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Alzheimer-Forschung

Neue Ansätze nötig

13.09.2011  14:55 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi, Frankfurt am Main / Lange Zeit hat man sich in der Alzheimer-Forschung auf die Beta-Amyloid-Plaques konzentriert. Doch es wird immer deutlicher, dass in der Pathogenese noch weitere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören die Mitochondrien und der Fettstoffwechsel im Gehirn.

Anhäufungen von Beta-Amyloid-Protein (Aβ), die sich in Plaques zusammenlagern, sind charakteristisches Merkmal der Alzheimer-Krankheit. Eine Reihe von Therapieoptionen der demenziellen Erkrankung greifen hier an, indem sie entweder die Bildung von Aβ unterdrücken, das Zusammenlagern der Proteine verhindern oder bereits bestehende Plaques auflösen. Doch alle diese Behandlungsansätze sind bisher in der Klinik gescheitert, berichtete Professor Dr. Walter E. Müller von der Goethe-Universität Frankfurt auf einer Pressekonferenz anlässlich eines Alzheimer-Symposiums in Frankfurt am Main. Große Hoffnungen hätten zum Beispiel auf den Alpha-Sekretase-Hemmern geruht, die die Bildung von Aβ reduzieren sollten. In klinischen Studien lieferten sie enttäuschende Ergebnisse. Deshalb müsse man sich jetzt auf die Suche nach neuen Ansätzen machen, die sich nicht mehr allein auf die Aβ-Plaques fokussieren. Müller: »Diese restriktive Betrachtung ist so nicht mehr beizubehalten.«

Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Gunter P. Eckert organisierte Müller das Symposium, das neue Aspekte der Alzheimer-Pathogenese jenseits der Aβ-Kaskade-Hypothese zum Thema hatte. 26 Experten aus acht Ländern referierten auf dem Treffen, das die Goethe-Universität zusammen mit der Hirnliga veranstaltete, über aktuelle Daten zum Lipidstoffwechsel im Gehirn, Neuro­genese, Zell-Zell-Kommunikation und die Energiegewinnung der Zelle.

 

Risikofaktor Alter

 

»Ein Aspekt, der bei der Erforschung der Pathogenese lange sträflich vernachlässigt wurde, ist der größte Risikofaktor für Alzheimer-Demenz: das Alter«, sagte Müller. Denn Alterungsprozesse schädigen zum Beispiel die Mitochondrien-Funktion. »Mitochon­drien, die Kraftwerke der Zelle, gelten heute als zentraler Punkt der Alzheimer-Pathogenese«, so der Pharmako­loge. Ist ihre Funktion beeinträchtigt, wird weniger Energie in Form von ATP produziert, dies schädigt die Synapsen und führt schließlich zum Zelltod. Es leidet vor allem der Komplex 1 der Atmungskette, berichtete Müller. Dadurch kommt es zu vermehrtem oxidativem Stress in der Zelle, der die Bildung von Aβ fördert. Aβ-Oligomere wiede­rum stören selbst die Mitochondrien-Funktion – ein Teufelskreis entsteht.

 

»Diese neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass es zu kurz greift, nur die Plaques beseitigen zu wollen«, so Müller. Man forsche derzeit an Substanzen, die die Mitochondrien-Funktion verbessern, wie Ginkgo-Extrakt, einige Flavonoide und Omega-3-Fettsäuren.

 

Statine gegen Demenz

 

»Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Alzheimer-Pathogenese ist der Fettstoffwechsel im Gehirn«, berichtete Eckert. Dieser verändere sich im Alter. Sowohl Cholesterol als auch einige Zwischenprodukte der Cholesterolsynthese häufen sich im Alter in den Gehirnzellen an. Bei Patienten mit Alzheimer ist die Lipidmenge allerdings stärker erhöht als bei gesunden alten Menschen. Cholesterol selbst wirke bereits schädlich, eine besondere Rolle spiele aber eine bestimmte Gruppe von Intermediärprodukten, die Isoprenoide, sagte Eckert. Nervenzellen benötigen diese Ankermoleküle, um Synapsen auszubilden und sich zu vernetzen. »Bei Alzheimer-Patienten werden vermehrt Ankermoleküle gebildet, es findet aber keine Verankerung mehr statt.« Der Grund hierfür ist ein Mangel an Transferasen, die die Lipidmoleküle auf Rho-GTPasen übertragen, was essenziell für die Verankerung in der Zellmembran ist. Trotz des Übermaßes an Isoprenoiden können die Nervenzellen daher ihre Synapsen nicht aufrecht erhalten: Sie verlieren die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren. Die Folge ist Demenz.

 

»Es gibt Wirkstoffe, die hier eingreifen: die Statine«, sagte Eckert. Diese Arzneistoffe senken den Cholesterolgehalt nicht nur im Blut, sondern auch im Gehirn. Dadurch reduziert sich die Menge der Zwischenprodukte. Doch eine Therapie der Alzheimer-Demenz mit Statinen müsste lange vor Einsetzen der ersten Symptome begonnen werden. Es sei aber problematisch, gesunde Menschen im mittleren Alter prophylaktisch über einen langen Zeitraum mit Medikamenten zu behandeln. Flavonoide könnten hier eine Alternative sein. Es gebe Hinweise, dass bestimmte Vertreter dieser sekundä­ren Pflanzenstoffe die Transferaseaktivität erhöhen und dadurch die Vernetzung verbessern können.

 

Neben diesen zwei vorgestellten Aspekten gebe es noch viele weitere, die derzeit erforscht werden, sagte Müller. Ein Beispiel sei der Protein-Abbau in der Zelle, der bei Alzheimer-Patienten gestört sein könnte. Therapeutische Ansätze gebe es hier aber bislang nicht. / 

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