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Wochenbett

Zeit der Rückbildung und Neufindung

28.09.2012
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Von Karin Muß / In der Schwangerschaft vollbringt der mütterliche Organismus Höchstleistungen, und die körperliche Anstrengung einer vaginalen Geburt gleicht einem Marathon. Doch an Ausruhen ist nicht zu denken. Die Wochen nach der Geburt sind geprägt von Rückbildungsprozessen und Neuorientierung. Auch das ist Schwerstarbeit.

Das Wochenbett, auch Kindbett oder Puerperium genannt, bezeichnet den sechs- bis achtwöchigen Zeitraum nach der Entbindung. Diese Zeit benötigt der mütterliche Organismus zur Regeneration der schwangerschafts- und geburtsbedingten Veränderungen.

Der Begriff »Wochenbett« stammt aus einer Zeit, in der die junge Mutter nach der Geburt (post partum) mehrere Wochen von der Großfamilie umsorgt wurde und sich zeitweilig im Bett erholen konnte. Bis 1930 galt ein striktes »Aufstehverbot« für Frauen in den ersten neun Tagen. Begründet wurde dies mit der Förderung der Rückbildung und Wundheilung. Das damit verbundene erhöh­te Risiko für Thrombose, Lungenentzün­dung und Stau des Wochenflusses (Lochialstau) war noch unbekannt.

 

In den ersten zehn Tagen (Entbindungstag plus 1. bis 9. Tag, Frühwochenbett) finden die größten körper­lichen Umstellungen statt. Das Spätwochenbett ab dem 10. Tag bis Ende der 6. oder 8. Woche schließt sich mit weiteren Rückbildungs- und Anpassungsvorgängen an (1).

 

Die Rückbildung aller schwangerschaftsbedingten Veränderungen wird durch die Ablösung der Plazenta (Nachgeburt) innerhalb weniger Stunden nach der Kindsgeburt eingeleitet. Geburtsbedingte Wunden an der Plazentaanhaftstelle oder Verletzungen durch Schürfungen, Risse oder Schnitte heilen in den ersten Wochen ab. Nicht zu unterschätzen sind die hormonellen Veränderungen und die Wiederaufnahme der Ovarialfunktion. Früh beginnt die Laktogenese (Milchbildung) (2). Daneben steht die Entwicklung einer guten Mutter-Kind-Bindung in den ersten Wochen im Vordergrund. Auch die neue Familiensituation und psychosoziale Veränderungen sind eine Herausforderung – für Mutter und Vater.

 

Extragenitale Rückbildung

 

Die extragenitalen Rückbildungsvorgänge umfassen allgemeine körper­liche Veränderungen wie Gewicht, Hormon­haushalt, Blasen- und Darm­funk­tion sowie Blutbildveränderungen. Durch die Geburt verliert die Frau, die während der Schwangerschaft normalerweise 10 bis 12 kg zugenommen hat, etwa 6 kg: circa 3300 g für das Kind, 600 g Plazenta, 800 bis 1000 g Fruchtwasser sowie etwa 1000 g durch Flüssigkeitsverlust aus Schweiß und Atmung bei der Geburtsarbeit. Im frühen Wochenbett verliert die Mutter weitere 3 bis 4 kg infolge der Rückbildung der Gebärmutter (Uterusinvolution), Reduktion des Blutvolumens sowie Ausscheidung von eingelagertem Gewebewasser durch Harn und Schweiß. Ab dem 10. Tag bis zum Ende der Stillzeit sinkt das Gewicht nochmals aufgrund der Reduktion des Brustdrüsengewebes, durch die vollständige Uterus­involution und individuell durch Einschmelzung von in der Schwangerschaft aufgebautem Depotfett.

 

Nach dem Ausstoß der Plazenta fallen die Konzentrationen von Estrogen, Progesteron, humanem Plazentalactogen (HPL) und humanem Choriongonadotropin (HCG) im Blut rasch ab. Die Hormonumstellung und die Veränderung der Lebensumstände können zu erheblichen Stimmungsschwankungen um den 3. bis 5. Tag post partum führen, die manchmal sogar länger anhalten (Tabelle 1).

Tabelle 1: Hormonveränderungen im Wochenbett und ihre Auswirkungen; modifiziert nach (1)

Hormone und Bildungsorte (B) Veränderungen Auswirkungen
Humanes Choriongonadotropin (HCG) und Plazentalactogen (HPL); B: Plazenta sehr rascher Hormonabbau Stimmungsschwankungen, Förderung der Rückbildungsvorgänge
Estrogene (Estradiol); B: Plazenta, post partum in den Ovarien rasches Absinken auf geringste Mengen psychische Labilität, Rückbildung des Uterus, nachlassende Hemmung der Hypophyse bewirkt Sekretion der Gonadotropine FSH und LH und somit die Ovulation
Gestagene (Progesteron); B: Plazenta, post partum in den Ovarien rasches Absinken auf geringste Mengen Festigung des Gewebes, Engerstellung der Blutgefäße, Zunahme von Peristaltik und Muskeltonus plus Effekte wie bei Estrogen (s. o.)
Prolaktin; B: Hypophysenvorderlappen Absinken post partum Anstieg beim Stillen Milchbildung, Hemmung der Ovulation bei sehr regelmäßigem Stillen
Oxytocin; B: Hypothalamus Absinken post partum Anstieg bei jedem Stillen Kontraktion und Rückbildung des Uterus, Kontraktion der Myoepithelzellen in der Brustdrüse zur Milchentleerung

Die Zusammensetzung des Blutes passt sich der neuen Situation an. Die Thrombozytenzahl steigt zunächst steil an, um, gemeinsam mit den erhöhten Gerinnungsfaktoren, eine ausreichende Blutstillung am Uterus zu gewährleisten. Beide Parameter normalisieren sich nach einigen Wochen. Schwangerschaftsbedingt erhöhte Leukozytenwerte sinken in den Normbereich. Ein niedriger Hämoglobinwert steigt, gegebenenfalls unter Eisensubstitution (bei einem Hb < 11,2 g/dl), wieder an. Häufig klagen die Frauen über einen labilen Kreislauf. Ursachen sind der Blutverlust bei der Geburt und die langsame Rückbildung der Progesteron-bedingten Weitstellung der Blutgefäße. Hinzu kommt der erhöhte Wassergehalt des Bluts (Hydrämie) durch Ausschwemmung des im Extravasalraum eingelagerten Wassers.

 

Auch Blase und Darm müssen sich erst wieder »normalisieren«. Die reguläre Darmtätigkeit ist häufig herabgesetzt. Erst nach einer bis zwei Wochen hat der Darm seine ursprüngliche anatomische Lage wieder eingenommen und seine frühere Entleerungs­frequenz erreicht. Stuhlinkontinenz kommt laut einer britischen Studie bei vier Prozent der Frauen nach einer Entbindung vor (3).

 

Die gesteigerte Diurese nach der Geburt führt zu Harnflut und rascher Füllung der Blase. Miktionsstörungen wie Harnverhalt und -inkontinenz sowie Restharnbildung können aufgrund von Geburtstraumata oder Beckenbodenüberdehnung auftreten, normalisieren sich jedoch meistens in kurzer Zeit.

Bauchmuskeln und Bauchhaut sind nach der Geburt weich und ausgedehnt. Manche Frauen können sich anfangs schwer aufrichten. Hat sich eine schmale Rektusdiastase (Auseinanderweichen der geraden Bauchmuskeln) entwickelt, so bildet sich diese langsam zurück. Klaffen die Muskelstränge jedoch zwei Querfinger oder mehr auseinander, zeigt die Hebamme der Frau Übungen zum Tonisieren der Muskeln. Die Muskulatur des Beckenbodens stützt die inneren Organe und ist am Verschluss von Blasen- und Darmausgang beteiligt. Während der Geburt wird diese Muskulatur stark überdehnt. Kleine Mikrotraumata der Muskelfasern heilen in kurzer Zeit. Beckenbodentraining nach dem Wochenbett hilft zur Straffung des achtförmigen Muskelrings.

 

Eine verstärkte Pigmentierung im Gesicht, an Brustwarzen, Vulva, Anus und der Mittellinie des Bauches (Linea fusca) verblasst im Laufe der Zeit. Schwangerschaftsstreifen verblassen ebenfalls, bleiben jedoch in der Regel dauerhaft.

 

Rückbildung der Gebärmutter

 

Nach einer vaginalen Entbindung bilden sich die Geburtsorgane zurück (genitale Involution). Die Hebamme überwacht bei jedem Besuch den Heilungsprozess und die Rückbildung der Gebärmutter.

 

Der Uterus vergrößert sich in der Schwangerschaft um das 20-Fache und wiegt am Ende 1,0 bis 1,5 kg. Kein anderes Organ ist zu diesem Wachstum fähig. Gleich nach der Geburt schrumpft er bereits auf 10 bis 15 cm, bedingt durch den abrupten Wegfall der plazentaren Hormone und die Wehen. Die starken Nachwehen in den ersten Stunden und Tagen post partum kontrahieren die Blutgefäße am Uterus und bewirken eine Blutstillung. Die Frau kann die Uterusinvolution unterstützen durch (Bett-)Ruhe in den ersten Tagen, regelmäßige Blasenentleerung (zwei- bis vierstündlich) und 30 Minuten Bauchlage täglich mit einem Kissen unter dem Bauch. Auch häufiges, ausreichend langes Stillen wirkt positiv, da es die Oxytocin-Sekretion fördert und damit zusätzliche Gebärmutterkontrak­tionen auslöst. Nach vier bis sechs Wochen hat der Uterus die ursprüngliche Größe wieder erreicht.

 

Verzögert sich die Rückbildung auffallend (Subinvolutio uteri), haben sich erfahrungsgemäß beispielsweise Zubereitungen aus Bursa pastoris oder feuchtwarme Bauchwickel bewährt. Akut wird auch Oxytocin zur Injektion verabreicht oder bei nicht-stillenden Frauen Methylergometrin.

 

Die Ablösung von Plazenta und Eihäuten hinterlässt eine große Wunde im Uterus. Der Heilungsprozess beginnt mit der Abstoßung von Geweberesten. Große Mengen Fibrin bilden gemeinsam mit Leukozyten einen »Schutzwall« mit antitoxischer und antibakterieller Funktion. Anschließend baut sich die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) neu auf. Nach vier bis acht Wochen ist die Uterusinnenwand wieder komplett mit Endometrium überzogen.

 

Wochenfluss: Spiegel der Wundheilung

 

Der Wochenfluss ist genau genommen Wundsekret der abheilenden Uterusinnenwand und setzt sich zusammen aus Blut, Lymphflüssigkeit, verflüssigten Deziduaresten (Dezidua: Gebärmutterschleimhaut in der Schwangerschaft), Resten von Eihäuten (Chorion und Amnion), abgestoßenem Vaginalepithel, Zervixschleim und Bakterien (meist apathogene gramnegative Keime).

 

Das gefürchtete Puerperalfieber (Wochenbettfieber) wird hauptsächlich durch Fremdkeime ausgelöst, die während der Geburt von Arzt oder Hebamme eingeschleppt wurden. ­Selten sind Eigenkeime die Ursache. Lochien (griechisch lochios: zur Geburt gehörend) sind nicht infektiöser als eine normale Periodenblutung. ­Fischiger Geruch und starke Bauch­schmerzen sowie steigende Temperatur ­weisen auf eine Infektion in den Geburts­wegen hin.

 

In der ersten Zeit nach der Geburt sind die Lochien blutrot und stärker als die Periodenblutung (Tabelle 2). Dann lassen sie rasch nach und verändern Farbe und Konsistenz.

Tabelle 2: Wochenfluss im standardisierten Überblick; cave: individuelle Abweichungen möglich; modifiziert nach (1)

Zeitraum Aussehen Menge Zusammensetzung
1. Tag Lochia rubra; rein blutig reichlich, mehr als regelstark Blut, Blutgerinnsel, Deziduareste, Zervix- und Vaginalschleim
2. bis 3. Tag Lochia rubra; blutig, wässrig reichlich, regelstark, bis zu 100 ml täglich Blut, Blutgerinnsel, Lymphe, Gewebereste, Bakterien, Schleim
Ende der 1. Woche Lochia fusca; rot-bräunlich oder rosa-wässrig weniger als eine Regel­blutung, 10 bis 30 ml täglich viele Leukozyten, weniger Erythrozyten, Lymphe, Gewebereste, Bakterien, Schleim
Ende der 2. Woche Lochia flava; gelblich oder rot-bräunlich spärlich, weniger als 10 ml täglich Lymphe, Leukozyten, verflüssigte Gewebereste, Bakterien, Schleim
Ende der 3. Woche Lochia alba; weißlich bis klar wie leichter Ausfluss Leukozyten, Lymphe, Vaginalschleim
4. bis 6. Woche allmähliches Versiegen Leukozyten, Lymphe, Vaginalschleim

Wochenfluss riecht ähnlich wie Menstrualblut leicht muffig. Die Menge kann stark variieren; als normal gelten 200 bis 500 ml (Gesamtmenge). Die Lochien, oft als »Spiegel der Wundheilung« bezeichnet, versiegen meist nach vier bis sechs Wochen. Sollten sie vorzeitig und plötzlich aufhören, kann ein Stau (Lochialstau) vorliegen, der umgehend behandelt werden muss. Sonst kann sich eine Gebärmutterschleimhautentzündung (Endometritis) entwickeln.

 

Die Behandlung gleicht den Maßnahmen bei verzögerter Uterusrückbildung. Erfahrungsgemäß hilft ein Tee aus Hirtentäschelkraut, kombiniert mit Schafgarbe, Melisse, Eisenkraut und Frauenmantel. Auch eine Bauchmassage, von der Hebamme angeleitet, kann hilfreich sein. Kommt der Wochenfluss nicht in Gang, muss der Frauenarzt die Durchgängigkeit des Zervixkanals (Muttermundkanal) prüfen, ob ein Blutkoagel oder Eihautreste den Abfluss behindern.

 

Bereits drei Tage nach der Geburt hat die Zervix ihre ursprüngliche Form nahezu wieder angenommen. Der Muttermund ist jedoch noch so weit offen, dass die Lochien ungehindert abfließen können. Nach etwa sechs Wochen hat sich der innere Muttermund geschlossen, der äußere steht noch ein wenig offen.

 

Heilung der äußeren Genitalien

 

Das Scheidengewebe (Vagina) und die Schamlippen (Labien) werden während der Geburt stark gedehnt. Kleine Traumata wie feinste Einrisse und Abschürfungen führen zu einer ödematösen Schwellung des äußeren Genitale, begleitet von Wundheitsgefühl, hoher Berührungsempfindlichkeit und brennenden Schmerzen beim Wasserlassen. Meist bilden sich diese Verletzungen in zwei bis drei Wochen zurück.

Laktation und Stillen

Geprägt wird das Wochenbett auch durch die Milchbildung (Laktogenese) und das Stillen. Das Hormon Oxytocin ist für die Auslösung des Milchspendereflexes und damit für den Milchfluss (Milchejektion) zuständig, während Prolaktin die Milchbildung anregt. Ein optimales Stillmanagement in der Klinik, das die nachsorgende Hebamme weiterführt, ermöglicht bei den allermeisten Frauen eine ausreichende Milchmenge und problemloses Stillen. Die Stillberatung nimmt beim Besuch der Hebamme, insbesondere bei Erstgebärenden, mehr als die Hälfte der Zeit in Anspruch. Nach Sectio noch mehr, bedingt durch die erschwerenden Umstände und die Verzögerung der Laktogenese. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung des Stillens für die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Als lindernd empfinden viele Frauen das Abspülen des Intimbereichs mit lauwarmem Wasser, dem ein Esslöffel Calendula-Essenz oder ein gestrichener Teelöffel Meersalz pro Liter zugesetzt werden kann. Auch Sitzbäder mit Kamillen­extrakt (cave: Allergie) oder Lavendelöl können erfahrungsgemäß die Wundheilung anregen.

 

Kleine, nicht blutende Verletzungen müssen nach der Geburt nicht genäht werden. Reißen jedoch Damm, Scheidengewebe oder Labien ein oder ist ein Dammschnitt (Episiotomie) notwendig, wird die Verletzung unter Lokalanästhesie genäht. Besonders am ersten Tag ist der Nahtbereich sehr schmerzhaft. Kühlen bringt rasche Linderung. Ab dem zweiten Tag wird Kühlen nicht mehr empfohlen, da es die Wundheilung verzögert. Abspülen der Vulva nach jedem Toilettengang wirkt lindernd, Sitzbäder und Bettruhe unterstützen den Heilungsvorgang. Antiphlogistika wie Ibuprofen lindern die Schmerzen. Manche Frauen setzen Homöopathika ein. Spätestens nach einer Woche, wenn sich die Fäden aufgelöst haben, kann die Frau wieder gut sitzen.

 

Frühwochenbett nach Kaiserschnitt

 

Heute wird fast ein Drittel der Kinder in Deutschland per Kaiserschnitt (Sectio caesarea) geboren – doppelt so viele wie vor 20 Jahren und viermal so viele wie vor 40 Jahren. Indikationen für eine Sectio sind Beckenendlage, hohes geschätztes Gewicht des Kindes, Kopf-Becken-Missverhältnis und verzögerter Geburtsverlauf. Ob der Wunsch der Mutter einen Kaiserschnitt rechtfertigt, wird kontrovers diskutiert.

Nach einer Sectio braucht die Frau eine intensivere und längere Betreuung in der Klinik (fünf bis sieben Tage versus drei Tage nach vaginaler Geburt). Geburtserleben, Bonding (Bindungsaufbau zum Kind), Wundheilung und Rückbildung verlaufen anders als bei einer vaginalen Geburt. Zudem birgt ein Kaiser­schnitt spezielle Risiken: starke Blutungen, Wundheilungsstörungen, Entzündungen von Gebär­mutter­schleim­haut und -muskel (Endometritis und Endomyometritis), Verletzungen von Harnblase und Darm, Thrombose sowie Verletzungen des Kindes.

 

Die postoperative Betreuung unterliegt speziellen Klinikstandards oder sogenannten Post-Sectio-Programmen. Bestimmte Parameter wie Blutdruck, Puls, vaginale und abdominale Blutung, Uterus und Ausscheidungen werden überwacht. Medikamente werden am Operationstag meist per Infusion gegeben, zum Beispiel postoperativ Oxytocin, Antibiotika, Heparin und anfänglich noch Analgetika. Stillverträglich sind die Opiate Fentanyl und Morphin, aber auch Pethidin, Nalbuphin und Dextropropoxyphen (4).

 

Bereits nach sechs bis acht Stunden erfolgt die erste Mobilisation. Eine rasche Entfernung der Infusionsschläuche und des Blasenkatheters wirkt sich positiv auf die Mutter aus, ebenso eine schnelle Nahrungszufuhr. Der Mutter-Kind-Kontakt kann dadurch intensiviert werden. Wenn keine Komplikationen auftreten, können Frau und Baby die Klinik nach fünf bis sieben Tagen verlassen.

 

Zum Schutz der Naht, die heute meist in der Bikinizone liegt, vor Keimen und Reibung dient lediglich ein hautverträgliches Pflaster. Nach einem bis zwei Tagen, wenn die Wundränder verklebt sind, kann es die Hebamme entfernen. Fäden oder Klammern werden am 5. postoperativen Tag gezogen. Die Wundränder sollten bis zum 7. Tag gut verschlossen sein. Erst in den folgenden zehn bis zwölf Wochen wandelt sich das gefäßreiche rote Granulationsgewebe in helleres festes Narbengewebe um. Taubheitsgefühl und leichte Schmerzen bei Belastung oder Druck sind anfangs normal. Die nachsorgende Hebamme kontrolliert regelmäßig den Heilungszustand.

Zur Pflege der Narbe haben sich Salben mit Calendula, Johanniskrautöl oder homöopathischen Zusätzen in der Praxis bewährt. Eine spezielle Narbenmassage, angeleitet von der Hebamme, unterstützt nicht nur den Wundheilungsprozess, sondern auch die Auseinandersetzung mit und Akzeptanz der Narbe. Mit diesen Maßnahmen kann die Frau ab dem 6. postoperativen Tag beginnen.

 

Lochien fließen auch bei einer Frau mit Kaiserschnitt. Allerdings hält der Wochenfluss nach Sectio nur drei bis vier Wochen an.

 

Nach einer Schnittentbindung benötigt die Mutter mehr Ruhepausen zur Regeneration. Viele Frauen haben Probleme, den Kaiserschnitt, die Narbe und damit die Geburtsumstände zu akzeptieren. Das gilt besonders für Paare, die sehr hohe Erwartungen an das Geburtserlebnis hatten und unbedingt eine natürliche Entbindung anstrebten. Psychischer Beistand ist oft sehr hilfreich – auch, um vor einer eventuellen zweiten Geburt Ängste abzubauen. Nach einem Kaiserschnitt muss nicht unweigerlich wieder eine Sectio folgen. Die Wahrscheinlichkeit, das zweite Kind vaginal zu gebären, ist ebenso hoch wie bei Erstgebärenden. Die oft beschriebene Gefahr einer Uterusruptur hat sich als sehr gering herausgestellt und liegt bei 0,2 bis 0,8 Prozent der Entbindenden (5).

 

Fieber im Wochenbett

 

Regelwidrigkeiten im Wochenbett zu erkennen ist sehr bedeutsam, da gravierende Komplikationen post partum auftreten können. Als Leitsymptome gelten ein schlecht zurückgebildeter, druckempfindlicher Uterus (Subinvolutio uteri), abnormale vaginale Blutungen, Lochialstau und Fieber.

 

Definiert wird »Fieber im Wochenbett« als Erhöhung der Körpertemperatur (oral gemessen) über 38 °C an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Frühwochenbett (ausgenommen die ersten 24 Stunden post partum). Zu den häufigsten Ursachen im Genitalbereich zählen Lochialstau, Endomyometritis, Infektion der Sectiowunde oder der Dammnaht, septische Ovarialvenenthrombose und Ausbreitung der Gebärmutterentzündung auf Tuben und Ovarien (puerperale Adnexitis). Die Puerperal­sepsis stellt die schwerste Infektion einer Wöchnerin dar. Das Mortalitätsrisiko liegt bei fünf Prozent bei Staphylococcus-aureus-Infektion, bei A-Streptokokken sogar bei 30 Prozent (6).

 

Der initiale Milcheinschuss um den 3. bis 4. Tag post partum kann – ebenso wie eine Brustentzündung (Mastitis) – Fieber hervorrufen. Gleiches gilt für Thrombosen (cave Lungenembolie), Thrombophlebitis, Harnwegsinfekte und andere Infektionen.

 

Weitere Störungen im Wochenbett sind Symphysenschäden (Verletzungen an der Schambeinfuge) und urologische Probleme wie Harnverhalt oder -inkontinenz. Endokrinologische Probleme wie das Sheehan-Syndrom sind selten. Hier kommt es zu einem Hypophysenvorderlappeninfarkt mit nachfolgender Prolaktininsuffizienz.

 

Depressive Störungen

 

Nicht zu unterschätzen sind psychische Störungen. Die junge Mutter steht gerade in der Anfangszeit vor hohen Anforderungen. Hinzu kommen die enormen körperlichen und hormonellen Veränderungen. So können sich rasch eine Überforderungssituation und ein damit verbundenes seelisches Tief einstellen, im Volksmund »Heultage« oder »Babyblues« genannt. Hält dieser Zustand längere Zeit (5 bis 30 Tage post partum) an oder verstärkt sich die ­Symptomatik, spricht man von einer Wochen­bett­depression (postpartale Depression).

 

Auslöser sind neben den hormonellen Umstellungen besondere Belastungen wie Stillprobleme, Frühgeburt, krankes Kind, Partnerprobleme oder eine familiäre Vorbelastung. Etwa 10 bis 30 Prozent der Wöchnerinnen sollen betroffen sein (7). Vermutlich liegt die Zahl sehr viel höher.

 

Neben einer Basisbehandlung (Stress­reduktion, Psychotherapie) wird die postpartale Depression medikamentös mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern oder trizyklischen Antidepressiva therapiert. Anders die Wochenbett­psychose. Dies ist eine schwere psychische Störung mit starken Erregungs­zuständen, manischen Zuständen und Halluzinationen. Es besteht Lebensgefahr für Mutter und Kind. Eine Psychose muss in der Klinik behandelt werden.

 

Sexualität nach der Geburt

 

Das Bedürfnis nach Sexualität ist immer sehr individuell. Die gute Durchblutung, hormonelle Situation und ein schönes Geburtserlebnis können bei manchen Frauen die Libido verstärken. Andere verspüren nur wenig Lust, besonders nach einer anstrengenden Geburt oder der ersten Zeit mit dem Baby, sind übermüdet und befriedigen ihr Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit durch häufigen Körperkontakt mit ihrem Baby. Die Neufindung als Dreierkonstellation ist eine große Herausforderung für das Paar.

Betreut von der Hebamme

Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen umfasst laut Hebammenhilfe-Vergütungsvereinbarung 2010 in den ersten zehn Tagen post partum zehn Wochenbettbesuche. Mit jedem stationären Kliniktag reduziert sich das Leistungskontingent um einen berechnungsfähigen Kontakt. Vom 11. Tag bis zur 8. Woche post partum hat die Wöchnerin bei Komplikationen Anspruch auf 16 weitere Kontakte (Besuche oder Telefonate). Bei Stillschwierigkeiten oder Ernährungs­fragen können zusätzlich acht Beratungen bis zum Ende der Stillzeit erfolgen.

Aus medizinischer Sicht spricht nichts gegen frühen Sexualkontakt, sofern alle äußerlichen Geburtsverletzungen abgeheilt sind, also in der Regel nach drei Wochen. Allerdings fließen die Lochien und die Geburtswege sind noch erweitert; dies erleichtert das Eindringen von Keimen. Zur Sicherheit werden daher Kondome empfohlen. Oxytocin, das beim Orgasmus ausgeschüttet wird, führt zu Uteruskontraktionen und unterstützt dadurch die Rückbildung. Es löst jedoch auch den Milchspendereflex und damit den Milchfluss aus. Eine hormonell bedingte vaginale Trockenheit kann die Frau mit einem Gleitgel beheben. Beim »ersten Mal« können noch leichte Schmerzen auftreten. Hier sind Sensibilität und Einfühlungsvermögen des Partners gefragt.

 

Das Thema Verhütung rückt wieder in den Vordergrund. Primäres Abstillen unmittelbar nach der Geburt führt zum raschen Einsetzen der Ovarialfunktion und damit zur Rückkehr der Fruchtbarkeit. Daher sollte das Paar bei sexuellem Kontakt während der Wochenbettzeit wieder verhüten. Bei stillenden Frauen verzögert sich der Eisprung (Ovulation), da der hohe Prolaktinspiegel hemmend auf den Hypothalamus und die Hypophyse und in der Folge auf die Sekretion der Gonadotropine FSH und LH wirkt. Die Hyperprolaktinämie führt dadurch zu einer Stillamenorrhoe.

 

Die erste Ovulation hängt unter anderem von der Stillhäufigkeit ab. Stillen kann daher unter strengen Voraus­setzungen zur Verhütung beitragen. 15 Prozent der stillenden Mütter haben sechs Wochen nach der Geburt wieder eine Menstruation; bei den nicht-stillenden sind es 40 Prozent (9).

 

Spätestens nach Beendigung der Stillperiode nehmen bei fallendem Prolaktin­spiegel die Ovarien schrittweise wieder ihre Funktion auf: Es kommt zur Eireifung und zur Ovulation. 24 Wochen nach der Geburt haben 85 bis 90 Prozent aller Mütter wieder eine Menstruation.

Das sicherste Verhütungsmittel während der Stillzeit ist die Kupfer­spirale. Sie kann direkt nach der Geburt oder nach Versiegen der Lochien eingesetzt werden. Auf die Muttermilch hat sie keine Auswirkung.

 

Zur hormonellen Verhütung eignen sich während der Stillzeit nur Gestagene (Minipille, Hormonimplantat). Obwohl geringe Hormonmengen in der Muttermilch auftauchen, werden Gestagene als mit dem Stillen vereinbar eingestuft. Anders bei Kombinationspräparaten: Estrogene gelangen in höheren Konzentrationen in die Muttermilch und können die Milchmenge reduzieren. Ihre Anwendung wird in der Stillzeit nicht empfohlen.

 

Barrieremethoden (Kondom, Diaphragma) zählen zu den Verhütungsmitteln erster Wahl, solange die Frau stillt. Ein Diaphragma muss der Gynäkologe nach einer Geburt (neu) anpassen.

 

Wertvolle Zeit

 

Mit einer Geburt beginnt eine neue Epoche im Leben einer Frau. Doch während sich werdende Eltern in der Schwangerschaft meist ausführlich auf die Geburt vorbereiten, wissen viele kaum etwas über das Wochenbett. Diese Phase ist für alle Beteiligten auch heute noch sehr wichtig. Jedoch hat der Begriff stark an Bedeutung verloren und viele sprechen lieber von »Babyflitterwochen«. In der modernen Kleinfamilie besteht für die Mütter und Väter leider oft wenig Raum, um sich zu regenerieren, sich mit voller Aufmerksamkeit dem Baby zu widmen und es ausgiebig kennenzulernen. Durch optimale Betreuung in Klinik und zu Hause werden viele Weichen gestellt – für Mutter, Vater und Kind. /

Literatur

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Harder, U., et al., Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause. Hippokrates 2011.

Mändle, C., Das Hebammenlehrbuch der praktischen Geburtshilfe. Schattauer 2007.

Mac Arthur et al., Faecal incontinence after childbirth. Brit. J. Obstetrics Gynecol. 104 (1997) 46-50.

Schaefer, C., Spielmann, H., Vetter, K., Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit. 8. Aufl., Elsevier 2012.

Drack, G., Schneider, H., Pathologische Geburt. In: Schneider, Husslein, Schneider (Hrsg): Geburtshilfe. 3. Aufl. Springer 2006.

Kiechle, M., Gynäkologie und Geburtshilfe. 2. Aufl., Elsevier 2011.

Gießelmann, R., Geburtshilfe Basics. Springer 2006.

Bloehmke, V., Alles rund ums Wochenbett. Kösel 2011.

Wagenbichler, P., Martius, Hebammenlehrbuch. Hippokrates 1999.

 

Die Autorin

Karin Muß hat Pharmazie studiert und erhielt 1990 die Approbation. Seit 1998 arbeitet sie als angestellte Apothekerin. Sie ist Stillberaterin der La Leche Liga Deutschland und legte 2003 ihr Examen als Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant) ab. Zusatzausbildungen in Klassischer Homöopathie sowie Phytotherapie am Zentrum für Naturheilkunde in München folgten ebenso wie eine zweijährige Ausbildung als Heilpraktikerin. Am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München absolvierte Muß eine Ausbildung als SAFE®-Mentorin (Sichere Ausbildung für Eltern). 2005 initiierte sie das Konzept »Babyfreundliche Apotheke«, das bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, und gründete 2007 den Verein »Babyfreundliche Apotheke e. V.«. Muß ist Referentin der Bayerischen Landesapothekerkammer und verschiedener Landesapothekerverbände.

 

 

Karin Muß, Am Gries 6, 82041 Oberhaching, E-Mail: info(at)unternehmen-baby.de, www.unternehmen-baby.de

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