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Diabetischer Fuß

Amputationen häufig vermeidbar

02.10.2012  11:56 Uhr
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Von Annette Mende, Berlin / Alle 15 Minuten wird in Deutschland einem Diabetiker ein Fuß amputiert. In 80 Prozent der Fälle müsste das jedoch nicht sein, sagen Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Eine optimale Behandlung könnte vier von fünf betroffenen Patienten die Gliedmaße erhalten.

Ein diabetisches Fußsyndrom ist in Deutschland mit Abstand die häufigste Amputationsursache. 40 000 Fälle pro Jahr und damit zwei Drittel aller überhaupt vorgenommenen Amputationen sind Folge von Diabetes. Etwa die Hälfte der diabetesbedingten Fußamputationen erfolgt oberhalb des Sprunggelenks. Nach einer solchen sogenannten Major­amputation ist die Gefahr, dass die Betroffenen nicht mehr mobil werden, besonders groß. Das verschlechtert ihre Prognose: Innerhalb von vier Jahren wird mehr als die Hälfte der bereits einseitig amputierten Patienten auch auf der Gegenseite amputiert.

Die Versorgung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom zu verbessern und so die Amputationsrate zu senken, ist erklärtes Ziel der Arbeits­gemeinschaft diabetischer Fuß der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Sie zertifiziert bundesweit Kliniken und Praxen, die sich auf die Betreuung dieser Patienten spezialisiert haben. Dass sich diese Spezialisierung auszahlt, zeigen Erfahrungen aus mittlerweile neun Jahren.

 

»In den zertifizierten Zentren der DDG liegen die Amputationsraten kontinuierlich unter 4 Prozent«, sagte Professor Dr. Ralf Lobmann, Sprecher der AG diabetischer Fuß, bei einer Pressekonferenz in Berlin. Im Gegensatz dazu betrage die Rate der Majoramputationen bei Patienten mit fortgeschrittenem diabetischem Fußsyndrom in nicht zertifizierten Kliniken 10 bis 20 Prozent.

 

Um bei Patienten mit diabetischer Neuropathie und sehr häufig auch peripherer arterieller Verschlusskrankheit Fußwunden zum Abheilen zu bringen, sei die fach- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit vieler Spezialisten entscheidend. »Dazu gehören Diabeto­logen, Gefäßchirurgen, Radiologen und Orthopäden genauso wie Diabetesberater, Wundassistenten, Ernährungsberater, Podologen und Orthopädie-Schuhmacher«, zählte Lobmann auf. Auch Apotheker spielen dabei eine wichtige Rolle, wie die Kommission »Einbindung der Apotheker in die Diabetikerversorgung« von DDG und Bundesapothekerkammer zeigt. Sie hat unter anderem einen Beratungsleitfaden zum diabetischen Fuß erarbeitet (mehr unter www.abda.de/kommission-eadv.html).

 

Einen Grund für die im Vergleich mit den DDG-zertifizierten Zentren so viel höhere Amputationsrate in Standardkliniken sieht Lobmann im Vergütungssystem der Krankenhäuser. »Es ist in Deutschland leider ökonomisch attraktiver ein Bein zu amputieren als es zu erhalten«, kritisierte der Diabetologe. Denn die Sanierung eines diabetischen Fußes sei extrem langwierig und daher teuer. »In den Einrichtungen der AG Fuß haben wir eine durchschnittliche Liegezeit von 38 bis 42 Tagen. Im Vergleich zur Liegezeit in anderen Krankenhäusern ist das exorbitant lang.«

 

Es sei jedoch falsch, nur die kurzfristig entstehenden Kosten zu sehen. Studien zufolge koste ein abgeheiltes Ulkus rund 15 500 Euro. Für ein amputiertes Bein würden dagegen bis zu 100 000 Euro fällig, wenn man die Folgekosten mit berücksichtige. Selbstverständlich ist auch der Verlust an Lebensqualität für den Patienten geringer, wenn sein Fuß gerettet werden kann. »Deshalb müssen wir um jeden Fuß kämpfen«, mahnte Lobmann. / 

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