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Retinadiagnostik

Das Fenster zum Gehirn

05.10.2016
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PZ / Bei vielen neurologischen Erkrankungen lassen sich Veränderungen am Auge feststellen, die mit entsprechenden Hirnveränderungen korrelieren. Denn das Auge enthält den einzigen optisch zugänglichen Teil des Gehirns: die Retina mit Gefäßen und dem Eintritt des Sehnerven.


Als Beispiel nannten Experten auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Mannheim die Multiple Sklerose (MS). Eine genaue Analyse spezifischer Augenbewegungen und Sehfunktionen erlaubt zudem Rückschlüsse auf die dafür verantwortliche Schädigung im Gehirn, ihre Lokalisation und auch die begleitenden kognitiven Störungen.

»Mit modernen bildgebenden Verfahren lassen sich sowohl vaskuläre als auch neuronale Veränderungen der Retina, die Teil des zentralen Nervensystems ist, darstellen und analysieren«, sagte Professor Dr. Tjalf Ziemssen, Neurologe am Universitätsklinikum Dresden. »Viele neurologische Erkrankungen können wir damit heute am Auge ablesen.« Die in den vergangenen Jahren methodisch enorm verbesserte optische Kohärenztomografie (OCT) ist wesentlich aussagekräftiger als eine konventionelle Ophthalmo­skopie: Man kann alle zehn Retinaschichten in mikroskopischer Auflösung darstellen und in wenigen Sekunden abscannen. Die gemessenen Veränderungen korrelieren dabei mit degenerativen Hirnveränderungen bei chronischen neurologischen Erkrankungen, etwa die Dicke der retinalen Faserschicht mit dem Hirnvolumen oder die Dicke der äußeren Körnerschicht mit der fortschreitenden Neurodegeneration bei MS.

 

Ähnliche Zusammenhänge gibt es auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz oder Morbus Parkinson. Besondere Bedeutung hat die Retinadiagnostik bereits jetzt bei MS. Mittels OCT können degenerative Veränderungen der Retina in der Folge von Optikusneuritiden, aber auch unabhängig hiervon nachgewiesen werden.

 

Ein weiteres nicht invasives Untersuchungsverfahren der Netzhaut ist die retinale Gefäßanalyse. Mit einer speziellen Funduskamera lassen sich Arterien- und Venendurchmesser in Echtzeit zuverlässig darstellen und ihre Veränderungen verfolgen. »Man kann dem Spiel der Gefäße direkt zuschauen«, sagte Ziemssen. Darüber lasse sich deren Funktion beurteilen. »Uns ist es kürzlich gelungen, beim metabolischen Syndrom im Frühstadium Auffälligkeiten der retinalen Mikrozirkulation darzustellen«, so Ziemssen. Auch eine Subtypisierung zwischen mikro- und makrovaskulären Schlaganfällen sei mittels einer dynamischen Gefäßanalyse möglich gewesen. /

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