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Ärzte fordern mehr Obduktionen

06.09.2017
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Von Annette Mende / Als Reaktion auf die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. fordert die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, mehr Gestorbene zu obduzieren. »Die Todesursachenstatistik in Deutschland ist absolut unzulänglich. Wir tappen weitgehend im Dunkeln, weil es zu wenige Obduktionen gibt«, sagte Rudolf Henke, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes.

 

Ist ein Mensch gestorben, muss ein Arzt zunächst die Leichenschau vornehmen. Wenn sich dabei Zweifel an einer natürlichen Todesursache ergeben, wird eine sogenannte forensische Obduktion angeordnet. Doch auch wenn kein solcher Verdacht besteht, kann eine sogenannte klinische Obduktion sinnvoll sein, weil sie genauer als die äußerliche Leichenschau Aufschluss über die Todesursache geben kann. 

 

Henke zufolge beträgt die klinische Sektionsrate in Deutschland 1 bis 3 Prozent – aus seiner Sicht viel zu wenig. Er fordert, dass mindestens 10 Prozent aller Gestorbenen mit vermutlich natürlicher Todesursache obduziert werden sollen. Obduktionen seien eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung bei der Feststellung von Todesursachen.

 

Eine aktuelle Studie der Universität Rostock untermauert die Dringlichkeit dieser Forderung. Mitarbeiter des dortigen Instituts für Rechtsmedizin hatten 10 000 Todesbescheinigungen ausgewertet, die zwischen August 2012 und Mai 2015 im Einzugsgebiet des Krematoriums Rostock ausgestellt worden waren. Von diesen waren lediglich 223 fehlerfrei. Die allermeisten wiesen einen oder mehrere leichte Fehler auf, knapp ein Drittel (27 Prozent) sogar schwerwiegende Fehler, allen voran nicht mögliche Kausalketten bei der Todesursache.

 

Studienleiter Privatdozent Dr. Fred Zack fordert in einer Mitteilung der Universität wie Henke mehr Obduktionen, denn die bei der Leichenschau gestellten Diagnosen würden in etwa der Hälfte der Fälle nach einer Sektion korrigiert. Die Praxis der ärztlichen Leichenschau in Deutschland sei bekanntermaßen schlecht und schon mehrfach kritisiert worden. Einen Grund dafür sieht er in der Organisation: »Wenn ein niedergelassener Arzt beispielsweise zweimal im Jahr zu einer Leichenschau gerufen wird, stellt sich bei ihm kaum eine Routine ein.« Jedes Bundesland habe zudem sein eigenes Bestattungsgesetz und seine eigene Todesbescheinigung. Eine bundeseinheitliche Regelung, die eine Leichenschau durch spezialisiertes Personal vorsieht, sei deshalb dringend geboten. /

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