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Statine

Hitzige Debatte um Nutzen und Risiken

21.09.2016  09:13 Uhr

Von Ulrike Viegener / In Großbritannien ist eine seit Langem schwelende Debatte um die Statine durch eine aktuelle Übersichtsarbeit neu entbrannt. Die Chefredakteure der beiden renommierten Fachjournale »The Lancet« und »British Medical Journal« befinden sich im offenen Schlagabtausch über Publikationen zu einer Wirkstoffklasse, die weltweit zu den meistverordneten Pharmaka gehört.

Angefangen hat alles vor rund drei Jahren. Damals waren im »British Medical Journal« (BMJ) zwei kritische Arbeiten erschienen, die den klinischen Nutzen von Statinen bei Patienten mit geringem kardiovaskulärem Risiko sowie die Therapiesicherheit infrage stellten (DOI: 10.1136/bmj.f6123 und 10.1136/bmj.f6340). Nach der Veröffentlichung meldete sich in der Chefetage des Magazins Besuch an: Professor Rory Collins, ein führender britischer Statin- Forscher, erschien, um die Rücknahme der beiden Artikel zu fordern.

Außerdem reichte Collins beim Committee on Publication Ethics (COPE), einem freiwilligen Zusammenschluss von Herausgebern und Redakteuren wissenschaftlicher Fachzeitschriften, Beschwerde ein. Einige Zeit später gab das BMJ bekannt, es werde die beiden Veröffentlichungen nicht zurückziehen. Allerdings wurden darin enthaltene Inzidenzangaben zu Nebenwirkungen der Statine korrigiert.

 

Sanktionen gefordert

 

Vor wenigen Tagen grub »Lancet«-Chefredakteur Richard Horton die alte Geschichte in einem Kommentar zu einem neuen Statin-Review wieder aus. Bei der im »Lancet« publizierten Übersichtsarbeit, die zu einer positiven Bewertung der Statine kommt (DOI: 10.1016/S0140-6736(16)31357-5), trifft man auf einen bekannten Namen: Erstautor ist Rory Collins. Horton greift COPE in seinem Kommentar scharf an: Das Ethikkomitee weigere sich, die Sorge führender britischer Wissenschaftler – sprich Collins und seiner Mitstreiter – ernst zu nehmen. Außerdem forderte Horton Sanktionen gegen das BMJ.

 

Dessen Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In einer Pressemitteilung vom 15. September 2016 verwahrte sich BMJ-Chefredakteurin Fiona Godlee gegen die Ausführungen Hortons. Das COPE habe sich sehr wohl intensiv mit der Beschwerde befasst und dem BMJ bei der Veröffentlichung der beiden kritischen Studien angemessenes Handeln attestiert. Das Komitee habe keinen Grund gesehen, die Studien zurückzuziehen. Untermauert wird diese Darstellung mit der Veröffentlichung einer bislang nur intern bekannten Stellungnahme des COPE.

 

Als weiteren Schritt bat Godlee in einem Schreiben an Chief Medical Officer Sally Davies, die oberste Beraterin der britischen Regierung zu medizinischen Fragen, um die Erstellung eines unabhängigen Reviews zur Evidenz der Statine. Mit anderen Worten: Collins und seinen Koautoren wird Unabhängigkeit abgesprochen. Collins ist Professor für Medizin und Epidemiologie an der Universität Oxford und Vorsitzender der Cholesterol Treatment Trialists‹ (CTT) Collaboration, einer seit 1994 bestehenden internationalen Forschergruppe, die Reviews zu unterschiedlichen Aspekten der Statintherapie verfasst. In den beiden von Collins angegriffenen Studien waren CTT- Daten einer Neubewertung unterzogen worden, die mit früheren Analysen nicht kongruent war.

 

Aussagen des aktuellen Reviews

 

In der aktuellen Übersichtsarbeit heißt es zusammenfassend: Randomisierte Studien belegen mit guter Evidenz, dass Statine das Risiko schwerer vaskulärer Ereignisse wie Myokardinfarkt und Schlaganfall senken. Pro mmol/l LDL-Reduktion werde eine Risikoreduktion um etwa ein Viertel erreicht, wobei sich dieser Zugewinn ab dem zweiten Therapiejahr immer in derselben Größenordnung bewege. Da sich die Effekte über die Zeit summieren, werde der Nutzen umso größer, je länger die Therapie fortgeführt wird. Der tatsächliche individuelle Nutzen richte sich nach dem Ausgangsrisiko sowie nach dem Ausmaß der erzielten LDL-Senkung.

 

Folgende Beispielrechnung wird aufgestellt: Wenn 10 000 Personen fünf Jahre lang zum Beispiel mit Atorvastatin 40 mg täglich behandelt würden, ließen sich – eine LDL-Reduktion um 2 mmol/l (77 mg/dl) angenommen – in der Sekundärprävention rund 1000 und in der Primärprävention rund 500 kardiovaskuläre Komplikationen verhindern. Das kardiovaskuläre Ausgangsrisiko ist bei dieser Rechnung weder für Patienten mit manifesten kardiovaskulären Erkrankungen (Sekundärprävention) noch für gesunde Personen mit kardiovaskulären Risikofaktoren (Primärprävention) näher spezifiziert.

 

Die Erkenntnisse zur Verträglichkeit der Statine fast das Review so zusammen: Die einzigen ernsten Nebenwirkungen, die nachweislich durch eine langfristigen Statingabe verursacht werden, sind Myopathien, Diabetes-Neumanifestationen und wahrscheinlich hämorrhagische Schlaganfälle. Myopathien werden definiert als Muskelschmerzen oder Muskelschwäche in Kombination mit hohen Kreatinkinase-Anstiegen. Auch hierzu wird eine Rechnung aufgestellt: Wenn 10 000 Personen über fünf Jahre mit einem Statin behandelt werden, sei mit fünf Myo­pathie-Fällen zu rechnen. In einem dieser Fälle bestehe statistisch das Risiko, dass sich eine Rhabdomyolyse entwickelt, wenn die Therapie nicht abgesetzt wird. Außerdem sei beim genannten Behandlungsvolumen von 50 bis 100 neuen Diabeteserkrankungen und fünf bis zehn hämorrhagischen Schlaganfällen auszugehen.

 

Die höheren Nebenwirkungsraten, die unter Statinen in der Routineanwendung gemeldet werden, interpretieren die Autoren des Reviews als falsche Zuordnungen. Durch umfangreiche randomisierte Studien seien die Nebenwirkungsinzidenzen mit guter Evidenz belegt. Es sei davon auszugehen, dass aus überzogener Angst vor reversiblen Nebenwirkungen vielen kardiovaskulär gefährdeten Menschen eine effektive Therapie vorenthalten wird. /

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