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Verpackungen von Tabletten

Eine für alle?

08.09.2014  15:26 Uhr

Von Felix Ecker und Myriam Braun-Münker / Wie öffnen Verbraucher verschiedene Verpackungen? Dieser Frage gingen Apotheker der Hochschule Fulda in einer Untersuchung nach. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen dazu bei, die Akzeptanz von unterschiedlichen Verpackungstypen zu erhöhen und letztendlich die Compliance zu verbessern.

PZ-Originalia . . .

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von vier Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

 

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Eine Verpackung soll ein Produkt zunächst umhüllen, um es vor äußeren Einflüssen zu schützen. Des Weiteren transportiert sie Produktinformationen zum Endverbraucher und vermittelt Markenbotschaften sowie einen möglichen Zusatznutzen. Einige Verpackungen enthalten sogar Hilfsmittel zum Entnehmen oder Dosieren des Produkts. 

Oft ist das Erscheinungsbild einer Verpackung im Regal entscheidend für Impulskäufe. Allerdings machen es manche Verpackungen dem Endverbraucher schwer, an das Produkt zu gelangen. Besonders bei empfind­lichen Anwendergruppen wie den »Silver Agern«, den Konsumenten in einem fortgeschrittenen Lebensabschnitt, kann dies zur Ablehnung des Produkts führen.

 

In einer Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) von 2003 werden Senioren nach ihren Erfahrungen mit Verpackungen befragt. Dabei stellte es sich heraus, dass ein großer Teil der befragten Personen regelmäßig bis häufig Probleme mit dem Öffnen von Verpackungen hatte. In der Studie der BAGSO erklärten 46,7 Prozent der Befragten, mehrmals wöchentlich oder sogar täglich eine Verpackung nicht auf Anhieb (ohne Hilfsmittel wie Scheren, Hebel et cetera) öffnen zu können. Das wichtigste Problem aus Sicht der Verbraucher mit 75,4 Prozent Nennungen sind dabei nicht funktionierende Öffnungsmechanismen, gefolgt von nicht aufzufindenden Öffnungshilfen (55,1 Prozent). Die Verbraucherzufriedenheit beim Öffnen von Verpackungen hängt somit nicht nur von der erforderlichen Öffnungskraft, sondern auch von kognitiven Faktoren wie dem Verständnis des Öffnungsmechanismus ab. Für die Verpackungsentwicklung sind besonders das Wahrnehmen von Problemen sowie das Erfassen gut funktionierender Details maßgebend.

 

Methodik

 

Die hier vorgestellten Untersuchungen wurden gemäß der Zielgruppenprüfung nach Norm CEN/TS 15945 durchgeführt, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen. Zunächst wurde die Zielgruppenprüfung entsprechend der Norm mit 20 Personen der Altersgruppe 65 bis 80 Jahre durchgeführt. Zusätzlich wurden Personen der Altersgruppen 30 bis 39 und 40 bis 49 Jahre die Verpackungen zum Öffnen überlassen, um mögliche Unterschiede von Öffnungskraft und kognitiven Faktoren und den tatsächlichen Alterseinfluss zu erfassen. Die Größe der Zielgruppe wurde auf insgesamt 46 Personen beschränkt, davon waren je die Hälfte der Prüfteilnehmer zwischen 65 und 80 Jahre beziehungsweise zwischen 30 und 49 Jahren alt. Die Auswertung der Ergebnisse wurde zunächst nach den Kriterien der Prüfnorm vorgenommen, weiter wurden detailliertere Zusammenhänge zum Beispiel Unterscheidungen der Altersklassen oder der Geschlechter untersucht.

Tabelle: Zusammensetzung des Panels (1), in Klammern jeweils Anzahl der Prüfteilnehmer der Zielgruppenprüfung nach CEN/TS 15945

Altersgruppe (Jahre) männlich weiblich gesamt
30 bis 39 4 Personen 10 Personen 14 Personen
40 bis 49 4 Personen 5 Personen 9 Personen
65 bis 69 2 (2) Personen 5 (5) Personen 7 (7) Personen
70 bis 74 4 (2) Personen 6 (5) Personen 10 (7)Personen
75 bis 80 2 (2) Personen 4 (4) Personen 6 (6) Personen
gesamt 16 (6) Personen 30 (14) Personen 46 (20) Personen
  • Auswahl der Versuchspersonen
    Die Prüfung fand im öffentlichen Raum statt, die Teilnehmer wurden durch zufällige Ansprache rekrutiert. Kandidaten wurden nur als Versuchspersonen zugelassen, wenn sie einen autonomen Lebensstil führten. Als Kriterium wurden dabei das nach Selbsteinschätzung überwiegend eigenständige Einkaufen und Kochen sowie das selbstständige Öffnen von Verpackungen herangezogen. Hilfsmittel wie Gehilfen und gelegentliche Hilfe durch Pflegedienste und Verwandte sowie übliche, nicht seniorenspezifische Haushaltshilfen waren statthaft.

    Wenn eine Lesebrille benötigt wurde, so war diese zu tragen. Durch langsames und deutliches Sprechen des Prüfenden wurde sichergestellt, dass auch Prüfteilnehmer mit eingeschränkter Hörfähigkeit an der Prüfung teilnehmen können. Die Zusammensetzung des Prüfpanels ist in der Tabelle dargestellt, die Anzahl der Prüfpersonen je Altersklasse und Geschlecht wurde an die Norm angelehnt.
  • Prüfmaterial und Prüfbedingungen
    Es wurden drei Varianten der Primärverpackung untersucht: eine Dose, ein Blister und ein Tablettenspender (Abbildung 1). Sekundärverpackungen sind für die Dose und den Tablettenspender ein Karton mit Folienaufsatz im Umriss der Verpackung, für den Blister eine Karton-Faltschachtel. Die Reihenfolge der zu öffnenden Verpackungen wurde für die Prüfpersonen randomisiert.

    Nach Norm CEN/TS 15945:2011 wird eine Verpackung als leicht zu öffnen betrachtet, wenn der Großteil erwachsener Verbraucher mit einer hohen Erfolgsrate (Effektivität) innerhalb der für die Aufgabe akzeptierbaren Zeit (Effizienz) mit einem akzeptierbaren Grad der Zufriedenheit mit der Handhabung auf die vorgesehene Menge des Produktes zugreifen kann.

 

 

Je Verpackungsform erfolgten drei Prüfschritte:

  1. Effektivität beim Öffnen: In einem Zeitraum von fünf Minuten sollten sich die Versuchspersonen mit der Primär- und Sekundärverpackung, dem Öffnungsmechanismus und der Öffnungsanleitung vertraut machen, die Verpackung öffnen und eine Dosis entnehmen. 
  2. Effizienz beim Öffnen: Eine neue, identische Originalverpackung sollte innerhalb 60 Sekunden geöffnet, eine Dosis entnommen und die Verpackung gegebenenfalls wieder verschlossen werden. 
  3. Zufriedenheit mit dem Öffnen: Anhand einer fünfstufigen Skala von +2 bis -2 wurde die Zufriedenheit ermittelt.

 

Die Prüfung wurde in einer ähnlichen Situation wie im Lebensumfeld der Prüfteilnehmer durchgeführt, die sich an dem »heimischen Küchentisch« orientierte. Dabei wurden die Anforderungen an Prüfräume (DIN 10962:1997 und DIN ISO 8589:2007) und die Beleuchtungsstärke von Innenräumen (DIN EN 12464-1) berücksichtigt. Die Lichtverhältnisse mussten gleichmäßig sein, Schattenbildung war zu vermeiden, außerdem durfte die Beleuchtung nicht grell-blendend erscheinen.

Die Beleuchtungsstärke war bei den Unter­su­chun­gen auf mindestens 300 Lux fest­ge­legt, was den Anforderungen an Ver­kaufs­be­reiche und an Büros für Schreib- und Lese­tä­tig­kei­ten ent­spricht. Sie wurde circa 30 cm über der Tisch­ober­fläche ge­mes­sen. Die Arbeits­flä­chen der Prüfplätze mussten min­des­tens 0,9 m breit und 0,6 m tief sein. Die Abgeschlossenheit wurde durch Sicht­schutz­wän­de und aufstellbare Trenn­wände ge­währ­leis­tet (Abbildung 2). Die Prüfungen wur­den anhand der in CEN/TS 15945 vorgegebenen Protokolle dokumentiert. Zusätzlich erfolgte zur späteren Detailanalyse eine Video­auf­zeich­nung der Hände der Versuchspersonen.


Ergebnisse

 

Bei 44 von 46 Prüfteilnehmern beziehungsweise 18 von 20 Teilnehmenden der Zielgruppenprüfung wurde die Prüfung mittels Video aufgezeichnet.


Teil 1: Effektivität beim Öffnen

Alle drei Verpackungstypen konnten von allen Prüfteilnehmern aus den Originalverpackungen innerhalb der vorgegebenen Zeit geöffnet werden.


Teil 2: Effizienz beim Öffne

Der zweite Teil der Prüfung wurde mit neuen, identischen Originalverpackungen durchgeführt. Zur Öffnung von Tablettenspender und Blister benötigten die Prüfteilnehmer vergleichbare Zeitspannen. Die Dose konnte von mehreren Prüfteilnehmern erst zeitversetzt geöffnet werden (Abbildung 3). In den Zeitklassen waren bei Dose und Blister beide Geschlechter nahezu gleich stark vertreten, der Tablettenspender wurde von männlichen Prüfteilnehmern etwas schneller als von weiblichen geöffnet

Das Verpackungskonzept der Dose war den Prüfteilnehmern vor dem Test nahezu durchgehend bekannt. Einige Personen suchten nach einer Stanzung im Karton, um den Karton bei Öffnen der Sekundärverpackung nicht zu zerstören. Sieben von 46 Versuchspersonen, also etwa 15 Prozent, versuchten nach Öffnen der Sekundärverpackung zunächst, die Dose zu öffnen, ohne vorher die Lasche (Originalitätsverschluss) zu entfernen. Alle diese Teilnehmer erkannten das Problem relativ rasch und konnten die Verpackung innerhalb der Zeitvorgabe öffnen. Nachdem die Prüfteilnehmer den Öffnungsmechanismus aus Teil 1 der Prüfung kannten, gelang eine zügige Öffnung der Dose. Nach nur 15 Sekunden konnten 50 Prozent der Prüfteilnehmer die Sekundärverpackung entfernen und die Dose öffnen (Abbildung 4).

Das Verpackungskonzept des Blisters war allen Prüfteilnehmern nach Eigenaussage bekannt, was sich insbesondere in der Schnelligkeit der Öffnung widerspiegelt. Bereits nach 10 Sekunden konnten 50 Prozent der Prüfteilnehmer eine Tablette entnehmen, alle Prüfteilnehmer schlossen die Öffnung nach maximal 30 Sekunden erfolgreich ab (Abbildung 5).

Der überwiegende Teil der Prüfteilnehmer gab an, das Verpackungskonzept des Tablettenspenders zu kennen, das Verpackungskonzept war besonders als Süßstoffspender bekannt. Die benötigten Zeiten zur Öffnung waren weitgehend vergleichbar mit den Öffnungszeiten für Blister (Abbildung 6).

Verschiedene Prüfteilnehmer hatten Probleme beim Entnehmen einer Tablette. Eine falsche Handhabung führte zu Verzögerungen der Entnahme. So wurde der Entnahmeknopf zum Beispiel erst gedrückt, dann die Packung gekippt, so dass die Tablette nicht entnommen werden konnte. Mehrere Prüfteilnehmer versuchten an verschiedenen Stellen der Packung zu drücken, bevor sie den richtigen Knopf zur Entnahme fanden. Einige versuchten, den aufgesetzten Deckel zu öffnen, dann wurde der Tablettenspender wie eine Dose benutzt.


Teil 3: Zufriedenheit mit dem Öffnen

Beide Geschlechter beurteilen die Zufriedenheit mit dem Öffnen sehr ähnlich, es bestanden keine statistisch relevanten Unterschiede. Die Zufriedenheit beim Öffnen der Dose wurde eher von den männlichen Prüfteilnehmern positiv beurteilt. Hauptargumente für die positive beziehungsweise neutrale Beurteilung der Dose waren der als einfach empfundene Öffnungsmechanismus und die gute Zugänglichkeit der Tabletten. Viele Prüfteilnehmer bezeichneten die Verpackung als praktisch.


Etwa 20 Prozent der jüngeren Prüfteilnehmer beurteilen aus verschiedenen Gründen die Dose sogar negativ. So führten Schwierigkeiten beim Entnehmen einzelner Tabletten zu einer Abwertung, viele empfanden diese Verpackungsart als unhygienisch. Für die Zielgruppe der 30- bis 50-Jährigen bleibt auf der Suche nach einer geeigneten Verpackungsform zu überlegen, ob das Produkt in einer anderen Verpackungsart für diesen Kundenkreis attraktiver ist.

Die älteren Prüfteilnehmer beurteilten die Dose deutlich besser. Von 23 Prüfteilnehmern in der Altersgruppe ab 60 Jahre beurteilte nur einer diese Verpackung mit »-1« als negativ. Diese Person hatte Schwierigkeiten beim Greifen und Öffnen des Originalitätsverschlusses, was subjektiv zur Abwertung führte (Abbildung 7). Weiter wurden die fehlende Sollbruchstelle in der Sekundärverpackung zum einfacheren Öffnen und Schwierigkeiten bei der gezielten Entnahme einer einzelnen Tablette als unangenehm wahrge­nommen.

Die Verpackung im Blister wurde von allen Prüfteilnehmern positiv bis neutral bewertet (Abbildung 8,). Viele Prüfteilnehmer beurteilten diese Verpackungsart als hygienisch und wertig. Die Verpackungsform galt bei einigen Prüfteilnehmern als umständlich und nicht umweltfreundlich, was zu einer subjektiven Abwertung führte.

Von einzelnen Prüfteilnehmern wurde bemängelt, dass es aus Platzgründen oft schwierig sei, die Gebrauchsinformation nach Lesen wieder im Umkarton zu verstauen.

Obwohl die Verpackung im Tablettenspender allgemein als bekannt eingestuft wurde, ergaben sich beim Erkennen der Funktion des Mechanismus vereinzelt Schwierigkeiten. Die Prüfpersonen bewerteten die Verpackungsart dennoch überwiegend positiv (50 Prozent) beziehungsweise neutral (circa 20 Prozent).

Der Tablettenspender wurde insbesondere von der Altersgruppe der 70- bis 80-jährigen Prüfteilnehmer durchgängig positiv bis neutral bewertet. Hauptargument für die positive Bewertung waren die platzsparende Verpackung und die hygienische Entnahme (Abbildung 9). Einige jüngere Prüfteilnehmer lehnten den Tablettenspender als zu komplizierte Verpackung ab und bevorzugten die Dose.

Auswertung nach CEN/TS 15945

 

Entsprechend der Prüfnorm wird eine Verpackung als leicht zu öffnen bewertet, wenn sie bei 20 Prüfteilnehmern alle drei Prüfstufen erfolgreich abschließt. Die Effektivität beim Öffnen ist gemäß der Prüfnorm als Erfolg zu bewerten, wenn ein Prüfteilnehmer eine Verpackung erfolgreich innerhalb einer Prüfdauer von fünf Minuten öffnet. Alle Prüfteilnehmer der Zielgruppenprüfung schlossen den Prüfteil »Effektivität beim Öffnen« für die drei Verpackungstypen erfolgreich ab.

 

Während der zweiten Stufe der Prüfung, der Effizienz beim Öffnen, sollen die Öffnung der Verpackung, die Entnahme einer Dosis und gegebenenfalls der Wiederverschluss innerhalb 60 Sekunden erfolgen. Alle Prüfteilnehmer der Zielgruppenprüfung konnten sowohl die Dose als auch den Blister effizient öffnen. Dose und Blister sind somit nach der Prüfnorm als effizient zu öffnende Verpackungen zu bezeichnen. Dagegen konnte ein Prüfteilnehmer der Zielgruppenprüfung nicht innerhalb der Zeitvorgabe eine Dosis aus dem Tablettenspender entnehmen. Der Tablettenspender erreichte damit nicht das Prädikat »Effizient bei der Handhabung«.

 

Eine Verpackung erfüllt das Kriterium Zufriedenheit mit dem Öffnen, wenn die Prüfteilnehmer den Grad der Zufriedenheit mit Stufe 0 oder höher auf der Zufriedenheitsskala bewerten. Die Dose wurde von einer Person, der Tablettenspender von zwei Personen der Zielgruppenprüfung als negativ beurteilt. Dose und Tablettenspender erfüllen somit nicht die Anforderungen der Prüfnorm an den Prüfparameter Zufriedenheit mit dem Öffnen.

 

Nach den Kriterien der Prüfnorm für 20 Prüfteilnehmer erreicht formell lediglich die Verpackung im Blister das Prädikat »Leicht zu öffnende Verpackung«. Ein Prüfteilnehmer konnte die Dose nicht innerhalb einer Minute öffnen und wieder verschließen, einer bewertete sie als negativ, zwei Prüfteilnehmer bewerteten den Tablettenspender als negativ. Die Prüfnorm gewichtet diese Fälle von Versagen bei einem kleinen Panel sehr stark. Eine explizit erlaubte Ausweitung der Anzahl von Prüfteilnehmern würde zu einem repräsentativeren Ergebnis führen.


Diskussion

 

Hinsichtlich der Effektivität beim Öffnen ließen sich für alle drei Produkte keine signifikanten Abhängigkeiten von Alter oder Geschlecht beobachten, lediglich beim Tablettenspender konnten oft die männlichen Prüfteilnehmer die Tabletten etwas schneller entnehmen als die weiblichen.

 

Dies stellte sich bei der Prüfung der Effizienz beim Öffnen etwas anders dar. Während die Packungen der Dose und des Tablettenspenders von den männlichen Prüfpersonen tendenziell schneller geöffnet wurden, erfolgten Öffnung und Entnahme aus dem Blister von beiden Geschlechtern in vergleichbarer Zeit. Dies mag einerseits auf dem bekannten Öffnungsmechanismus für geblisterte Tabletten allgemein beruhen, könnte aber auch auf ein sorgfältigeres Auseinandersetzen der männlichen Prüfteilnehmer mit den Öffnungsmechanismen von Dose und Tablettenspender hindeuten.

 

Die auf die Sekundärverpackung bei Dose und Tablettenspender aufgedruckten Gebrauchshinweise wurden beim Öffnungsvorgang regelmäßig zerstört, daher wäre eine andere Art der Platzierung besonders aus Gründen der Produktsicherheit ratsam. Keiner der Prüfteilnehmer setzte sich vor den Öffnungsversuchen mit den Öffnungshinweisen auseinander, die Prüfteilnehmer bevorzugten selbsterklärende Ver­packungen. So wurde insbesondere der Tablettenspender nach Kenntnis des Öffnungsmechanismus positiv beurteilt.

 

Das Alter der Prüfpersonen spiegelte sich bei der Effizienz der Öffnung bei allen drei geprüften Produkten qualitativ gleich wider. Es zeigte sich, dass die Altersgruppen zwischen 65 und 80 Jahren sehr ähnliche Zeitspannen zur Öffnung benötigten, die sich nicht signifikant von den Zeitspannen der Prüfpersonen aus den Altersgruppen zwischen 30 und 49 Jahren unterschieden.

 

Die Dose wurde vom überwiegenden Teil der Prüfteilnehmer sehr schnell geöffnet, Verzögerungen ergaben sich, wenn der Originalitätsverschluss nicht erkannt wurde. Die älteren Altersgruppen betonten als Vorteil, dass diese Art der Verpackung nur einmal geöffnet werden müsse, um den Inhalt zu entnehmen. Abwertungen der Zufriedenheit wurden mit Schwierigkeiten beim Öffnen der Sekundärverpackung und der Entnahme einzelner Tabletten begründet, einige Prüfteilnehmer beurteilten diese Verpackungsform als unhygienisch.

 

Der Blister konnte von allen Altersgruppen am schnellsten geöffnet werden, was mit dem hohen Bekanntheitsgrad dieser Verpackungsart korrelieren könnte. 39 von 46 Prüfteilnehmern beurteilten den Blister positiv, das entspricht etwa 85 Prozent; etwa 15 Prozent der Prüfteilnehmer gaben dem Blister eine neutrale Bewertung. Beide Geschlechter bewerteten den Blister sehr ähnlich. Insbesondere die hygienische Einzelverpackung der Tabletten wurde positiv wahrgenommen. Gerade die älteren Gruppen der Prüfteilnehmer bewerteten den Blister positiv, der Umkarton könne aus ihrer Sicht sehr gut aufbewahrt werden. Allerdings führte oft der Umgang mit dem Beipackzettel zu einer Abwertung, die Prüfpersonen empfanden es als unangenehm, dass der Zettel nach Entnahme in der engen Schachtel nicht wieder zu verstauen sei. Einige betonten, dass die Verpackung aus ihrer Sicht zu aufwendig sei.

 

Die jüngeren Prüfteilnehmer konnten den Tablettenspender deutlich schneller bedienen als die ältere Gruppe. Einige Ältere hatten zunächst den Öffnungsmechanismus nicht erkannt, nach Erkennen wurde der Mechanismus aber positiv wahrgenommen. Einzelne Prüfteilnehmer öffneten den Deckel des Tablettenspenders und entnahmen die Tabletten wie aus einer Dose. Der Tablettenspender wird insbesondere von der älteren Gruppe tendenziell dem Blister vorgezogen, die hygienische und platzsparende Verpackung wurden als Gründe genannt. Abschließend bleibt zu sagen, dass für das schnelle Öffnen dieser Verpackungsart zunächst kognitive Faktoren maßgeblich waren, sie aber nach Kenntnis des Öffnungsmechanismus insbesondere von den älteren Altersgruppen positiv bewertet wurde.

 

Die Zufriedenheit mit dem Öffnen wurde von beiden Geschlechtern jeweils ähnlich beurteilt. Die Dose wurde von den Prüfteilnehmern als praktische Verpackungsform wahrgenommen. Dennoch wird sie von der jüngeren Altersgruppe überdurchschnittlich häufig als unpassend bewertet. Der Blister wurde von allen Prüfteilnehmern neutral bis positiv wahrgenommen, besonders die Altersgruppen ab 65 Jahre bewerteten das Öffnen dieser Verpackungsart besonders anerkennend. Der Tablettenspender wurde von den Altersgruppen ab 70 Jahre durchweg positiv eingeschätzt, die Abwertung besonders bei der jüngeren Altersgruppe resultierte aus dem Öffnungsmechanismus der Sekundärverpackung.

 

Zusammenfassung

 

Im Rahmen der Untersuchung zeigte sich, dass eine Zielgruppenprüfung nach CEN/TS 15945 gut geeignet ist, Aussagen über das leichte Öffnen von Verpackungen zu generieren. Die durch die Anwendung der Prüfnorm CEN/TS 15945 gewonnene qualitative Aussage über das leichte Öffnen der getesteten Verpackungen können Hersteller und Handel dienen, Produktlinien mit nachweislich »seniorengerechten« Verpackungen zu schaffen und entsprechend kenntlich zu machen.

 

Im Apothekenalltag werden Veränderungen einer Verpackung oft mit Misstrauen wahrgenommen, was besonders bei sensiblen Patienten zu einer schlechteren Compliance führt. Während der Zielgruppenprüfung stellte sich heraus, dass gerade auch die Patienten in einem fortgeschrittenen Lebensalter neuen Verpackungsarten gegenüber prinzipiell aufgeschlossen sind und selbsterklärende Öffnungsmechanismen bevorzugen. Um eine sichere Handhabung zu gewährleisten sind entsprechende Hinweise bei der Abgabe des Produktes unerlässlich. Diese Hinweise werden besonders wahrgenommen, wenn sie vom pharmazeutischen Personal in der Apotheke angesprochen werden. Wegen des oft sehr persönlichen Kontakts zum Apothekenkunden haben diese Hinweise eine entscheidende Bedeutung.

 

Während der Zielgruppenprüfung konnten durch Beobachtung und Auswertung des Prüfablaufes Erkenntnisse gewonnen werden, die zu einer besseren Akzeptanz von unterschiedlichen Verpackungstypen beitragen. Damit erschließen sich neue Möglichkeiten der Verpackung, die Produktschutz und bessere Compliance vereinen. /

 

Literatur bei den Verfassern

Anschriften der Verfasser

Professor Dr. Felix Ecker und Myriam Braun-Münker
Fachgebiet Pharmazeutische Technologie im Fachbereich Lebensmitteltechnologie
Hochschule Fulda
Marquardstraße 35
36039 Fulda
E-Mails: felix.ecker(at)lt.hs-fulda.demyriam.braun-muenker(at)lt.hs-fulda.de

 

Dr. Ulrike Weingärtner
Head of Regulatory & Scientific Affairs
MCM Klosterfrau GmbH & Co. KG
Gereonsmuehlengasse 1–11, 50670 Köln
E-Mail: Ulrike.Weingaertner(at)klosterfrau.de

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