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Interview

»Johanniskraut ist gleichberechtigt«

12.09.2006
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Interview

Johanniskraut ist SSRI ebenbürtig

Von Marianne E. Tippmann

 

Erste Anlaufstelle für depressive Menschen ist häufig die Apotheke. Die PZ sprach mit Professor Dr. Stefan N. Willich,Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité, über die Bedeutung von Johanniskraut-Extrakt in der Therapie leichter bis mittelschwerer Depressionen und seinen Stellenwert im Vergleich zu synthetischen Antidepressiva.

 

PZ:Welche medikamentösen Behandlungsoptionen gelten heute bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden als Standard?

Willich: Als chemischer Standard werden die so genannten SSRI, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, sowie einige weitere neue Substanzen mit selektivem Wirkmechanismus betrachtet. Wenn sie nicht den gewünschten Behandlungserfolg zeigen, wird man von Fall zu Fall sicherlich auch auf trizyklische Antidepressiva ausweichen müssen oder Kombinationen verabreichen. Was sich allerdings auch bei leichten und mittelgradigen depressiven Syndromen gleichermaßen gut bewährt hat, sind Johanniskraut-Präparate. Sie gelten ebenfalls als etablierte Behandlungsstrategie.

 

PZ:Wie bewerten Sie den Stellenwert von Johanniskraut im Vergleich zu synthetischen Antidepressiva?

Willich: Für mich sind Johanniskraut-Präparate, wohlgemerkt die apothekenpflichtigen, eine gleichberechtigte Behandlungsoption, die je nach Präferenz des Patienten oder auftretenden Nebenwirkungen infrage kommt. Es gibt inzwischen genügend Studien, die nachweisen, dass Hypericum-Extrakte bei leichten bis mittelschweren Depressionen den SSRI in der klinischen Wirksamkeit nicht unterlegen und zugleich besser verträglich sind. Gegenüber Placebo ergibt sich ein signifikanter Effektivitätsunterschied zugunsten der Johanniskraut-Präparate, was beweist, dass sie in der Indikation wirken. Für eine große Anzahl von Patienten ist Johanniskraut somit eine wichtige Option.

 

PZ:In einer kürzlich publizierten Studie wurde die Äquipotenz des hoch dosierten Hypericum-Extrakts STW3-VI mit Citalopram bei mittelgradiger Depression unter Beweis gestellt (siehe Kasten). Inwieweit kann ein gleichwertiges und besser verträgliches pflanzliches Antidepressivum zur Akzeptanz beim Patienten beitragen?

Willich: Es liegt auf der Hand, dass die prinzipielle Bereitschaft zu einer konsistenten Medikamenteneinnahme durch die Vielzahl und Schwere unerwünschter Arzneimittelwirkungen negativ beeinflusst wird. Das gilt für SSRI und erst recht für trizyklische Antidepressiva. Immerhin brechen bis zu 30 Prozent der Patienten die Therapie vorzeitig ab. Ganz sicher liegt also ein wesentliches Potenzial von Johanniskraut darin, dass es dank seiner Verträglichkeit die Akzeptanzprobleme einer antidepressiven medikamentösen Behandlung erheblich verringern kann.

 

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass Johanniskraut-Präparate mit dem Nachteil von teils erheblichen Interaktionen mit anderen Medikamenten verbunden sind. Hypericum-Extrakte haben bislang ja nicht die hohen Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit mit entsprechenden vorklinischen Studien durchlaufen müssen. Allerdings möchte ich damit keine Wertung vornehmen, denn für mich handelt es sich bei beiden Behandlungsformen um vernünftige und wissenschaftlich gut belegte Therapieoptionen, die gleichwertig nebeneinander stehen.

 

PZ:Lässt sich die Compliance durch eine Einmalgabe, die hoch dosiertes Johanniskraut genau wie die meisten SSRI erlaubt, womöglich noch erhöhen?

Willich: 600 bis 900 mg täglich gelten als Standard bei leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden. Über 90 Prozent aller Studien wurden mit dieser Dosierung durchgeführt. Je mehr Medikamente man pro Tag einnehmen muss, desto schlechter ist erfahrungsgemäß die Compliance. Daher steht außer Frage, dass eine einmal tägliche Gabe eines 900-mg-Extrakts sinnvoll ist und die Patienten-Compliance unterstützt.

 

Auch im Hinblick auf die bei depressiven Erkrankungen meist längerfristige Behandlungsdauer ist das 1x1-Einnahmeschema vermutlich vorteilhafter als die Mehrfachgabe einer geringeren Wirkstoffdosis.

Johanniskraut versus Citalopram

Hoch dosierter Johanniskrautextrakt ist bei der Behandlung von Patienten mit mittelschweren Depressionen in der Einmalgabe ebenso wirksam wie eine tägliche Einmalgabe des selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) Citalopram. Beide Vera waren Placebo überlegen. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung mit 388 Patienten (Pharmacopsychiatry 2006, 39, 66-75).

 

In einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie erhielten Patienten mit mittelschwerer Depression sechs Wochen lang entweder einmal täglich 900 mg Hypericum-Extrakt STW 3-VI (Laif® 900), 20 mg Citalopram oder Placebo. Das Hauptzielkriterium zur Beurteilung der Therapiewirksamkeit war der Hamilton-Depressions-(HAMD)-Score. Von fast identischen Ausgangsmittelwerten (21,9 STW 3-VI, 21,8 Citalopram, 22,0 Placebo) verringerte sich der HAMD-Score nach sechs Wochen signifikant bei dem Hypericum-Extrakt und Citalopram auf  10,3 Punkte (Placebo 13,0 Punkte).

 

Insgesamt war der Hypericum-Extrakt besser verträglich als Citalopram. In der Citalopram-Gruppe wurden signifikant mehr unerwünschte Arzneimittelwirkungen dokumentiert (53,2 Prozent) als in der Hypericum-Gruppe (17,2 Prozent) oder in der Placebogruppe (30 Prozent).

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