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Big Data in der Medizin

Große Chancen, große Risiken

23.09.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Hohmann-Jeddi, Frankfurt am Main / Big Data hat das Potenzial, die medizinische Forschung und Versorgung zu revolutionieren. Welche Chancen und Risiken die systematische Analyse der gesundheitsbezogenen Daten birgt, diskutierten Experten auf einer Tagung des House of Pharma in Frankfurt am Main. In einem waren sie sich einig: Es braucht Regeln, um die sensiblen Daten zu schützen.

»Daten gelten als Rohstoffe des 21. Jahrhunderts«, sagte Moderatorin Claudia Wüstenhagen, Redakteurin der Zeitung »Die Zeit«, zu Beginn der Diskussion. Im medizinischen Bereich fallen mit Blick auf die Patienten Unmengen an Daten an: von klinischen Parametern bis hin zu den Ergebnissen der digitalen Bildgebung oder Genomanalyse. Zusätzlich erheben Patienten selbst gesundheitsrelevante Daten etwa über Gesundheits-Apps. Die Erfassung, Speicherung, Verknüpfung und Analyse dieser Datenmeere wird als Big Data bezeichnet.

 

Effiziente Algorithmen

 

Neue digitale Instrumente eröffnen Möglichkeiten, die medizinische Versorgung und Kommunikation zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen zu verbessern. Ein Ziel ist dabei, anhand von Datenanalysen die Pathologie von Erkrankungen besser zu verstehen, um optimierte Therapien entwickeln zu können. Hier können Algorithmen effizienter als klinische Studien sein, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen.

Die Chancen, die sich böten, seien groß, sagte Patrick Horber, Sprecher der Geschäftsführung des Pharmaunternehmens Abbvie. »Man kann mit den Daten Gutes tun, aber auch Schlechtes.« Es brauche daher EU-weite Regularien zum Datenschutz.

 

Im Umgang mit digitalen Angeboten wie Gesundheits-Apps oder Fitness-Trackern zeige sich ein gewisses Paradoxon, erklärte Ursula Kramer, Geschäftsführerin der Firma Sanawork Gesundheitskommunikation. Viele Menschen seien sich der Risiken zwar bewusst, nutzen die Angebote aber trotzdem. Seit Entwicklung der ersten App sei die Marktdurchdringung überraschend schnell vorangeschritten. Von mehr als 40 Millionen Smartphone-Besitzern benutze jeder dritte eine Gesundheits-App.

 

Für den Verbraucher sei es schwierig, die Qualität der einzelnen Angebote einzuschätzen, sagte Kramer, deren Unternehmen seit 2011 den Markt der Gesundheits-Apps testet. Die Programme böten Riesenchancen mit Blick auf Patienten-Schulung und -Information sowie für die Steigerung der Compliance. Bei der Überwachung und Prüfung der Apps durch staatliche Behörden gebe es aber große Lücken.

 

Datenschutzerklärung

 

Ein ganz essenzieller Punkt ist der Schutz der Daten. Diese dürften nicht heimlich erhoben, gewerblich genutzt oder ohne das Wissen der Nutzer an Dritte weitergegeben werden, sagte Rechtsanwalt Wolfgang Rehmann von der Kanzlei Taylor Wessing. Kramer berichtete, bei einem Test von Blutdruck-Applikationen habe sich gezeigt, dass nur 10 Prozent von diesen eine Datenschutzerklärung vorweisen. »Wenn ich keine anbiete, muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, eventuell unlautere Motive zu verfolgen«, sagte Kramer. Von der Installation von Apps ohne Datenschutzerklärung riet sie dringend ab.

 

Bei der Verwendung von Apps habe der Benutzer noch das Gefühl, selbstbestimmt zu handeln, machte Horber deutlich. Bei Big Data sei dies jedoch nicht der Fall. Wenn der Patient seine Daten freigebe, müsse er auf »egoistische Motive«, wie den Schutz seiner Daten, verzichten, sagte der Mediziner. »Eine Garantie, dass die Daten nicht missbraucht werden, wird es dabei nie geben.«

 

Kramer berichtete, dass eine südafrikanische Versicherung ihren Mitgliedern Apple-Watches angeboten habe. Die Versicherten hätten durch die Nutzung der Uhren die Prämien für ihre Kranken- oder Lebensversicherung senken können. Auch in Deutschland bezuschussen bereits zwei Krankenkassen den Kauf einer Apple-Watch. »Die Versicherten müssen sich die Frage stellen: Bin ich bereit, meine Daten mit der Versicherung zu teilen?«, sagte Kramer.

 

Viele Menschen seien sich der Brisanz dieses Themas schon bewusst. Die Gesellschaft müsse einen Diskurs über Datenfreiheit führen. Es sei zu diskutieren, inwieweit der Einzelne auf den Schutz der eigenen, sensiblen Daten für ein höheres Ziel verzichten möchte, wie die Erforschung von pathologischen Zusammenhängen. »Nur wenn der Nutzer die Chancen und Risiken kennt, kann er einer Datenfreigabe zustimmen.« /

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