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Pressekonferenz zum DAT-Auftakt

Getrübtes Klima

20.09.2017
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Die selbstständigen Apotheker in Deutschland blicken pessimistischer in die Zukunft als noch vor einem Jahr. Die Stimmung hat sich nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Oktober 2016 deutlich getrübt, wie ABDA-Präsident Friedemann Schmidt auf einer Pressekonferenz zum Auftakt des Apothekertags in Düsseldorf berichtete.

Laut einer im Auftrag der ABDA durchgeführten Umfrage erwarten vier von zehn Apothekenleitern (41 Prozent) in den kommenden zwei bis drei Jahren eine etwas oder deutlich schlechtere Entwicklung für ihre Apotheke. Im Jahr zuvor sagten das nur 28 Prozent. Leiter kleinerer Apotheken mit vier bis fünf Beschäftigten zeigten sich in der aktuellen Umfrage besonders pessimistisch. Für die gesamte Branche rechnen 64 Prozent der Apothekeninhaber mit einer Verschlechterung in naher Zukunft (Vorjahr: 51 Prozent). An der von TNS Infratest umgesetzten ­repräsentativen Umfrage nahmen 500 Apothekenleiter aus ganz Deutschland teil. Der Apothekenklima-Index wurde nach 2016 nun zum zweiten Mal erhoben.

Grund für die schlechte Stimmung ist vor allem das EuGH-Urteil aus dem vergangenen Jahr. Ausländische Versandhändler müssen sich demnach nicht mehr an die in der Arzneimittelpreisverordnung festgelegten Preise für rezeptpflichtige Medikamente halten. So gaben 56 Prozent der Apothekenleiter an, nach dem EuGH-Urteil ihre Investitionen bremsen zu wollen. Rund die Hälfte der Befragten will in den nächsten zwei bis drei Jahren kein neues Personal einstellen und auch die Ausbildung wird aus Sicht der Apotheker vor allem in kleineren Orten mit weniger als 5000 Einwohnern leiden.

 

Grund zur Besorgnis

 

»Wenn sich das Klima in den Apotheken innerhalb eines Jahres so massiv eintrübt, ist das Grund zur Besorgnis«, sagte Schmidt. »Wenn Apotheker nicht mehr investieren, ausbilden und Jobs schaffen, sollte die Politik das ernst nehmen und handeln.« Ein Rx-Versandhandelsverbot ist aus seiner Sicht die einzige europarechtlich und ordnungspolitisch saubere Lösung, um die aus dem Urteil resultierende Schieflage zu korrigieren. Ein Verbot würde die Gestaltungshoheit des Gesetz­gebers über die deutsche Gesundheitspolitik wiederherstellen.

 

Insgesamt zeigten die Umfrage-­Ergebnisse, dass Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen den Apothekern sehr zu schaffen machten, so Schmidt. »Planungssicherheit, das heißt stabile rechtliche Rahmenbedingungen, ist eines der wichtigsten Themen für die Apotheker«, verdeutlichte er. Und so fordern in der Umfrage auch 80 Prozent der befragten Apotheker, dass die neue Bundesregierung nach der Wahl schnellstmöglich ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten durchsetzen soll. Diese Forderung findet sich auch in ­einem Leitantrag wieder, den der Geschäftsführende ABDA-Vorstand beim Deutschen Apothekertag einbringen wird.

 

Zur Bundestagswahl hat die ABDA drei Kernpositionen aufgestellt: Die freiberufliche Leistungserbringung soll weiter die Versorgung von Patienten gewährleisten. Der Leistungskatalog der Apotheker soll außerdem ausgeweitet werden, etwa in den Bereichen Arzneimitteltherapiesicherheit, Medikationsmanagement und Prävention. Um auch in Zukunft eine hochwertige Versorgung anbieten zu können, müsse darüber hinaus das Honorarsystem weiterentwickelt werden, und zwar müsse eine verlässliche Anpassungsroutine implementiert werden, erläuterte Schmidt. »Das ist besonders für die kleineren Apotheken essenziell.«

 

In der Umfrage wurden die Apothekenleiter auch nach Motivatoren und Stressfaktoren im Arbeitsalltag gefragt. Wie auch schon im vergangenen Jahr gaben mehr als 80 Prozent der Befragten an, dass der bürokratische Aufwand das größte Ärgernis ihres Berufsalltags sei. Etwas abgenommen hat im Vergleich zum Vorjahr der Ärger über Retaxationen: Sahen 2016 noch knapp 73 Prozent Retaxierungen als große ­Unannehmlichkeit an, sind es nun noch 58 Prozent. Zugenommen habe dagegen der Ärger aufgrund von Lieferengpässen, sagte der ABDA-Präsident.

 

»Als große Motivation im Arbeitsalltag empfinden die Apotheker den persönlichen Kontakt und die Arbeit mit Menschen«, so Schmidt. Beratung und Teamwork liegen, besonders in kleinen Apotheken, ganz oben auf der Motivatoren-Hitliste. Wichtiger Faktor ist auch die Selbstständigkeit, deren Bedeutung im Vergleich zum Vorjahr aber abgenommen hat. Aus den Umfragen von 2016 und 2017 lasse sich ein Trend erkennen, so die Schlussfolgerung mit Blick auf die Motivation der Apotheker: Wirtschaftlicher Erfolg werde unwichtiger, die heilberufliche und soziale Arbeit dagegen als bedeutsamer eingeschätzt. /

 

Kommentar

Farbe bekennen

Den Schock nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem vergangenen Herbst haben viele Apotheker bis heute nicht verwunden. Das zeigt der Apothekenklima-Index, den die ABDA zum zweiten Mal im Vorfeld des Deutschen Apothekertags in Düsseldorf präsentierte. Zwar geht es vielen Apothekern ein Jahr nach dem Urteil nicht schlechter als im Oktober 2016. Wohl auch deshalb planen nur wenige Apothekenleiter Entlassungen. Ein zweiter Blick auf den Index offenbart aber, dass die Schere zwischen den großen und den kleinen Apotheken langsam aber ­beständig weiter aufgeht.

 

Bei Apotheken mit einem Umsatz von weniger als 1 Million Euro denkt jeder zehnte Leiter darüber nach, sein Personal zu reduzieren. Ein weiteres Indiz dafür, dass es kleine Apotheken zusehends schwer haben, sind Schwierigkeiten bei der Nachfolgersuche. Die Hälfte der Inhaber von Kleinstadt-Apotheken glaubt nicht daran, einen Nachfolger zu finden. Besitzer größerer Apotheken sind da optimistischer. Rund zwei Drittel erwarten mindestens zwei Interessenten. Gleichzeitig steigt jedoch auch bei ihnen die Zahl derer, die Probleme mit Blick auf die Nachfolge haben.

 

Die aktuelle Entwicklung in der Pharmazie sollte der Politik zu denken geben. Es ist nicht gut, den Status der Unsicherheit über einen langen Zeitraum beizubehalten. Zu lange müssen die Apotheker schon darauf warten, dass es endlich vorwärts geht. Trotz kräftiger Unterstützung durch die Politik bleibt es dabei, dass Apotheker in Deutschland schlechtere Rahmenbedingungen haben als ausländische Versender. Elf Monate sind vergangen. In knapp zwei Wochen ist Bundestagswahl. Dann kommen die Koalitionsverhandlungen und spätestens dann muss die Politik Farbe ­bekennen. Die Dauerwarteschleife muss ein Ende haben.

 

Daniel Rücker, 

Chefredakteur

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