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Medikationsplan

163 Millionen Euro für Ärzte

28.09.2016
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Von Ev Tebroke / Der Medikationsplan ist da: Der Start am 1.Oktober ist für die Apotheker erneut Anlass, auf die Schieflage in der per E-Health-Gesetz festgelegten Regelung hinzuweisen: Die Randstellung der Apotheker und die verpasste Chance für ein effektives Medikationsmanagement.

Ab 1. Oktober ist es so weit: Dann kann jeder Patient, der dauerhaft mehr als drei verschreibungspflichtige Medikamente einnimmt, von seinem Arzt einen Medikationsplan einfordern. Für Erstellung und Aktualisierung sollen niedergelassene Ärzte im kommenden Jahr eine Vergütung von 163 Millionen Euro erhalten. Darauf haben sich vergangene Woche der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung und die Kassenärztliche Bundesvereinigung geeinigt. Die Summe ist Teil einer gesamten Erhöhung der kassenärztlichen Vergütung von insgesamt rund 1 Milliarde Euro.

Die Apotheker dürfen den Plan auf Wunsch des Patienten ebenfalls aktualisieren. Geld gibt es dafür aber nicht. Eine Medikationsanalyse daher aber auch nicht. Aus Sicht der Apotheker eine bedauerliche Schieflage.

 

Gesetzliches Minimum

 

»Wir werden unsere Patienten weiterhin bei der Arzneimitteltherapie unterstützen und die Liste auf Wunsch ergänzen. Aber mehr auch nicht«, sagte die Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, Magdalene Linz. Die Apotheker würden beim Medikationsplan nun mit der Auflistung das gesetzlich geforderte Minimum erfüllen. Eine Überprüfung der Medikation seitens der Apotheker finde aber nicht statt, so habe es der Gesetzgeber gewollt, betont Linz auf Anfrage der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Den Begriff Medikationsplan hält sie für irreführend. »Das ist kein Plan, sondern eine einfache Liste ohne pharmazeutische Bewertung«, bemängelt Linz. Es sei bedauerlich, dass der Patient nicht selbst entscheiden könne, wer den Medikationsplan erstellt und analysiert. Ein Modellprojekt in Rheinland-Pfalz zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit, das den Einsatz des elektronischen Medikationsplans im Rahmen der Krankenhausentlassung erprobt, habe gezeigt, dass 80 Prozent der Patienten den Apotheker für die Erstellung des Plans auswählen würden, wenn sie die Wahl hätten.

 

»Es ist ein Fehler, die Leistungen der Apotheker nicht in Anspruch zu nehmen«, kritisiert der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer. Der Gesetzgeber müsse spätestens in der kommenden Legislaturperiode im Zuge der Einführung des elektronischen Medikationsplans die Fachkompetenz der Apotheker stärker einbeziehen und auch dafür ein angemessenes Honorar bereitstellen. »Nur wenn es Ärzten und Apothekern gemeinsam gelingt, den elektronischen Medikationsplan als Werkzeug zur Herstellung von Arzneimitteltherapiesicherheit zu konsolidieren, profitieren die Patienten davon.« /

Kommentar

Offenbare Defizite

Schade, der 1. Oktober hätte ein toller Tag für Patienten werden können. Ab diesem Tag gibt es für gesetzlich Krankenversicherte einen eigentlich sehr sinnvollen Service: Wer regelmäßig mindestens drei verordnete Arzneimittel einnimmt, kann von seinem Hausarzt einen Medikationsplan verlangen, auf dem die Medikamente aufgelistet sind.

 

Der 1. Oktober ist leider kein toller Tag für die Patienten geworden. Zwar haben sie ab Oktober tatsächlich einen Anspruch auf einen Medikationsplan. Der bleibt aber leider deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es fängt damit an, dass er nicht digital, sondern auf Papier geführt wird. Anachronistisch ist wohl noch das wohlmeinend­ste Adjektiv für diese Entscheidung. Warum die Bundesregierung von Beginn an die Apotheker vom Medikationsplan ausgeschlossen hat, wird ein Geheimnis der Politik bleiben. Selbst als die Ärzte in einem für sie eher seltenen Moment des Zweifelns verkündeten, sie könnten den Plan nicht ohne apothekerliche Unterstützung führen, hatte Gröhe kein Einsehen. Dabei ist es eine Binsenweisheit, dass sich Mediziner mit OTC-Arzneimitteln nicht sonderlich gut auskennen. Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, dass die meisten Arzneimittel der Selbstmedikation vom Arzt erst gar nicht in den Plan eingetragen werden. Trotz dieser offenbaren Defizite hat sich die Bundesregierung noch lang geziert, die Apotheker doch noch ins Beiboot vom Medikationsplan zu hieven. Jetzt dürfen sie immerhin, auf den ausdrücklichen Wunsch der Patienten, den Plan ergänzen.

 

Wirklich nachvollziehbar ist dies alles nicht. Wenn es bald einen elektronischen Medikationsplan geben soll, dann hätte die Politik diesen schon längst angehen müssen. Wenn tatsächlich alle Medikamente in dem Medikationsplan eingetragen werden sollen, dann hätte man längst die Apotheker einbinden müssen und wenn insgesamt etwas Vernünftiges dabei herauskommen soll, dann muss man diejenigen, die die Arbeit machen, auch vernünftig bezahlen.

 

Daniel Rücker

Chefredakteur

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