern jetzt unbedingt umgesetzt werden. Um die gesamte Bevölkerung zu erreichen, brauchen wir eine nationale Kampagne. Lehrer müssen entsprechend ausgebildet werden, die Medien müssen über das Thema informieren, in den Betrieben und Institutionen müssen Mitarbeiter entsprechend geschult werden. Das muss eine gesamtgesellschaftliche Bewegung werden.

 

PZ: Welche Rolle können Apotheker spielen?

 

Böttiger: Ich träume davon, dass es in jeder Apotheke in Deutschland eine Reanimationspuppe zum Üben gibt und Menschen und Patienten dort auch Informationen finden, wie eine Herzdruckmassage funktioniert. Eine solche Puppe kostet ab 20 Euro und ist so groß wie ein Aktenkoffer. Die nötigen Informationen gibt es zum Beispiel in Form von Broschüren oder kurzen Filmen, die wir und andere entworfen haben und kostenlos zur Verfügung stellen. Wenn in allen Apotheken das zur Wiederbelebung nötige Wissen vermittelt würde, wäre das genial.

 

Weitere Informationen sind zu finden unter www.einlebenretten.de oder www.grc-org.de. /

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