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Medikamente

Riskantes Geben und Nehmen

08.09.2008
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Medikamente

Riskantes Geben und Nehmen

Von Bettina Sauer

 

Eine neue Studie zeigt, dass zahlreiche Menschen ihre verschreibungspflichtigen Medikamente an andere weiterreichen. Dann drohen den Anwendern erhebliche Arzneimittelrisiken. Vor allem ungeborene Kinder sehen die Studienautoren in Gefahr. 

 

Möglicherweise nehmen längst nicht nur diejenigen Menschen verschreibungspflichtige Medikamente ein, denen der Arzt sie wirklich verordnet hat. Vielmehr geben manche ihren Angehörigen oder Bekannten davon ab, oder sie beziehen umgekehrt starke Arzneimittel aus diesen Kreisen. »Prescription Medication Sharing« lautet der englische Oberbegriff für das Phänomen, zu deutsch etwa: »gemeinsame Benutzung verschreibungspflichtiger Medikamente«. Rund 27 Prozent der US-Amerikaner scheinen dieser Praxis nachzugehen - und sogar 36,5 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter. Sie bringen damit nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch ihre ungeborenen Kinder. Die Zahlen und die Warnung stammen aus einer Studie, die in der nächsten Ausgabe vom »Journal of Women`s Health« erscheint und bereits online zur Verfügung steht (Doi:10.1089/jwh.2007.0769). Sie stammt von Forschern um Dr. Margaret A. Honein vom National Center of Birth Defects and Developmental Disabilities in Atlanta im US-Staat Georgia.

 

Die Analyse stützt sich auf Daten aus den sogenannten »HealthStyles surveys«, jährlichen Umfragen zum Gesundheitsverhalten in der US-amerikanischen Bevölkerung. Von 2001 bis 2006 bekamen 36.420 zufällig ausgewählte Haushalte Fragebögen per E-Mail, die auch das »Prescription Medication Sharing« umfassten. 26 289 Menschen über 18 Jahre schickten ein auswertbar ausgefülltes Dokument zurück, genauer: 12.644 Männer und 13.645 Frauen, 7400 davon im vermehrungsfähigen Alter.

 

Frauen liegen vorn

 

Grundsätzlich folgt aus der Analyse, dass rund 28,8 Prozent der Frauen und 26,5 Prozent der Männer schon Prescription Medication Sharing betrieben haben. Mehr als 75 Prozent davon übten die Praxis im vergangenen Jahr aus - das geht zumindest aus einer detaillierten Analyse unter den fortpflanzungsfähigen Frauen hervor. Den weiblichen Vorsprung führen die Forscher darauf zurück, dass Frauen Studien zufolge mehr verschreibungspflichtige Arzneimittel anwenden als Männer und möglicherweise als »Familienärzte« wirken. Noch nicht genau zu erklären wissen Honein und Kollegen ihre Entdeckung, dass das Weiterreichen von Medikamenten mit zunehmendem Alter abnimmt. So tun das der Umfrage zufolge knapp 40 Prozent der Männer und Frauen zwischen 18 und 24 Jahren. Über die Altersgruppen hinweg sinkt diese Rate auf einen Wert von 10,4 Prozent bei den über 65-Järhigen. Einen weiteren klaren Zusammenhang machten die Forscher aus:  »Wer das Internet nutzt, um Gesundheitsinformationen zu bekommen, ist deutlich bereiter, Medikamente mit anderen zu teilen«, schreiben sie. »Darin könnte sich eine Praxis der Selbstdiagnose und -behandlung  widerspiegeln.«

 

Kosten spielen untergeordnete Rolle

 

In ihrer Studie finden sich zahlreiche Zusatzdaten für die Gruppe der Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Diese nannten meist mehrere Gründe für ihr Verhalten. 72 Prozent gaben an, sie hätten schon einmal eine Verordnung über das betreffende Medikament bekommen. Als zweithäufigsten Grund wählten 49 Prozent: »Ich habe dasselbe Problem wie die Person, die das Medikament hat.« Für 44 scheint es normal zu sein, Medikamente innerhalb der Familie herumzureichen. 22 Prozent hatten »Medikamente übrig, die sonst in den Müll gekommen wären«. Und jede fünfte Frau gab an, sie könne sich die Medizin nicht leisten. Aus dieser relativ niedrigen Rate und der Beobachtung, dass Pre-scription Medication Sharing weitgehend unabhängig vom Haushaltseinkommen stattfindet, schlussfolgern die Autoren, dass die Arzneimittelkosten für das Verhalten nur eine untergeordnete Rolle spielen. 

 

Am häufigsten scheinen Menschen verschreibungspflichtige Arzneimittelmittel gegen Allergien und Schmerzen mit anderen zu teilen. Das gaben jeweils über 40 Prozent der Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter an. Auf Platz drei stehen mit rund 32 Prozent Antibiotika, gefolgt von stimmungsbeeinflussenden Medikamenten mit 10,4 Prozent und Mitteln zur Geburtenkontrolle mit 1 Prozent. Das Herumreichen von Antibiotika halten die Autoren für besonders gefährlich, weil diese beim unsachgemäßen Einsatz leicht bakterielle Resistenzen auslösen. »Auch sonst gibt es viele Gründe, um vor dem  Prescription Medication Sharing zu warnen«, schreiben sie. Arzneimittel könnten Allergien oder andere unerwünschte Effekte auslösen oder mit anderen verordneten oder rezeptfreien Medikamenten verhängnisvoll wechselwirken. Ohne die Beratung durch einen Heilberufler hätten Patienten nur unzureichende Informationen über die richtige Anwendung und die Dosierung von Medikamenten. Insbesondere warne niemand Frauen, die demnächst Kinder bekommen könnten oder sogar schon schwanger seien, vor einer möglichen fruchtschädigenden Wirkung. Deshalb raten die Autoren: »Wer fruchtschädigende oder anderweitig riskante Medikamente verordnet, sollte Patienten darauf hinweisen, dass sie die Arzneimittel nicht an Dritte weitergeben dürfen.« Grundsätzlich liegen zu dem Thema kaum Studiendaten vor, wie Honein und Kollegen schreiben und eigene Recherchen in der medizinischen Datenbank Pubmed bestätigen. Doch erschien im Juni 2008 im »American Journal of Public Health« eine Umfrage unter rund 700 US-amerikanischen Erwachsenen. Auch hier gaben knapp 27 Prozent der Befragten an, sie hätten kürzlich verschreibungspflichtige Medikamente eingenommen, die eigentlich anderen Menschen zugedacht waren. Gut möglich, dass auch in Deutschland Ergebnisse dieser Größenordnung herauskämen.

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