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2. Sächsisches Selbsthilfeforum

Starkes Team gegen die Krankheit

10.09.2007
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2. Sächsisches Selbsthilfeforum

Starkes Team gegen die Krankheit

Von Bettina Sauer, Leipzig

 

Apotheker können die Arbeit von Selbsthilfegruppen maßgeblich unterstützen und auf diese Weise Patienten im Umgang mit ihrer Erkrankung stärken. Über das »Wie?« berieten Apotheker und Vertreter von Selbsthilfegruppen beim Sächsischen Selbsthilfeforum.

 

Im vergangenen Jahr konnten die Leipziger in einer Apotheke ein Dialysegerät in Aktion besichtigen. Aufgebaut hatte es der örtliche Interessenverein für Dialysepatienten und Nierentransplantierte, um die Öffentlichkeit für seine Belange zu sensibilisieren. Von dieser spektakulären Kooperation von Selbsthilfe und Apotheke berichtete die Vereinsvorsitzende Monika Engel auf dem »2. Sächsischen Selbsthilfeforum«. Die Veranstaltung des Sächsischen Apothekerverbandes (SAV) mit betapharm Arzneimittel GmbH, Augsburg, fand am 5. September in Leipzig statt. Eike Barthel, die stellvertretende Vorsitzende des SAV und Selbsthilfebeauftragte des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), sagte: »Wie im Vorjahr, möchten wir Apothekern und Vertretern der Selbsthilfegruppen durch Workshops und Diskussionsrunden die Gelegenheit geben, sich über Erfahrungen, Angebote und Bedürfnisse auszutauschen und gemeinsam Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln.«

 

Informationsquelle und sozialer Halt

 

Schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen engagieren sich hierzulande ehrenamtlich in der Selbsthilfe. »Die Gruppen dienen hauptsächlich der Interessenvertretung, der Information und dem sozialen Halt ihrer teils schwer kranken Mitglieder«, sagte Karin Eichhorn, Ehrenvorsitzende des Landesverbands Sachsen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. »Apotheker können sie bei diesen Aufgaben erheblich unterstützen. Und sie zeigen dazu eine große Bereitschaft, wie ich aus der Selbsthilfelandschaft immer wieder höre.« Andere Betroffene bestätigten auf der Veranstaltung diese Einschätzung. Und bei einer Umfrage des Deutschen Apothekerverbands aus dem Jahr 2004 zeigten knapp drei Viertel der teilnehmenden 1109 Apotheken Interesse an einer Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen. Etwa ein Drittel aller Befragten führte bereits gemeinsame Projekte durch.

 

Apotheken als Hilfe zur Selbsthilfe

 

Die Möglichkeiten dabei sind vielfältig. »Die weitreichendste, intensivste, aber auch seltenste Form ist die Leitung oder Gründung einer  Selbsthilfegruppe durch einen Apotheker«, sagte Dagmar Bach, Apothekerin aus Riesa. In ihrer Apotheke sammelte sie vielfältige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen, unter anderem für Patienten mit Multipler Sklerose, Rheuma, Kehlkopfverlust oder Schädel-Hirn-Trauma.

 

Eine Apotheke kann Selbsthilfegruppen ganz wesentlich unterstützen, indem sie ihr Anliegen nach außen vermittelt. Am einfachsten gelingt das durch das Auslegen von Informationsmaterial, wie es laut DAV-Umfrage auch häufig praktiziert wird. Doch können Apotheker Selbsthilfegruppen auch durch gemeinsame Aktionen bei der Außendarstellung unterstützen. Der Kreativität sind dabei so gut wie keine Grenzen gesetzt, wie das Beispiel mit dem Dialysegerät zeigt.

 

Des Weiteren können Spendenbüchsen platziert, Räume für Treffen zur Verfügung gestellt oder Betroffene, die in die Apotheke kommen, an eine Selbsthilfegruppe vermittelt werden. »Deshalb ist es gut zu wissen, welche Gruppen in der Umgebung aktiv sind«, sagte Bach. Informationen findet der Apotheker möglicherweise im Wissenssystem BetaCare, das in Buchform, per Internet oder Telefon zur Verfügung steht (weitere Informationen unter www.betacare.de). Nach Angaben des Betreibers betapharm sind darin unter anderem etwa 2000 Selbsthilfegruppen gelistet.

 

Expertenrat gefragt

 

»Der Apotheker kann auch gezielt Sachfragen für die Gruppe oder einzelne Mitglieder recherchieren«, sagte Bach. Oder aber er stellt seine pharmazeutische Kompetenz der Gruppe zur Verfügung und hält Vorträge. »Dabei ist alles denkbar«, betonte Bach, »nur bitte nicht in trockener Darbietung.« In der Regel seien die Zuhörer dankbar, nicht wie üblich etwas Spezielles über ihre Erkrankung zu erfahren. »Bieten Sie ihnen Abwechslung mit Themen, bei denen Sie als Apotheker der Experte sind«, sagte Bach und nannte beispielhaft: Selbstmedikation, Impfungen, Sonnenschutz, Volkskrankheiten, alternative Heilmethoden und Nahrungsergänzungsmittel. Letztere durchaus kritisch betrachtet, schließlich setzten chronisch Kranke oft große Hoffnungen in die, oft nicht mit Studien belegten, Heilsversprechen der Herstellerfirmen. Bach hat auch schon Vorträge zur Gesundheitsreform gehalten, Medizin-Themen der Tagespresse aufgegriffen und ganz praktische Veranstaltungen durchgeführt, zum Beispiel Arzneitee-Verkostungen, Blutwert-Bestimmungen und die Vorführung von Hilfsmitteln. »Bauen Sie unbedingt ausreichend Zeit für Fragen und Diskussionen ein«, sagte sie. »Bleiben Sie hinterher noch da und geben Sie aktiv Kontaktmöglichkeiten wie etwa Ihre Telefonnummer oder Mailadresse.« Denn viele Betroffene scheuten sich, ihre Fragen direkt vor der Gruppe vorzubringen.

 

Ziel all dieser Apotheken-Aktivitäten sei: »Optimismus ausstrahlen und Patienten motivieren, den Kampf mit ihrer chronischen Krankheit aufzunehmen und zu gewinnen.« An die Mitglieder der Selbsthilfegruppen appellierte sie, aktiv auf den Apotheker zuzugehen. »Geben Sie nicht nur wortlos Ihren Flyer ab, sondern suchen Sie das Gespräch über Ihre Gruppe. Nur so kann der Apotheker andere informieren und mit ihnen Visionen einer Zusammenarbeit entwickeln.« Auch sie selbst sei stets von Betroffenen angesprochen worden. »Alles fing damit an, dass Senioren in die Apotheke kamen und baten, bei einem Treffen ihrer Gruppe einen Vortrag zu halten. Ich hätte nie geahnt, was sich daraus alles entwickeln würde.«

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