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Apotheke

Geheime Kommandosache

19.09.2006
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Geheime Kommandosache

Von Patrick Hollstein

 

Am vergangenen Freitag hat die tschechische Wettbewerbsaufsicht Phoenix den Einstieg bei der größten tschechischen Apothekenkette Europharm genehmigt. Tatsächlich ist der Vorgang nicht als Übernahme, sondern als Verschiebung zu verstehen: Europharm gehört vermutlich schon seit Jahren zum Merckle-Imperium. Unbemerkt von der Fachöffentlichkeit hat die Milliardärsfamilie aus Blaubeuren eine geheimeTruppe zur Eroberung europäischer Apothekenmärkte aufgebaut.

 

Knapp 20 Kilometer vom Phoenix-Hauptquartier in Mannheim entfernt, im rheinland-pfälzischen Grünstadt, betreibt die UTA Pharma Beteiligungs GmbH als »Finanz- und Management-Holding eines international ausgerichteten Konzerns im Bereich des pharmazeutischen Einzelhandels« ihr undurchsichtiges Geschäft.

 

Das 1999 gegründete Unternehmen, das seit kurzem unter einer Frankfurter Telefonnummer zu erreichen ist, verwaltet als 100-prozentige Tochter der luxemburgischen Finanzholding Alpha Union Invest (AUI) deren 300 Apotheken in verschiedenen mittel- und osteuropäischen Ländern.

 

Unter Geschäftsführer Wolfgang Wallisch, der erst im Juni seinen Vorgänger Marko Grünewald abgelöst hat und nebenbei eine Software-Firma in Rodgau bei Frankfurt betreibt, rollt ein halbes Dutzend Betriebswirte und EDV-Experten vor allem den tschechischen und den ungarischen Apothekenmarkt auf. Knapp 2000 Beschäftigte erwirtschafteten 2004 in den verschiedenen Ländern für die deutschen Investoren einen Umsatz von 450 Millionen Euro.

 

Klassische Merckle-Philosophie

 

Der Name Merckle taucht in den Firmenunterlagen nicht auf. Auch personelle, finanzielle oder administrative Querverbindungen der UTA zu Phoenix oder zu anderen Merckle-Töchtern sucht man vergeblich.

 

Beobachter und Betroffene in Mittel- und Osteuropa sind sich jedoch einig: Hier wird klassische Merckle-Unternehmenspolitik gemacht. Bekannte Marken, ein starkes Kerngeschäft, eine breite Präsenz in der Öffentlichkeit ­ die Naturgesetze der westlichen Unternehmenskultur scheinen in manchen Winkeln des Merckle-Universums außer Kraft gesetzt. Hier gilt für alle Beteiligten nur eine Maxime: Kein Kommentar.

 

Ob Pistenbully, Zementkonzern oder Apothekenkette: Die Familie um Patriarch Adolf Merckle setzt auf ein Netzwerk regelmäßig ausgewechselter Finanzdrehscheiben, das über Kapitalbeteiligungen und Gewinnabführungen unauflösbar verwoben ist. Nicht den Auskunftspflichten börsennotierter Kapitalgesellschaften unterliegend, saugt der Merckle-Clan mithilfe eines loyalen Führungskaders ganze Märkte leer, ohne dabei nennenswert Aufschluss über das eigene Geschäft zu geben. Entsprechend undurchsichtig bleibt der Beteiligungs-Dschungel an vielen Stellen.

 

Schattenexpansion mit Apotheken

 

Auf die luxemburgische Apothekenholding und ihre deutsche Verwaltungstochter dürften die Merckles über einen geschlossenen Investmentfonds bei der Dexia Banque Internationale Zugriff haben. Während Phoenix ab Mitte der 90er-Jahre sein Auslandsgeschäft vor allem über die Phoenix International Beteiligungs GmbH vorantrieb, kümmerte sich das UTA/AUI-Konstrukt um die Schattenexpansion im Apothekenbereich.

 

Ende der 90er-Jahre besuchte auf Einladung der ungarischen Phoenix-Tochter eine deutsche Investorengruppe aus Eschborn verschiedene ungarische Apotheken. Kurz darauf begann die neu gegründete UTA damit, in Budapest und anderen Städten kleinere Ketten und Einzelapotheken aufzukaufen. Als das Geschäft breiter wurde, führte UTA schließlich die verschiedenen Einheiten unter dem Dach der PharmaNova zusammen, welche heute mit rund 140 Filialen die größte Apothekenkette des Landes darstellt. Zurzeit werden in Ungarn die letzten vier staatlichen Apotheken privatisiert; vermutlich werden die deutschen Betriebswirte erneut den Zuschlag erhalten.

 

In Tschechien übernahm AUI im Jahr 2001 mit Europharm ebenfalls die größte Apothekenkette des Landes. Europharm war 1993 durch den österreichischen Großhändler Friedrich Jacoby gegründet worden, der heute ­ trotz bestehender Beteiligungen an österreichischen und ungarischen Apotheken ­ jegliche Aktivität im Pharmaeinzelhandel bestreitet. Außerdem ist AUI in Tschechien an der Kette Reginna Pharma beteiligt.

 

In Österreich verwaltet UTA einem internen Papier zufolge 25 Apotheken, an denen Schwesterkonzern Phoenix Minderheitsbeteiligungen im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen hält. In der Westschweiz dürfte UTA die Geschäfte der Groupe Capitole überwachen, einer bereits 1975 gegründeten Kette, an der Phoenix-Tochter Amedis UE ein Achtel des Aktienkapitals hält. Ob Firmengründer Pascal Blanquet noch immer die Mehrheit an Capitole besitzt, oder ob Merckle die Mutterholding Pharcap bereits komplett übernommen hat, ist unklar. Amedis-Chef Andreas Hofer gab sich jedenfalls bereits vor drei Jahren zuversichtlich, dass sein Arbeitgeber über kurz oder lang Zugriff auf die gesamte Gruppe erhalten würde. 2005 investierte Phoenix 60 Millionen Euro in Capitole und vergrößerte das Netz auf 56 Filialen.

 

Seit März ist UTA schließlich auch in Polen vertreten; eine erste Apotheke betreibt die Merckle-Taskforce seit kurzem in Poznan. Kurz zuvor hatte Stefan Pflug als neuer Phoenix-Chef in Polen angekündigt, dass sein Unternehmen kein Interesse am Kauf von Apotheken habe.

 

Steuerschlupfloch Apotheke

 

In anderen Ländern betreiben Phoenix und die jeweiligen Konzerntöchter selbst ein Imperium von rund 1300 Apotheken, angeblich widerstrebend und ausschließlich zur Sicherung von Marktanteilen. Anfragen zu Strukturen und Marktanteilen bleiben auch hier unbeantwortet; das Schweigegebot funktioniert auch international. Aus den Bilanzen anderer Konzerne weiß man jedoch, dass eigene Apotheken entscheidend zum Gruppengewinn beitragen können.

 

Warum also das zusätzliche Versteckspiel der Beteiligungsgesellschaften? Die Gründe für die Ausgliederung vor allem des osteuropäischen Apothekengeschäfts aus der Phoenix-Gruppe sind ebenso vielfältig wie schlicht. In Ungarn sind Beteiligungen von Großhändlern und Pharmaherstellern an Apotheken verboten - mindestens 26 Prozent, ab Januar 2007 sogar 51 Prozent müssen von Apothekern gehalten werden. In Tschechien bewegt sich Phoenix dagegen seit langem an der Grenze des Kartellrechts: Mit dem Kernunternehmen, der 2004 aufgekauften Purus, sowie einer 28-prozentigen Beteiligung an der Apothekergenossenschaft Pharmos kontrolliert Phoenix mehr als die Hälfte des tschechischen Großhandelsmarktes.

 

Das Jonglieren mit verschiedenen Beteiligungsgesellschaften hat bei den Merckles jedoch vor allem aus steuerlichen Gründen bekanntermaßen Tradition: So schreibt AUI seit Jahren Verluste in Millionenhöhe ­ und erhält trotzdem ständig neue Finanzspritzen.

 

Mitunter hat das Verschiebespiel dann auch seinen Preis. Mit vielen Worten versuchte der tschechische Phoenix-Chef Jirí Houser die Fachöffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der bislang einzigartige Zukauf von Anteilen einer UTA-Kette durch den Großhandelskonzern nicht als Kampfansage an die unabhängigen Apotheken des Landes zu verstehen sei. Phoenix hatte AUI im Februar und April 2006 formal Gelder zukommen lassen und im Gegenzug 17 Prozent des Aktienkapitals an Europharm erhalten.

 

Die tschechischen Pharmazeuten nahmen Housers Rechtfertigungsversuch mit einem bitteren Lächeln zur Kenntnis. Den selbstständigen Apothekern in den betroffenen Ländern sind die Verstrickungen längst bekannt, beispielsweise weil Phoenix stets Hauptlieferant der jeweiligen Kette ist oder weil AUI durch dieselben Anwälte vertreten wird wie Phoenix.

 

Möglicherweise sind die bislang bekannten UTA-Aktivitäten aber auch nur die Spitze des Eisbergs. Schweigen ist Gold, hatte Unternehmensgründer Adolf Merckle, seit vergangenem Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, von Anfang an erkannt und seiner Dynastie weitergegeben. Die stillen Streiter sind die heimlichen Herrscher.

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