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Depressive Stimmung

Das Herz leidet mit

27.09.2011
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Von Annette Mende, Berlin / Eine depressive Stimmungslage erhöht das Risiko für Koronare Herzkrankheit in etwa so stark wie ein Bluthochdruck. Zunehmend richten daher auch Kardiologen ihre Aufmerksamkeit auf das seelische Befinden ihrer Patienten.

Psychokardiologie – was sich zunächst nach einem exotischen Randgebiet der Medizin anhört, ist gerade dabei, sich im Praxisalltag von Herzspezialisten zu etablieren. »Wir beobachten einen zwar behutsamen, aber stetigen und nicht mehr umkehrbaren Stimmungswandel. Kardiologen sind zunehmend bereit, psychosoziale Fragestellungen in ihren Arbeitsalltag zu integrieren«, sagte Professor Dr. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) in Berlin.

Zu dieser positiven Entwicklung sei es vor allem deshalb gekommen, weil harte Studiendaten den Zusammenhang zwischen Depressivität und Koronarer Herzerkrankung (KHK) belegen. So habe etwa eine Datenanalyse des Augsburger Monica/Kora-Herz­infarktregisters ergeben, dass Depressivität als Risikofaktor eine Aussagekraft besitzt, die mit derjenigen der klassischen Risikofaktoren durchaus vergleichbar ist. Der Begriff Depressivität ist dabei relativ weit gefasst, er beinhaltet depressive Zustände unterschiedlichen Schweregrades und ist nicht streng auf die affektive Störung Depression beschränkt.

 

Die höchste prädiktive Kraft hätten demnach die Faktoren Rauchen und Diabetes. An dritter Stelle folgten aber bereits Depressivität und Hypertonie, deren Einfluss sich nicht signifikant voneinander unterscheide. Hypercholesterolämie sei sogar knapp nicht mehr signifikant, erklärte Ladwig. Zielpunkt war die Gesamtmortalität von scheinbar gesunden Männern im Alter zwischen 45 und 70 Jahren. Bei adipösen Patienten verstärkt eine Depressivität offenbar das kardiovaskuläre Risiko: Für sich allein betrachtet erhöht Adipositas laut Langzeit­daten des Kora-Projektes das KHK-Risiko nicht nennenswert. Bei gleichzeitiger Depressivität haben Adipöse aber ein dreifach erhöhtes Risiko.

 

Depression bedeutet Stress

 

Ein Grund für den ungünstigen Einfluss der Depressivität auf das Herz ist das selbstschädigende Verhalten vieler Menschen mit depressiver Stimmungslage. »Die Betroffenen kümmern sich meist wenig um eine gesunde Ernährung, rauchen häufig und treiben keinen Sport. Sie sind einfach nachlässiger mit dem eigenen Körper«, fasste Ladwig zusammen. Darüber hinaus gebe es aber auch psychobiologische Faktoren, die das kardiovaskuläre Risiko direkt erhöhen. Denn eine depressive Stimmungslage bedeute für den Körper eine andauernde Stresssituation. Das habe negative Auswirkungen auf das autonome Nervensystem, den Hormonhaushalt und das Immunsystem.

 

Trotz der überzeugenden Evidenzlage bezweifelt Ladwig, dass Depressivität als unabhängiger Faktor in eta­blierte Risikobewertungsskalen wie etwa den Framingham-Score Eingang finden wird. »Das ist aber für die Praxis auch nicht so wichtig. Der Arzt sitzt ja schließlich nicht mit dem Taschenrechner da und berechnet das Herz­infarktrisiko seines Patienten«, sagte der Spezialist für Psychokardiologie. Viel entscheidender sei, dass Ärzte für die Problematik sensibilisiert seien und beispielsweise Patienten mit einer depressiven Verstimmung eng überwachten. Besondere Vorsicht sei geboten, wenn Patienten über einen plötzlich einsetzenden Leistungsabfall berichten, der von Außenstehenden unter Umständen gar nicht wahrgenommen, aber vom Betroffenen subjektiv empfundenen wird. Hinweise auf einen solchen »Knick in der Lebenslinie« kämen häufig auch vom Ehepartner des Patienten.

Das Monica/Kora-Projekt

Monica steht für monitoring trends and determinants in cardiovascular disease und bezeichnet ein interna­tionales Projekt, das die Weltgesundheitsorganisation 1984 gestartet hat. Sein Ziel war, über zehn Jahre alle kardiovaskulär bedingten Erkrankungs- und Todesfälle in definierten Studienregionen zu erfassen und diese in Beziehung zu verschiedenen Einflussfaktoren zu setzen. Stellvertretend für Deutschland nahm an dem Projekt die Region Augsburg teil. In einem Herzinfarktregister werden seitdem kontinuierlich alle neu aufgetretenen Herzinfarkte bei 25- bis 74-jährigen Personen aus der Region Augsburg erfasst. Seit dem Ende des Monica-Studienzeitraums wird das Register als Bestandteil der kooperativen Gesundheitsforschung in der Region Augsburg, kurz Kora, weitergeführt.

Sich bei jeder Konsultation auch nach dem psychischen Befinden des Patienten zu erkundigen, ist also sehr wichtig, kostet aber Zeit. Und die ist in einer Arztpraxis in der Regel knapp. »Das ist ein Grundproblem unserer Disziplin«, sagte Professor Dr. Wolfgang Senf, Vorsitzender der DGPM. »Die sprechende Medizin müsste einfach besser honoriert werden als die Apparatemedizin.« Für den Arzt sei es aber derzeit lukrativer, dem Patienten einen Herzkatheter zu legen oder ihn ins MRT zu schieben. Das Gespräch mit dem Patienten müsse daher als medizinische Dienstleistung eine Aufwertung erfahren und noch besser bezahlt werden, forderte Senf.

 

Frühe Diagnose wichtig

 

Depressive Verstimmungen seien mit einer Psychotherapie gut behandelbar, und zwar ohne Medikamente – ein grundlegender Unterschied zur Therapie der schweren Depression. Wichtig sei, dass sie frühzeitig erkannt würden. »Die Patienten kommen aber oft erst zu uns, wenn es gar nicht mehr anders geht«, sagte Senf. Das liege daran, dass psychische und psychosomatische Erkrankungen nach wie vor häufig als schamhaft und stigmatisierend erlebt werden.

 

»Man geht lieber mit zwei gebrochenen Beinen zum Chirurgen als mit einer Depression zum Psychiater«, brachte es Senf auf den Punkt. Um daran etwas zu ändern, bedarf es allerdings eines generellen Umdenkens in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen meist als ein Zeichen der Schwäche gewertet werden. / 

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