Pharmazeutische Zeitung online
Weinbau

Die größte Apotheke der Welt

24.09.2013
Datenschutz bei der PZ

Von Walter A. Ried / Wo bitte befindet sich die nächste Apotheke?« In Trittenheim an der Mosel wird bei dieser Frage auf das gegenüberliegende Flussufer verwiesen. Zu sehen ist dort keine Apotheke im herkömmlichen Sinn, sondern ein steiler, dicht bewachsener Weinberg.

Unübersehbar ist der große weiße Schriftzug, der auf die Trittenheimer Apotheke hinweist. Die bekannte Weinlage wird von den Trittenheimern auch als größte Apotheke der Welt bezeichnet, denn bekanntlich steht der Wein seit Jahrhunderten in dem Ruf, auch kurativ zu wirken. Die rund 60 Hektar umfassende Trittenheimer Apotheke bringt es auf bis zu 70 Prozent Hangneigung, entsprechend mühsam ist die Arbeit für die Winzer. Dass sich die Mühe lohnt, zeigen die vielen hohen Auszeichnungen der dort ausgebauten Riesling-Weine.

100 Jahre alte Rebstöcke

 

Rund 50 Winzer bearbeiten die Trittenheimer Apotheke, und jeder Besitzer weiß genau, welche Reben ihm gehören. Einer von ihnen ist Gerhard Eifel vom Weingut Clüsserath-Eifel. Seine Familie baut dort in der siebten Generation Wein an. Sein Credo lautet: Qualität geht vor Quantität. Jedes Jahr baut er nur eine begrenzte Menge Wein aus. »Wir pflegen dabei den traditionellen Einzelstockbau. Als Besonderheit haben wir teilweise über 100 Jahre alte Riesling-Rebstöcke in der ›Apotheke‹ stehen, die uns nach wie vor Trauben mit exzellenten Geschmacksnuancen liefern. Jüngere Reben würden sicherlich weit höhere Erträge bringen, aber keineswegs ein so hervorragendes Bukett entwickeln.« Das Weingut Eifel betreibt den sogenannten ewigen Weinbau, das heißt, erst nach dem natürlichen Absterben werden alte Rebstöcke gegen neue ausgetauscht. Riesling-Reben sind äußerst robust und halten große Hitze ebenso gut aus wie Eiseskälte. Grundlage für die hohe Weinqualität der Trittenheimer Apotheke ist neben dem Ausbau des Weins die mühevolle Lese in Handarbeit. Im Gegensatz zur maschinellen Ernte werden nur voll ausgereifte Trauben gepflückt. Qualität spricht sich herum, und so hat die Trittenheimer Apotheke einen festen Kundenstamm, darunter – natürlich – auch viele Apothekerinnen und Apotheker.

 

Der Legende nach sollen die Weine des berühmten Steilhangs seit jeher eine besonders heilende Wirkung entfaltet haben, sodass sie den Beinamen »Apotheke« bekamen. Die etymologische Wirklichkeit liest sich etwas nüchterner: Vermutlich leitet sich der Name vom moselfränkischen Dialektwort »aptig« ab, was »abteilich« bedeutet. Das deutet darauf hin, dass sich der Weinberg einst im Besitz der berühmten Trierer Abtei St. Matthias befand.

Teuerste Weißweine weltweit

 

Im Hochmittelalter waren es insbesondere die Zisterzienser, die auf ihr profundes Weinwissen aus dem Burgundischen Stammland aufbauen konnten. Wenn es Bodenbeschaffenheit und Klima erlaubten, legten die Mönche dieses Ordens Weinberge an. Seit dem ­ 18. Jahrhundert wurde der Qualitätsweinbau dann, so wie wir ihn heute kennen, durch verbesserte Ausbautechniken weiter vorangetrieben, um das Fundament für die Hochphase des Moselweinbaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu legen. Neudeutsch ausgedrückt: Es entwickelte sich damals ein regelrechter »Hype« für die Steillagen-Weine zwischen Koblenz und Trier. Vor allem der dort angebotene Riesling zählte zu den teuersten Weißweinen weltweit. Jedes bedeutende Adelshaus und Luxusrestaurant lagerte den fruchtigen Weißwein ein beziehungsweise hatte ihn auf der Weinkarte.

 

Jahrtausende altes Therapeutikum

 

Wein galt über Jahrhunderte nicht nur als köstliches Getränk, sondern war auch ein weitverbreitetes und gern gebrauchtes Arzneimittel. Im ersten Deutschen Arzneibuch (DAB 1) – der »Pharmacopoea Germanica, editio I« –, die unmittelbar nach Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1872 Gültigkeit hatte, wird eine ganze Reihe von Weinmonographien aufgeführt. Hier finden sich »Vinum generosum album/rubrum – edler Weiss-/Rotwein« ebenso wie »Vinum Xerese – Xereswein«. »Xereswein« aus dem südspanischen Jerez de la Frontera ist heute allgemein als »Sherry« bekannt. Sieben weitere Spezialweine samt Rezeptur werden aufgelistet, darunter »Vinum aromaticum« aus aromatischen Kräutern und edlem Rotwein, »Vinum colchici« aus grob gepulverten Herbstzeitlosensamen und Xereswein oder den Brechwurzelwein »Vinum Ipecacuanhae«. Das DAB 6, editiert im Jahr 1926, listet noch verschiedene Monographien zu »Medizinischen Weinen«, »Kampferwein«, Chinawein« oder »Pepsinwein« auf, während man in DAB 7 und 8 keine Weinmonographien mehr findet. Erst DAB 9 und 10 führen wieder jeweils eine Monografie zu »Likörwein – Vinum liquorosum« zur Herstellung von Arzneimittelzubereitungen auf.

 

Sehr speziell aus heutiger Sicht sind Rezepturen wie Vipernwein, zu dessen Herstellung das Fleisch einer Viper in Wein eingelegt wurde. Der daraus gewonnene Extrakt sollte gegen Lepra und Syphilis helfen. Häufigen Gebrauch fand auch der sogenannte Stahlwein mit Eisenspänen (Vinum chalybeatum) zur Behandlung von Nervenschwäche und als Roborans.

Schon der berühmte Altertums-Mediziner Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) setzte Wein bei Kopfschmerzen, Verdauungsleiden und Nierenerkrankungen ein. Und der griechische Gelehrte Plutarch (46 bis 125 n. Chr.) wusste: »Der Wein ist unter den Getränken das Nützlichste, unter den Arzneimitteln das Süßeste und unter den Speisen die Angenehmste.« Galen (129 bis 201 n. Chr.) aus Pergamon wandte Rotweinverbände bei seinen Patienten zur äußerlichen Wundbehandlung an, dasselbe empfahl Paracelsus noch im 16. Jahrhundert bei stumpfen Traumata. Im berühmten Lorscher Arzneibuch, entstanden um 795 im Skriptorium der einstigen Reichsabtei Lorsch in Südhessen, wird Wein als saure, gewürzte oder eingekochte Zubereitung in zahlreichen Rezepturen angewandt. Auch die im Mai 2012 heiliggesprochene Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), die zeitlebens in der Weinlandschaft an Nahe und Rhein beheimatet war, sprach dem Wein heilkräftige Wirkung zu. Die energische Nonne, die in Bingen und Rüdesheim zwei Klöster gründete, sah im Wein vor allem ein potentes Therapeutikum zur Aufmunterung des Gemüts sowie ein wertvolles Diätetikum zur Reinigung und Stärkung des Körpers – inklusive Regulation der Verdauung.

 

Der Arzt Carl Graff aus Traben-Trabach ging noch einen Schritt weiter und sah im Wein ein potentes Mittel gegen die Cholera, die zwischen 1816 bis 1836 in weiten Teilen Europas wütete. Graff stellte fest: »Ganz Asien und Europa wurden von ihr durchzogen.« Doch fiel ihm auch noch etwas anderes auf. »Wo Weinberge sich erhoben, da machte sie halt.« Logisches Fazit für den Arzt: In »passender Menge genossen« sei der Wein durch seine den Körper kräftigenden und regulierenden Eigenschaften mehr als alle anderen Mittel in der Lage, den Menschen vor Ansteckung zu schützen. »Der mit diesen Prädicaten begabte Moselwein ist ein wirkliches und als dann gewiss auch wirksames Vorbauungsmittel gegen die asiatische Cholera.«

 

Weinberge zur Klinikfinanzierung

 

Doch Wein kann der Gesundheit auch indirekt zuträglich sein. In vielen klösterlichen und weltlichen Spitälern war es über Jahrhunderte Brauch, den Patienten täglich eine beträchtliche Menge an Wein zukommen zu lassen. Bis zu dreieinhalb Liter am Tag konnten es sein, so steht es in einer überlieferten Weinordnung des Spitals der Bodenseegemeinde Überlingen. In Bernkastel-Kues an der Mosel zeugt noch heute das St. Nikolaushospital von dieser Tradition. Gegründet hat es der gleichnamige Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues im Jahr 1458 als Armenhospital für »33 alte Männer aus allen Ständen«. Die über 550-jährige Einrichtung finanziert sich seitdem hauptsächlich durch den Ertrag von 7,5 Hektar sehr guten Weinberglagen im Bereich der Mittelmosel. /

Mehr von Avoxa