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Ebola-Epidemie

1,4 Millionen Erkrankte befürchtet

30.09.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Massive und rasche internationale Hilfe ist nötig, um den Ebola-Ausbruch in Westafrika noch unter Kontrolle zu bekommen. Ohne diesen Einsatz könnten Berechnungen zufolge bis Mitte Januar 1,4 Millionen Menschen erkranken. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Virus in den betroffenen Ländern endemisch wird oder in weitere Länder vordringt.

Vor einem halben Jahr wurden die ersten Ebola-Erkrankungen aus Guinea gemeldet. Nach sechs Monaten sind nach offiziellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits mehr als 6200 Menschen erkrankt und fast 3000 gestorben. Während sich die Zahl der Erkrankungen im Senegal und in Nigeria durch Isolation der Betroffenen und möglicher Kontaktpersonen auf einige wenige begrenzen ließ, verbreitet sich das Virus in Guinea, Sierra Leone und Liberia nahezu ungebremst weiter.

 

Erkrankungszahl stark unterschätzt

 

Die Zahl der Erkrankungen in den beiden letztgenannten Ländern könnte bis Ende September auf 8000 ansteigen. Dies berechnete eine Arbeitsgruppe um Martin Meltzer von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mithilfe eines selbstentwickelten Computer-Modells namens EbolaResponse. 

 

Den Berechnungen zufolge stellen die offiziellen Angaben eine starke Unterschätzung dar. Die tatsächlichen Werte liegen vermutlich um den Faktor 2,5 höher. Demnach könnten sich bis Ende September etwa 21 000 Menschen mit dem Virus infiziert haben. Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Neuerkrankungen in Liberia alle 15 bis 20 Tage und in Sierra Leone alle 30 bis 40 Tage. Wenn dieses exponentielle Wachstum anhält, müsse mit 550 000 Erkrankungen bis Mitte Januar gerechnet werden; wenn die Unterschätzung mit einbezogen werde, könnten es sogar 1,4 Millionen sein.

 

Zu stoppen wäre die Epidemie, wenn die Behandlungsquote von derzeit geschätzten 18 bis 40 Prozent in den verschiedenen Ländern auf 70 Prozent angehoben würde. Dazu müsste aber die Zahl der Behandlungsbetten massiv und vor allem rasch gesteigert werden. Als Schätzung für die benötigte Bettenzahl gilt die Zahl der Neuerkrankungen pro Woche, da die Patienten etwa eine Woche lang auf den Krankenstationen behandelt werden. Jede Verzögerung hätte schlimme Konsequenzen. Der Berechnung zufolge hätte eine Verzögerung bis zum Erreichen der Behandlungsquote von 70 Prozent um 30 Tage eine Verdreifachung der zu erwartenden Neuerkrankungen pro Tag an der Spitze der Epidemie zur Folge. Entsprechend stark müsse dann auch die Bettenzahl steigen. Sollte die anvisierte Quote bis Ende Dezember erreicht sein, könnte die Epidemie bis 20. Januar beendet sein, so die Prognose.

 

Exponentielles Wachstum

 

Das starke Wachstum der Erkrankungszahl lässt auch das Risiko steigen, dass die Epidemie auf weitere Länder übergreift. So berichtet Dr. Thomas Inglesby, Leiter des Center for Health Security an der Universität Pittsburgh, der Zeitung »New Scientist«: »Wenn es, wie einige Modelle vorhersagen, zu Hunderttausenden Erkrankungen bis Ende 2014 kommt, könnten Fälle auch in anderen Ländern auftreten.« Während einzelne Importe von Ebola-Erkrankungen in der westlichen Welt nach Expertenmeinung keine lokalen Epidemien auslösen würden, sieht das in ärmeren Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen anders aus. In großen Städten wie Lagos in Nigeria oder Kinshasa in der Republik Kongo könne das Virus außer Kontrolle geraten, so Inglesbys Einschätzung.

 

Falls die Weiterverbreitung zwar verlangsamt, aber nicht gestoppt werde kann, besteht zudem die Gefahr, dass das Virus endemisch wird. Zu diesem Ergebnis kommt das WHO Ebola Response Team um Dr. Christl Donnelly nun im »New England Journal of Medicine« (doi: 10.1056/NEJMoa1411100). Mittelfristig müsse man demnach die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Ebola in der menschlichen Population in West­afrika endemisch wird. Das bedeutet, dass sich der Erreger in der Bevölkerung kontinuierlich weiterverbreitet. Dieses Risiko verlange sofortiges konsequentes Umsetzen von Kontrollmaßnahmen und die Entwicklung und Bereitstellung von Impfstoffen und Medikamenten, schreiben die Experten (zum Stand der Forschung lesen Sie Ebola-Medikamente: Forschung unter Hochdruck).

 

Der Ernst der Situation ist mittlerweile international verstanden worden. Bereits vorvergangene Woche hatte der UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der die Seuche als weltweite »Gefahr für Frieden und Sicherheit« bezeichnet wurde. Die Vereinten Nationen wollen noch in diesem Monat eine Sondermission namens UNMEER nach Westafrika schicken. Insgesamt werden Investitionen von 1 Milliarde US-Dollar nötig sein, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Das hatte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, Mitte September erklärt. Die Europä­ische Union versprach weitere 30 Millionen Euro im Kampf gegen Ebola. Damit steigt die Gesamtsumme des bislang von der EU zur Verfügung gestellten Geldes auf 180 Millionen Euro. Die Weltbank will ihre finanzielle Unterstützung auf 400 Millionen US-Dollar (etwa 312 Millionen Euro) ausbauen.

 

Medizinisches Personal gesucht

 

Verschiedene Länder haben angekündigt, medizinisches Personal und Soldaten in die betroffenen Länder zu entsenden. Neben Kuba und den USA gehört dazu auch Deutschland. Insgesamt 4500 Menschen folgten einem gemeinsamen Aufruf von Bundesregierung, Deutschem Rotem Kreuz (DRK) und Bundesärztekammer, sich für einen Einsatz in den Epidemiegebieten zu melden. Das DRK will mit Unterstützung der Bundesregierung eine Behandlungsstation nach Sierra Leone und ein mobiles Krankenhaus nach Liberia entsenden. Doch ohne entsprechend ausgebildetes Personal können diese Einrichtungen nicht arbeiten, wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) betonte. Für die Führung der beiden Behandlungsstationen mit Kapazitäten von 100 und 200 Betten würden etwa 170 Personen benötigt. Gesucht werden vor allem Krankenpfleger und Ärzte, aber auch Hebammen, Physiotherapeuten, Pharmazeuten, Labortechniker und Röntgenfachkräfte.

 

Bis zu einem umfassenden Einsatz deutscher Helfer in Westafrika könnten aber noch einige Wochen vergehen. Gröhe hofft, noch im Oktober Freiwillige entsenden zu können. /

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