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Stuhlübertragung

Chancen und Risiken

15.09.2014
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Von Anna Hohle, Berlin / Die Übertragung von Stuhl Gesunder in den Darm von Erkrankten hat in letzter Zeit viele Schlagzeilen gemacht. Tatsächlich ist sie bei einer bestimmten Erkrankung inzwischen Mittel der Wahl. Bei anderen Leiden scheint sich ihr Nutzen nicht zu bestätigen – und die Methode birgt auch Risiken.

Seit im vergangenen Jahr das »New England Journal of Medicine« über den Erfolg des Mikrobiomtransfers, so die wissenschaftliche Bezeichnung für die Stuhlübertragung, bei einer Infektion mit dem Darmbakterium Clostridium difficile berichtete, war plötzlich häufig von dieser Methode die Rede. 

 

Niederländische Forscher hatten nachgewiesen, dass die Übertragung von Stuhl Gesunder per Sonde in den Darm von Erkrankten bei dieser speziellen chronischen Infektion einer konventionellen Behandlung mit Antibiotika weit überlegen ist. 

 

Tatsächlich war die Studie sogar frühzeitig abgebrochen worden, um Teilnehmer aus der Placebogruppe nicht zu benachteiligen (lesen Sie dazu auch PZ 4/2013, Seite 44). In der Folge griffen auch viele Publikumsmedien das Thema Mikrobiomtransfer auf, was dazu führte, dass Ärzte wie der Internist Dr. Ulrich Rosien vom Israelitischen Krankenhaus in Hamburg immer wieder Anfragen von Patienten mit verschiedenen Krankheiten bekamen. Sie wollten wissen, ob nicht auch ihr Leiden so therapiert werden könne.

 

Die Ärzte müssen so manche Hoffnung wieder enttäuschen, sagte Rosien bei einem Pressetermin im Vorfeld des Kongresses Viszeralmedizin 2014 in Berlin. Denn die guten Effekte, die die Behandlung bei Clostridien-Infektionen erzielte, lassen sich dem Mediziner zufolge für andere Erkrankungen bislang nicht nachweisen. Eine erste randomisierte Studie etwa zur Behandlung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen mit Mikrobiomtransfer habe kürzlich keinen Effekt feststellen können, erklärte Rosien.

 

Nationales Register etablieren

 

Außerdem sei zu bedenken, dass das Wissen über den Einfluss der Darmflora auf die Entstehung von Krankheiten derzeit noch in den Kinderschuhen stecke, erklärte Professor Dr. Andreas Stallmach von der Universitätsklinik Jena. So erforschten Neurologen momentan, wie die Zusammensetzung der Darmflora mit der Entstehung von Demenz oder Parkinson zusammenhängen könnte. Es sei also nicht auszuschließen, dass einem Patienten der Mikrobiomtransfer zwar bei einer bestimmten Erkrankung helfe, jedoch mit der Übertragung gleichzeitig das Risiko für andere Krankheiten steige, so Stallmach.

 

Das Fazit der Mediziner: Noch ist viel Forschung nötig, um die Chancen und Risiken des Mikrobiomtransfers abzuklären. Theoretisch sollte jede Anwendung wissenschaftlich begleitet werden, sagte Rosien. Deshalb arbeiten Ärzte der Universitätskliniken Jena und Köln derzeit an einem Register namens MikroTrans, in dem die Übertragungen dokumentiert und ihre Wirkung wissenschaftlich bewertet werden sollen. Nur so lasse sich die Patientensicherheit langfristig gewährleisten, so Rosien. /

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