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Bisphenol A

Hormon aus dem Plastikbecher

30.09.2008
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Bisphenol A

Hormon aus dem Plastikbecher

Von Hildegard Tischer

 

Die Alltagschemikalie Bisphenol A (BPA) steht unter dem Verdacht, das Erbgut zu schädigen. Laut einer neuen Studie könnte sie sogar Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen. Die kanadische Regierung hat vorsorglich Babyflaschen mit BPA verboten.

 

Frederick vom Saal ist ein streitbarer Mann. Seit Jahren wettert der Neurobiologe von der US-amerikanischen University of Missouri schon gegen die Chemikalie Bisphenol A (BPA). Sie kommt in Lebensmittel- und Getränkeverpackungen vor, in Mikrowellengeschirr, CDs, Spielzeug und Babyfläschchen. Denn sie bildet die Basis für den allgegenwärtigen Kunststoff Polycarbonat. Außerdem wird BPA häufig zur Herstellung von Epoxidharzen verwendet, die beispielsweise zur Beschichtung von Konservenbüchsen dienen. Vom Saal meint, dass BPA unter anderem zum allgemeinen Übergewicht der Bevölkerung beiträgt. Seit den 1960er-Jahren steige die Zahl der Dicken stetig. Ebenfalls in den 1960er-Jahren habe der massive Einsatz chemischer Substanzen in der Industrie begonnen. Der Forscher sieht hier einen klaren Zusammenhang und macht BPA als einen der Hauptverdächtigen aus. Es bringe den Estrogenhaushalt durcheinander und verstärke so die Neigung zur Gewichtszunahme. In der Tat gehört die Chemikalie zu den sogenannten endocrine disruptors, die im Organismus estrogenähnlich wirken. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass BPA die Gesundheit gefährdet. So zeigte sich in Tierversuchen, hauptsächlich mit Mäusen und Ratten, eine gestörte Entwicklung von Jungtieren, deren Mütter BPA bekommen hatten (1, 2).

 

Behörde erhöht Grenzwert deutlich

 

Lange Zeit galt in der Europäischen Union für BPA ein Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Anfang 2007 hob die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) allerdings diese Grenze auf täglich 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht an. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass sich von Mäusen nicht auf Menschen schließen lasse. Denn Menschen verstoffwechselten BPA viel schneller als Nagetiere. Erst im vergangenen Juli bestätigte die EFSA diese Einschätzung in einem weiteren Gutachten. Darin heißt es unter anderem, dass ungeborene menschliche Kinder im Mutterleib vor BPA geschützt, beziehungsweise selbst ausreichend zum Abbau der Substanz in der Lage seien.

 

Diese Risikobewertungen scheinen jedoch einen Haken zu haben. Kritiker vom Saal veröffentlicht auf der Homepage seines Instituts regelmäßig Auswertungen der Studien zur Schädlichkeit von BPA. Die letzte Aktualisierung stammt vom vergangenen August und umfasst 218 Tierversuche (3). Vom Saal zufolge fallen 93 Prozent der vom Staat bezahlten Studien zuungunsten von BPA aus, während ausnahmslos alle von der chemischen Industrie bezahlten Tests der Substanz völlige Harmlosigkeit bescheinigen. Außerdem kamen in manchen Studien Rattenarten zum Einsatz, die nicht auf von außen zugeführte Estrogene reagieren. Unter Ausschluss dieser Studien kommen vom Saals Auswertung zufolge sogar 98 Prozent der staatlich finanzierten Studien zu dem Ergebnis, dass BPA riskant ist. Das bedeutet für vom Saal nicht nur, dass ein Teil der Studien schon durch die Auswahl der Versuchstiere manipuliert worden war, sondern dass die Forscher offenbar auch beim Design darauf geachtet hatten, ihrem Auftraggeber aus der Industrie richtige Ergebnisse zu liefern.

 

Im vergangenen September erhielt vom Saal Unterstützung durch den Epidemiologen Professor Dr. David Melzer von der Peninsula Medical School im britischen Exeter, einer staatlichen Einrichtung. Dieser hatte mit seinem Team 1455 Erwachsene im Alter von 18 bis 74 Jahren untersucht und die BPA-Konzentration in ihrem Blut gemessen. Der Auswertung im Fachjournal »Jama« zufolge litten die Teilnehmer mit hohen BPA-Werten häufiger unter Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und sie hatten auch erhöhte Leberwerte (4). Melzer schreibt jedoch einschränkend, wenn hohe BPA-Konzentrationen mit Diabetes einhergehen, lasse sich daraus nicht auf Ursache und Wirkung schließen.

 

Dennoch fordern der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Wissenschaftler um den Toxikologen Professor Dr. Gilbert Schönfelder von der Universität Würzburg sicherheitshalber ein Verbot von BPA zumindest in Babyfläschchen. In einem offenen Brief fordern Schönfelder und Kollegen die EFSA auf, ihre gegenwärtige Einschätzung zu überdenken, vor allem um sicherzugehen, dass »ungeborene und neugeborene Kinder ausreichend geschützt werden²«. Die Gefahr für Erwachsene durch BPA stuft Schönfelder dagegen als relativ gering ein.

 

Bislang bleibt die EFSA bei ihrer Einschätzung. Auch das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) sieht keinen Handlungsbedarf, wie es am 19. September 2008 mitteilte. Auf seiner Homepage informiert das Institut über BPA und schreibt unter anderem: »Die amtliche Lebensmittelüberwachung hat bei stichprobenartigen Untersuchungen im Inhalt haushaltsüblich erwärmter Babyfläschchen kein Bisphenol A nachweisen können. Eine Gesundheitsgefahr für Babys sieht das BfR nicht.«

 

Die kanadische Regierung hingegen hat Polycarbonat-Flaschen für Säuglinge rein vorsorglich verboten. Sie rät Eltern, auf Polyethylenterephthalat (PET)- oder Glasflaschen umzusteigen und im Haushalt darauf zu achten, dass Plastikbehälter für Lebensmittel nicht zerkratzt sind und nicht heiß befüllt, beziehungsweise stark erhitzt werden. BPA tritt nämlich vor allem bei Hitze und beschädigter Oberfläche aus. Diese Empfehlung kann deutschen Verbrauchern sicher ebenfalls nicht schaden.

Literatur

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Susiarjo, M., et al; PLoS Genetics, Vol. 3 (1), 2007, doi: 10.1371/journal.pgen.0030005

Vom Saal, F.; Endocrinology, Vol. 147 (8), 2006, doi: 10.1210/en.2006-0598

http://endocrinedisruptors.missouri.edu/vomsaal/vomsaal.html

Lang, I., et al; Jama; Vol. 300 (11), 2008, doi: 10.1001/jama.300.11.1303

 

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