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100 Jahre Alzheimer

Unaufhaltsames Vergessen

18.09.2006
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100 Jahre Alzheimer

Unaufhaltsames Vergessen

Von Ariane Wohlfarth

 

Es fängt damit an, dass Schlüssel verlegt und Namen vergessen werden. Doch die schrittweise Degeneration des Gehirns führt innerhalb weniger Jahre zum Verlust der Persönlichkeit und endet schließlich tödlich. Auch 100 Jahre nach ihrer Entdeckung ist die Alzheimer-Demenz immer noch unheilbar.

 

Auguste Deter war 51 Jahre alt und konnte sich noch an ihren Vornamen erinnern, aber weder an den ihres Mannes noch an ihre Heimatstadt. Sie fand sich kaum mehr im Alltagsleben zurecht, zeigte bereits in diesem Alter alle Symptome einer fortgeschrittenen Demenz, und auch ihr Verhalten war seit Einsetzen der merkwürdigen Krankheit vollkommen verändert.

 

1906 beschrieb ihr Arzt, der Neurologe Alois Alzheimer (1864-1915), in dem Vortrag »Über einen eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde« zum ersten Mal im Detail die Ausprägung der nach ihm benannten Krankheit. Als seine Patientin fünf Jahre später starb, obduzierte er ihr Gehirn und entdeckte abgestorbene Neurone und die charakteristischen Amyloidplaques.

 

Hundert Jahre später gibt es trotz umfangreicher Forschung noch immer keine bahnbrechenden Erfolge zu berichten: Gesicherte Kenntnisse zu den Ursachen fehlen, eine Heilung ist nicht möglich und eine den Krankheitsverlauf verzögernde Therapie wirkt maximal ein Jahr lang. Dieser gewissen Hilflosigkeit stehen im Jahr 2006 bereits eine Million Alzheimer-Kranke in Deutschland gegenüber, weltweit sind es 18 Millionen. Und mit der steigenden Lebenserwartung steigen auch diese Zahlen, denn Risikofaktor Nummer eins ist hohes Alter. Während nur 0,1 Prozent der unter 65-Jährigen an Morbus Alzheimer erkranken, sind es schon bis zu 10 Prozent der über 65-Jährigen und mehr als 47 Prozent der über 85-Jährigen. Die rein statistisch ermittelten weiteren Risikofaktoren sind die üblichen: Geringe körperliche Fitness, Alkohol und Nikotin in großen Mengen, Bluthochdruck und Diabetes. Vorbeugend wirkt sich dagegen ein konstantes Gehirntraining aus, was allgemein mit einem hohen Bildungsniveau assoziiert wird. Daraus lassen sich nur sehr allgemeine Präventionsmaßnahmen ableiten: Gesund leben, Grunderkrankungen behandeln und graue Zellen trainieren.

 

Die ersten Anzeichen sind allgemein bekannt. Die zunächst zufällig erscheinenden Erinnerungslücken sind aber nur eines der vielen typischen Symptome der Alzheimer-Demenz. Mit Fortschreiten der Krankheit kommen weitreichende Störungen im Denkvermögen und dramatische Verhaltensänderungen hinzu, die ein normales Alltagsleben für die erkrankte Person unmöglich machen und die Angehörigen ungemein belasten. Die Betroffenen verlernen alltägliche Fertigkeiten, leiden unter starken Stimmungsschwankungen und werden buchstäblich zu »anderen Menschen«.

 

Warnsymptome sollte man ernst nehmen, denn nur so kann frühzeitig eine Diagnose gestellt und mit der Therapie begonnen werden. Mit standardisierten Hirnleistungstests und bildgebenden Verfahren wie Computertomografie oder Magnetresonanztomografie, die veränderte Hirnstrukturen erkennen lassen, ist eine zu 90 Prozent sichere Diagnose möglich.

 

Neben dem Uhren-Zeichnen- oder Dem-Test ist der Mini-Mental-Status-Test der gebräuchlichste. An den Aufgaben ist deutlich zu erkennen, wie stark die Alzheimer-Demenz die alltäglichsten Fähigkeiten beeinträchtigt. Der Test besteht aus 30 Aufgaben, für die es jeweils einen Punkt gibt. Liegt die Gesamtpunktzahl unter 24, sollte ein Arzt konsultiert werden.

 

Orientierung in Zeit und Raum (10 Punkte): Gefragt wird nach Jahr, Jahreszeit, Monat, Datum und Wochentag sowie Staat, Bundesland, Stadt beziehungsweise Ortschaft, Krankenhaus/Praxis/Heim und Stockwerk.

Merkfähigkeit (3 Punkte): Der Patient soll drei benannte Gegenstände wiederholen, bis er sich alle gemerkt hat.

Rechenfähigkeit (5 Punkte): Von 100 soll fünfmal die Zahl 7 abgezogen werden. Kann der Patient diese Aufgabe nicht lösen, muss er versuchen, ein Wort mit fünf Buchstaben rückwärts zu buchstabieren.

Erinnerungsvermögen (3 Punkte): An dieser Stelle sollen die drei in der zweiten Aufgabe gelernten Gegenstände aufgezählt werden.

Sprachvermögen (8 Punkte): Der Patient soll zwei gezeigte Gegenstände benennen, einen Satz nachsprechen und eine aus drei Schritten bestehende Anweisung ausführen zum Beispiel: »Nehmen Sie das Buch, schlagen Sie es auf, legen Sie es auf den Stuhl.« Er soll eine geschriebene Aufforderung lesen und befolgen und dann selbst einen sinnvollen Satz schreiben.

Vorstellungskraft (1 Punkt): Zum Schluss ist der Patient aufgefordert, eine einfache geometrische Abbildung nachzuzeichnen. Es kommt auf die richtige Seitenanzahl, die Winkel und die Überschneidungen an.

 

Zeit gewinnen

 

Die Standardtherapie erfolgt mit Acetylcholinesterasehemmern der zweiten Generation, die aufgrund ihrer Lipophilie gut ins zentrale Nervensystem diffundieren können. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG erkennt in seinem Vorbericht zu der Studie »Cholinesterasehemmer bei Alzheimer-Demenz« vom 8. September 2006 den Patientennutzen an und bestätigt, dass die drei zugelassenen Wirkstoffe Donepezil, Galantamin und Rivastigmin »den Abbau der kognitiven Fähigkeiten leicht verzögern können«.

 

Trotz weiterer Therapiemöglichkeiten mit dem NMDA-Rezeptorantagonisten Memantin, mit Psychopharmaka und Neuroleptika, Gingkopräparaten, COX-2-Hemmern und radikalfangenden Vitaminen wie Vitamin E und C bleibt die Prognose weiterhin schlecht. Allerdings gibt es neue optimistisch stimmende Ergebnisse aus Tierversuchen. Es ist beispielsweise gelungen, im Tierversuch die typischen Hirnläsionen zurückzudrängen und Mäuse gegen Alzheimer zu impfen. In der klinischen Prüfung befinden sich zahlreiche neue Medikamente, die unter anderem die Entstehung der Amyloidplaques von Anfang an verhindern, Nervenzellen schützen oder ihre Heilung stimulieren sollen. Unklar ist nur, wann die getesteten Wirkstoffe Marktreife erlangen.

 

Nicht zu unterschätzen sind die nicht-medikamentösen Maßnahmen. Gedächtnis- und Alltagstraining, Verhaltens- und identitätsstiftende Erinnerungstherapie können sehr hilfreich sein und haben keine Nebenwirkungen, so lange sie den Patienten nicht überfordern.

 

Kampagnen zum Jubiläum

 

Zum 100. Jubiläum der Erstbeschreibung wird es unter dem Dach der Selbsthilfeorganisation Alzheimer's Disease International (ADI) eine weltweite Kampagne geben. In vielen Ländern sind die Alzheimer-Gesellschaften sowie die Bevölkerung aufgerufen, Postkarten an die jeweiligen Regierungen mit der Forderung zu schicken, die Demenz als einen Schwerpunkt in der Gesundheitspolitik zu verankern. Zudem ist ein internationaler Fotografen- und Journalistenwettbewerb geplant, bei dem Vertreter von Reuters, der BBC und dem Time Magazine die Jury bilden. Am 21. September, dem Welt-Alzheimertag, soll ein internationales Team den Gipfel des Kilimandscharo erreichen.

 

Auch in Deutschland sind in diesen Tagen zahlreiche Veranstaltungen geplant, die auf der Internetseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft aufgelistet sind (www.deutsche-alzheimer.de). Vom 12. bis 14. Oktober wird überdies in Berlin der 22. Kongress der Alzheimer's Disease International unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Dr. Horst Köhler stattfinden. Zum Programm gehören unter anderem Vorträge über neue Pflegekonzepte, Hilfen für Angehörige sowie neue Forschungsergebnisse zu Methoden, die Ursachen der Krankheit zu behandeln oder sie eventuell ganz zu verhindern. Bis dieses Ziel erreicht ist, gilt es, alle gegenwärtigen Therapiemöglichkeiten auszuschöpfen und eine gute Betreuung zu gewährleisten.

Wie verhalte ich mich?

Ratschläge der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zum richtigen Umgang mit Patienten. Angehörige sollten:

 

Wissen über die Krankheit erwerben und sich auf deren Verlauf einstellen;

versuchen, den Kranken, sein Verhalten, seine Äußerungen zu beobachten und zu verstehen;

langsam und deutlich sprechen, für einen gleichbleibenden, aber flexiblen Tagesablauf sorgen, Sicherheit und Geborgenheit schaffen;

nicht auf Fehler hinweisen, nicht korrigieren, kritisieren, überfordern;

vorhandene Fähigkeiten erhalten, an gewohnte Handlungsmuster anknüpfen, sich an den Vorlieben und Abneigungen des Kranken orientieren;

die äußeren Lebensbedingungen anpassen, zum Beispiel Gas- und Elektrogeräte sichern, für Nachtbeleuchtung und zweckmäßige Kleidung sorgen.

 

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