Pharmazeutische Zeitung online
Hochschulporträt

In Braunschweig geht’s zur Sache

13.09.2011  16:21 Uhr

Von Daniela Biermann, Braunschweig / Angewandtes Wissen wird in Braunschweig großgeschrieben: Die Studenten lernen am Krankenbett und in der Übungsapotheke. Die Laboratorien sind überdurchschnittlich gut ausgestattet. Und auch die Forschung profitiert von engen Kooperationen, zum Beispiel mit den Ingenieurswissenschaften. So können bald Apotheker einen Master in Pharmaverfahrenstechnik erwerben.

Die Braunschweiger Pharmazeuten sind bequem und bleiben unter sich – diese Aussage trifft wohl nur auf den Campus zu. Alle Institute liegen dicht beieinander und sind trockenen Fußes zu erreichen. Die Mensa ist gleich gegenüber und ein Hochschulsportzentrum nebenan. Pause machen können Studenten und Lehrkräfte im eigenen Arzneipflanzengarten. Versteckt zwischen den Gebäuden finden sich auf einer Fläche von rund 2000 m2 etwa 200 Arzneipflanzen, historische Gärten sowie Rasenflächen und Bänke zum Lernen und Entspannen. Ein eigens angestellter Gärtnermeister kümmert sich um die Pflege, wissenschaftlich leitet Dr. Rainer Lindigkeit den Arzneipflanzengarten. »Der Garten wird sehr gut angenommen – sowohl von unseren Studenten als auch von der Bevölkerung«, erzählt Lindigkeit. Mit anderen Freiwilligen bietet der Pharmazeutische Biologe gegen eine kleine Spende Führungen an, sei es für Apotheker, Schulkinder, Landfrauen oder Klostergarten-Fans. Neben größeren Exkursionen erhalten die Studenten hier direkt an den Pflanzen einige Lektionen in Botanik. Schilder und eine ausführliche Broschüre helfen dem einzelnen Besucher weiter. Der Garten kann auch virtuell besichtigt werden: http://arzneipflanzengarten.de.

Nur zu besonderen Anlässen öffnet Professor Dr. Bettina Wahrig dagegen die Türen ihres Alchemie-Labors. Hier wird zwar nicht nach Gold oder dem Stein der Weisen gesucht. Rund 800 mineralisch-chemische und tierische Präparate zeigen aber, wie die apothekerliche Kunst in den vergangenen Jahrhunderten aussah. Die Braunschweiger Pharmazie ist eine der wenigen Fakultäten in Deutschland, die über einen eigenen Lehrstuhl für Pharmaziegeschichte verfügen. Historisches Wissen birgt die gut ausgestattete Bibliothek, in der sich jedes Semester einige Pharmazeuten während ihres Wahlpflichtpraktikums in alte Bücher vertiefen oder an ihrer Promotion arbeiten.

 

Überhaupt ist die Pharmazie hier Spitzenreiter, was Fachliteratur angeht. Die Universitätsbibliothek der TU Braunschweig verfügt über die größte Sammlung pharmazeutischer Literatur in Mitteleuropa – mehr als 600 Fachzeitschriften sind abonniert. Jährlich erwirbt die Bibliothek mehr als 1000 in- und ausländische Buchtitel für das Sondersammelgebiet Pharmazie. Von den Studiengebühren wird zudem ein ausreichender und moderner Satz an Lehrbüchern finanziert.

Steckbrief: TU Braunschweig

Gegründet wurde die TU Braunschweig 1745 als Collegium Carolinum. Mittlerweile besteht die Universität aus sechs Fakultäten, an denen insgesamt rund 13 500 Studenten eingeschrieben sind. Die Pharmazie ist seit 1835 vertreten und bildet mittlerweile zusammen mit Biologie, Chemie und Psychologie die Lebenswissenschaften. Jedes Semester beginnen hier 75 bis 80 angehende Apotheker ihr Studium. Weitere Informationen: www.tu-braunschweig.de/pharmazie.

Naturgemäß sind die Studenten von den Studiengebühren nicht begeistert. Die Institute sind jedoch bemüht, aus dem Nachteil einen Standortvorteil zu machen. »Die Kommission, die über die Verwendung der Gelder entscheidet, ist zur Hälfte mit Studenten besetzt«, berichtet Professor Dr. Knut Baumann, der derzeit Dekan der gesamten Fakultät der Lebenswissenschaften ist. »Und wir Lehrkräfte würden hier nicht gegen den Willen der Studenten stimmen.« Neben Lehrbüchern finanzieren die pharmazeutischen Institute von den Studiengebühren zusätzliche Geräte in den Laboren wie Waagen, stellen jedem Erstsemester einen Glassatz bereit, geben kostenlos Skripte aus und finanzieren Tutorien für Studienanfänger und Examenskandidaten.

 

Ein Teil des Gelds ist auch in die Lehr­apotheke geflossen. In dem Seminarraum üben die Studenten in Rollenspielen den Umgang mit Kunden und der Apothekensoftware. Besonders der für das Fach Klinische Pharmazie zuständige Professor Dr. Ralf Benndorf setzt die Übungsapotheke ein, aber auch die Professoren Dr. Sönke Behrends und Dr. Ingo Rustenbeck aus der Pharmakologie nutzen und unterstützen dieses Projekt. Den Ernstfall am Patienten übt jeder Student zudem im Hauptstudium am Uniklinikum beim sogenannten Bed-Side-Teaching.

Auch zukünftige Technologen finden in Braunschweig sehr gute Ausbildungsvoraussetzungen. Dank eines überdurchschnittlich gut ausgestattetem Geräteparks, zum Beispiel mit einem haushohen Wirbelschichtgranulator, lernen die Studenten nicht nur die übliche Galenik kennen, sondern auch für die Industrie wichtige Prozesse wie das Upscaling. Es gibt sogar eine Vorlesung in »Industrieller Pharmazie«. »Neben den regulären Lehrveranstaltungen führen wir ein einwöchiges Forschungspraktikum mit allen Studenten im Hauptstudium durch«, erzählt Professor Dr. Christel Müller-Goymann. Dabei können die Studenten sich an technologischen Herausforderungen versuchen, zum Beispiel den bitteren Geschmack von Enzianextrakt auf Popcorn maskieren oder Lidocain in der kindgerechten Applikationsform Speiseeis herstellen.

 

Neuer Studiengang in Sicht

 

Wer sich dafür begeistert, kann in einigen Jahren einen Master in Pharmaingenieurwesen an der TU Braunschweig erwerben. Das Konzept des Studiengangs steht und muss nun vom Ministerium bewilligt werden. Die Masterarbeiten können dann im geplanten Zentrum für Pharmazeutische Verfahrenstechnik absolviert werden. Im Juli hat der Wissenschaftsrat 29 Millionen Euro Fördergelder für das Zentrum bewilligt. Neben der Pharmazie sind die Verfahrenstechnik und Mikrotechnik am Zentrum beteiligt. Interdisziplinär wollen hier voraussichtlich ab 2014 Wissenschaftler unter anderem erforschen, wie sich die Löslichkeit mancher Wirkstoffe verbessern lässt, Medikamente kostengünstiger hergestellt werden und maßgeschneiderte Therapieformen entwickeln. »Alle experimentell arbeitenden pharmazeutischen Institute werden an dem neuen Zentrum beteiligt sein«, sagt Müller-Goymann. »Während sich Ingenieure gut mit Maschinen auskennen, sind wir Pharmazeuten zum Beispiel Fachleute für die Stabilität von Arzneistoffen. Das Zentrum kann hier eine Lücke füllen.«

Forschungsgebiete der Professoren

Seit 2006 sind in der Braunschweiger Pharmazie sechs der zwölf Professuren neu besetzt worden. Die Arbeitskreise können auf zahlreiche Preise verweisen. Am Institut für Medizinische und Pharmazeutische Chemie entwickeln, synthetisieren und testen die Professoren Dr. Knut Baumann, Dr. Conrad Kunick und Dr. Ingo Ott neue Wirkstoffe. Schwerpunkte liegen bei Antiinfektiva und Antitumorwirkstoffen. Beim Wirkstoffdesign setzen sie Methoden der Cheminformatik, des virtuellen Screenings und des Molecular Modelling ein. Der Bereich der Wirkstoffsynthese und biologischen Testung konzentriert sich vor allem auf die Entwicklung neuer Proteinkinase-Hemmstoffe und auf die Bioanorganische Medizinische Chemie. In der Analytik forscht Professor Dr. Hermann Wätzig in enger Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie und den Behörden an Trenntechniken, Protein- und Proteomanalytik, der Qualitätssicherung biotechnisch hergestellter Arzneistoffe und statistischen Fragestellungen aus der Qualitätskontrolle.

 

Am Institut für Pharmazeutische Technologie untersuchen Professor Dr. Christel Müller-Goymann, Professor Dr. Heike Bunjes und Dr. Stephan Reichl hauptsächlich feste, jedoch auch flüssige und flüssigkristalline Lipidnanopartikel, vor allem im Hinblick auf die dermale und parenterale Applikation. Sie untersuchen den Einfluss der Mikrostruktur von Formulierungen auf die Arzneistofffreisetzung und den Arzneistofftransport durch biologische Membranen.

 

Im Mittelpunkt der Forschung von Professor Dr. Ute Wittstock und Professor Dr. Ludger Beerhues am Institut für Pharmazeutische Biologie stehen pflanzliche Wirkstoffe, ihre Biosynthese, ihre ökologische Bedeutung und Evolution und ihre biotechnologische Gewinnung. Die Nachwuchsgruppe von Dr. Leif Barleben erforscht die Möglichkeit, Glycosyltransferasen durch Modularisierung für die enzymatische Synthese neuer Wirkstoffe zu nutzen.

 

Am Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Klinische Pharmazie arbeitet Professor Dr. Sönke Behrends an Stickstoffmonoxid-Rezeptoren und ihren Subtypen als möglichen Arzneimitteltargets. Neue Medikamente könnten gegen kardiovaskuläre und neurodegenerative Störungen, erektiler Dysfunktion und Osteoporose helfen. Forschungsgegenstand der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Ingo Rustenbeck ist die physiologische und pharmakologische Regulation der Insulinsekretion. Professor Dr. Ralf Benndorf beschäftigt sich mit neuen pharmakokinetischen Aspekten in der Therapie mit AT1-Rezeptor-Antagonisten. So erforscht er pharmakogenetische Aspekte der Interaktion dieser Arzneistoffgruppe mit Arzneimitteltransportern, welche zu Arzneimittelwechselwirkungen prädisponieren können. Des Weiteren untersucht er den AT2-Rezeptor und dessen Rolle als potenzielles Arzneistofftarget.

 

Die Themen in der Abteilung für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte sind sehr breit gefächert. Professor Dr. Bettina Wahrig forscht historisch über die pharmazeutischen und medizinischen Berufe im »magischen Dreieck« von Wissen, Macht und Geschlecht, über Arzneimitteltherapie und Geschlecht  sowie über die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Gifte. Mit ihrer Arbeitsgruppe »prekäre Stoffe« widmet sie sich besonders der Geschichte der Wirkstoffforschung im 19. und 20. Jahrhundert.

Generell sind die Braunschweiger Pharmazeuten sehr gut vernetzt. Auch am geplanten Zentrum für Systembiologie werden sich hervorragende Kooperationsmöglichkeiten ergeben, berichtet Dekan Baumann. Mit kleineren Firmen der Umgebung testen die Pharmazeutischen Chemiker neue Substanzen. Die Pharmazeutische Analytik kooperiert mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und dem Friedrich-Löffler-Institut. Insgesamt arbeiten in der Region Braunschweig mehr als 27 000 Menschen in Forschung und Entwicklung in Unternehmen oder in öffentlichen Institutionen. Das bietet für den wissenschaftlichen Nachwuchs gute Chancen auf ein Praktikum oder Jobeinstieg.

In Braunschweig bleiben wollen auch die Achtsemester Julia, Hoang und Laura. Gerade bereiten sich sie auf das zweite Staatsexamen vor. »Zum Lernen ist es hier genau richtig«, berichtet Julia. »Man wird nicht zu viel abgelenkt, kann aber auch gut etwas unternehmen.« Die Wohnsituation ist so entspannt wie in kaum einer anderen Universitätsstadt. Mit der Betreuung und Ausstattung sind die Studenten sehr zufrieden. »Die Professoren geben gute Tipps und sind als Ansprechpartner auch für unsere Probleme da«, ergänzt Hoang. Die Pharmazie leistet sich sogar eine eigene hauptamtliche Studienkoordinatorin. Die drei Studenten sind sich einig: »Wir würden uns jederzeit wieder für Braunschweig entscheiden.« /

Mehr von Avoxa