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Saisonale Influenza

Stärke der Grippewelle unvorhersehbar

19.09.2006
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Saisonale Influenza

Stärke der Grippewelle unvorhersehbar

Von Conny Becker

 

Der Winter rückt immer näher und mit ihm die nächste Grippewelle. Wie stark ausgeprägt sie in diesem Jahr verlaufen wird, ist unklar. Fest steht jedoch, dass eine Impfung schützt. Doch immer noch nehmen zu wenig Risikopersonen diese Möglichkeit wahr.

 

In den letzten Jahren wechselte sich stets eine schwache mit einer starken Influenzawelle ab. Demzufolge wäre in diesem Winter mit einer starken Welle zu rechnen. Zwischen zwei und sechs Millionen Mal diagnostizieren Mediziner jährlich eine Influenza. Selbst in einer milden »Saison« wie Anfang dieses Jahres, in der verhältnismäßig wenig Deutsche an der echten Virus-Grippe erkrankten, mussten circa 860.000 Personen wegen der Erkrankung einen Arzt aufsuchen, rund 5500 ließen sich im Krankenhaus behandeln.

 

Dies geht aus den Daten der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert-Koch-Institut hervor, die seit etwa zehn Jahren die Influenzaausbrüche in Deutschland überwacht. Rund 1000 Meldeärzte nehmen von einem kleinen, aber aussagekräftigen Anteil von Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen Nasen- und Rachenabstriche und untersuchen diese auf Influenzaviren. Auf diese Weise können sie vorhersagen, welche Viren grassieren und wann eine Grippewelle einsetzen wird: Erreicht die Rate der positiven Tests auf Influenzaviren 20 Prozent, ist davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen die Erkrankungswelle beginnt. Die Experten gehen davon auf, dass dies im Januar 2007 der Fall sein wird. Doch wie stark die nächste Grippewelle werden wird, kann nicht vorhergesagt werden, berichtete Dr. Udo Buchholz, Abteilung Infektionsepidemiologie am RKI, auf einer Pressekonferenz der AGI in Berlin.

Alle Jahre wieder

Influenza-Viren verändern ihre Oberflächen-Epitope ständig, sodass sie von ehemals schützenden Antikörpern nicht erkannt werden. Dieser »antigene Drift« führt dazu, dass jedes Jahr neue Grippeimpfstoffe nötig sind. Daher spricht man hier auch nicht von Grundimmunisierung und Auffrischimpfung. Allerdings sehen Experten eine regelmäßige Wiederimpfung als wichtig für eine optimale Wirksamkeit an.

 

Die Influenzaerreger werden in die Virustypen A, B und C unterteilt. Die Ortsbezeichnung des Virusnamens bezieht sich auf den Ort der Isolierung. Die erste Ziffer gibt die Nummer des isolierten Stamms an, die zweite bezieht sich auf das Isolierungsjahr. H und N stehen für die beiden Oberflächenproteine der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase.

Besser ist es um die Vorhersagbarkeit der dominanten Influenzavirustypen bestellt, Grundvoraussetzung für die Herstellung eines effektiven Impfstoffes. Während im Februar dieses Jahres noch etliche Patienten von der Grippe ans Bett gefesselt waren, trafen sich Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihren Partnern aus den verschiedenen Referenzzentren und werteten die aktuellen Messdaten aus: War in der letzen Saison noch Influenza B dominant, spricht nun alles dafür, dass in diesem Winter Influenza A überwiegt, der Typ, der zum Ende der vergangenen Saison verstärkt vorkam. Diese Ergebnisse sind laut Buchholz sehr verlässlich: »Neun von zehn Grippewellen werden gut vorhergesehen.«

 

Aufgrund der Analysen setzt sich der diesjährige Impfstoff aus folgenden drei Stämmen zusammen: A/New Caledonia/20/99 (H1N1)-ähnlicher Virusstamm, A/Wisconsin/67/2005 (H3N2)-ähnlicher Virusstamm und B/Malaysia/2506/2004-ähnlicher Virusstamm. Dabei verwenden die Hersteller bei den zwei Influenza-A-Virustypen so genannte Reassortanten, die in ihren Oberflächen-Eigenschaften dem empfohlenen Stamm entsprechen, sich aber verglichen mit dem Wildtyp in Hühnereiern besser vermehren lassen. Da es schwierig gewesen sei, eine geeignete Reassortante des Stammes H3N2 zu finden, habe sich die Impfstoffproduktion in diesem Jahr etwas verzögert, sagte Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut. Ab Oktober soll die Vakzine jedoch zur Verfügung stehen, insgesamt rund 22 Millionen Dosen wie im Vorjahr. Dann sollten sich Risikopersonen auch impfen lassen, denn laut RKI sind Oktober und November die besten Monate zur Grippeimpfung, die in der Regel erst nach 14 Tagen einen verlässlichen Schutz gewährt.

 

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt die Grippeimpfung allen Personen über 60 Jahren und Personen jeden Alters mit bestehender Grunderkrankung. Dazu zählen chronische Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Leber- oder Nierenerkrankungen sowie HIV-Infektionen. Bedenken, dass eine Impfung Erkrankungen wie Asthma und COPD verstärken könnte, seien unbegründet, betonte Professor Dr. Tom Schaberg, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der AGI. Für Patienten mit COPD habe ein Cochrane Review Anfang des Jahres sogar zeigen können, dass die Influenza-Impfung die Anzahl der akuten Exazerbationen der Erkrankung um 37 Prozent senken konnte. »Es gab keine relevanten Nebenwirkungen«, fasste Schaberg zusammen.

 

Überdies sollten sich laut STIKO auch Personen mit erhöhter Gefährdung, zum Beispiel medizinisches Personal oder Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Personenverkehr, impfen lassen sowie Personen, die Risikogruppen anstecken können. Hierzu zählen neben medizinischem Personal auch Apothekenmitarbeiter. Insgesamt lässt sich von den 27,5 Millionen Menschen, die zu den Risikogruppen gehören, nur etwa jeder Zweite impfen, sagte Professor Dr. Joachim Szecsenyi von der Universität Heidelberg. Beim medizinischen Personal sei es noch nicht einmal jeder Dritte. In der Arztpraxis oder Apotheke Beschäftigte sollen Risikopersonen gezielt ansprechen und zudem darauf hinweisen, dass eine Grippeimpfung von den Krankenkassen erstattet wird und zudem keine Praxisgebühr anfällt.

 

Zudem gilt es falsche Bedenken auszuräumen, so Schaberg. Denn einige Menschen befürchten, durch die Impfung an Grippe zu erkranken. Da die Vakzine in Deutschland jedoch nur Virusbestandteile (Spaltimpfstoffe) oder Oberflächenantigene (Subunit-Impfstoffe) enthält, können keine vermehrungsfähigen Viren in den Körper gelangen. Die Impfung kurbelt jedoch die Antikörperproduktion ausreichend stark an, um ein halbes Jahr gegen die enthaltenen Influenzastämme zu schützen. Nebenwirkungen wie leichte Rötungen und Schwellungen treten lediglich bei 1 bis 10 Prozent auf, schwere Nebenwirkungen sind bei 0,01 Prozent der Geimpften zu beobachten. Bei einer Effektivität von 72 Prozent (Senioren: 52 Prozent, in Heimen: 60 Prozent) übersteige der Nutzen das Risiko bei weitem, so Schaberg. Aus der praktischen Anwendung gebe es Hinweise, dass eine Impfung selbst bei Schwangeren (im zweiten und dritten Trimenon) für Mutter und Kind gefahrlos ist. Da jedoch Studien fehlten, existiere keine generelle Empfehlung und es müsste im Einzelfall entschieden werden. Einzige strikte Kontraindikation ist eine Unverträglichkeit gegen Hühnereiweiß, das aufgrund des Herstellungsprozesses in Spuren enthalten sein kann.

Vollvirus gegen Vogelgrippe

Vakzine gegen die saisonale Grippe liefern keinen Schutz gegen die Vogelgrippe vom Typ H5N1. Dennoch empfiehlt die STIKO Personen in Vogelgrippe-Endemiegebieten, sich impfen zu lassen. Hierdurch soll die Gefahr der Reassortierung, einem genetischen Austausch zwischen verschiedenen Influenza-Viren, minimiert werden.

 

Im Fall einer Pandemie wird ein anderer Impfstoff benötigt, der effektiv gegen das neue Virus schützen soll und in großen Mengen hergestellt werden muss. Wissenschaftler testeten daher jetzt eine Vakzine, die ein Vollvirus enthält. Im Gegensatz zu Impfstoffen mit Virusbestandteilen, ruft diese eine stärkere Immunantwort hervor, was eine niedrigere Dosierung und daher eine größere Produktion ermöglicht. Wie das Fachmagazin »The Lancet« vergangene Woche berichtete, rief ein 10-µg-Impfstoff mit Aluminium als Adjuvanz eine sichere Immunantwort hervor. Die Nebenwirkungsrate lag auf gleichem Niveau mit Placebo oder einer Vakzinierung mit einem 30-µg-Impfstoff aus Viruspartikeln. Größere Studien sollen folgen.

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