Pharmazeutische Zeitung online
Website-Endungen

Digitaler Umzug lohnt sich

07.09.2016
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Von Stefan Mey / Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzieht sich derzeit die größte Reform in der Geschichte des Internets. Nachdem lange Zeit Länder-Endungen das Internet geprägt haben, gibt es mittlerweile auch Branchen- und Themenendungen wie .med, .hiv oder .pharmacy.

Eine deutsche Apotheken-Webseite endet auf .de, alternativ auch ­auf ­.com, .net, oder .info, was sonst? Die Auswahlmöglichkeiten im Netz waren lange Zeit begrenzt. Um das zu ändern, führt die globale Internetverwaltung ICANN (Internet Corporation für Assigned Names and Numbers) seit Ende 2013 sukzessive Hunderte neuer Endungen ein.

14 Endungen adressieren explizit den Pharma-, Gesundheits- und Medizinbereich (siehe Infobox). Oft bestehen diese aus rein englischen Begriffen wie .health, .pharmacy oder .surgery. In anderen Fällen, wie bei .med, .hiv oder .physio, handelt es sich hingegen um internationalisierte Wörter, die auch im Deutschen funktionieren. Die meisten dieser Endungen sind schon verfügbar. Die Preise differieren erheblich. Die Mehrzahl der Adressen ist für weniger als 40 Euro im Jahr zu haben, bei .pharmacy hingegen schlagen mehr als 1000 Euro zu Buche.

 

Die Vergabe der Webadressen basiert standardmäßig auf einem Marktprinzip. Die Betreiber der jeweiligen Endungen versuchen, möglichst viele Kunden zu finden, die dort einen Webshop, eine Firmenpräsenz oder eine Informationsseite eröffnen. Dieses Masse-statt-Klasse-Prinzip, das auch die meisten Gesundheitsendungen praktizieren, hat im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt.

 

Zugelassene Apotheken

 

Einen Sonderweg geht die Endung .pharmacy. Betreiber ist das amerikanische National Association of Boards of Pharmacy (NABP). Dessen Konzept sieht vor, dass nur zugelassene Apotheken eine Adresse registrieren dürfen, zudem noch Arzneimittelhersteller, Regulatoren, Bildungsinstitutionen oder Beratungsunternehmen mit Pharmabezug.

 

Ziel sei es, im Internet die Spreu vom Weizen zu trennen, das heißt die Webseiten von zugelassenen Apotheken und die von eher zweifelhaften Anbietern, sagt Carmen Catizone, Geschäftsführerin des NABP, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung: »Die .pharmacy-Endung gibt Verbrauchern weltweit eine Möglichkeit an die Hand, sicherzugehen, dass die Medikamente, die sie online kaufen, sicher sind.« Nach einem Antrag an das NABP verifiziert dieses, inwiefern es sich bei den Anbietern tatsächlich um zugelassene Apotheken handelt.

 

Bisher sind die Adressen nur in den USA und in einigen wenigen englischsprachigen Ländern verfügbar. Deutschland schwebt dem .pharmacy-Betreiber ebenfalls als Zielregion vor, auch wenn das Wort pharmacy hierzulande nicht gerade zu den gängigen internationalisierten Vokabeln gehört. »Die Adressen sollen bald ebenso für Deutschland verfügbar sein«, so Catizone.

 

Dass es keine explizit deutschen Kategorien wie beispielsweise .apotheke oder .medizin gibt, liegt daran, dass sich vor allem US-amerikanische ­Unternehmen in das Geschäft mit den neuen Endungen gewagt haben.

 

Einige deutsche Unternehmen haben sich jedoch auf eine andere Art beteiligt. Sie haben sich .brand gesichert: geschlossene Top-Level-Domains von Markeninhabern, die alleiniges Hoheitsgebiet der jeweiligen Unternehmen sind und für deren globale Selbstdarstellung und Kommunikation genutzt werden können.

 

Pharmariese hat Nase vorn

 

Der deutsche Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim hat sich die Marken-Endung .boehringer gesichert, sie aber noch nicht offiziell gestartet. Bald soll es losgehen, sagt Konzernspecherin Heidrun Thoma. Der Launch erster Webseiten unter .boehringer sei bis Ende 2016 geplant. Unter .boeringer soll es dann als globale Hauptpräsenz unter anderem Produktwebseiten und temporäre Webseiten geben, etwa für Kongresse. Zudem sei angestrebt, auf einer einzigen Destination Informationen für verschiedene Zielgruppen bereitzustellen: »Vertreter der Fachkreise wie Ärzte oder Apotheker können dann nach Produkt- beziehungsweise Markennamen suchen und werden schnell Informationen dazu finden. Patienten können gezielt nach Therapiegebieten oder Indikationen suchen.«

Mögliche Endungen

.clinic / .dental / .dentist / .fitness / .doctor* / .health* / .healthcare / .hiv / .pharmacy / .physio / .med* / .surgery / .vet / .rehab

 

*noch nicht verfügbar. Für .doctor und .med ist ein Start jeweils Ende des Jahres geplant, für .health ist noch kein Termin bekannt.

Der Wettbewerber Merck hat sich um .merck beworben, steht aber vor dem Problem, dass sich das US-amerikanische Unternehmen Merck & Co., das aus namensrechtlichen Gründen hierzulande unter MSD Sharp & Dohme firmiert, für die gleiche Endung interessiert. Seitdem bekriegen sich die beiden Unternehmen mit verschiedenen Einsprüchen und Beschwerdeverfahren vor der ratlosen Internetverwaltung ICANN. Als Alternative hat sich der deutsche Pharmariese jedoch die Endung .emerck gesichert, die auch schon Inhalte hat. Unter company.emerck finden sich Basisinformation zu dem Familienunternehmen, unter magazin.emerck ein buntes Medienangebot mit verschiedenen Inhalten. Eine weitergehende Nutzung der Endung sei allerdings nicht geplant, sagt Jonas Kölle, General Counsel Trademarks bei Merck. Und wie der Streit um .merck eines Tages ausgeht, ist noch gänzlich offen.

 

Auch wenn der Start der großen Internetreform bereits mehr als vier Jahre zurückliegt, lässt sich bisher kaum sagen, wie sie das Netz und die jeweiligen Branchen tatsächlich verändern wird. Obwohl sich viele Konzerne um Markenendungen beworben haben, werden diese bisher eher zögerlich ­genutzt. Apotheken, die unter den klassischen Endungen .de oder .com nur wenig einprägsame Adressen gefunden haben, könnten sich überlegen, umzusteigen: auf .pharmacy, wenn sie glauben, dass ihr Publikum mit dem englischen Wort etwas anfangen kann, auf .hiv, .fitness oder .physio, um auf bestimmte Schwerpunkte aufmerksam zu machen. Mögliche Alternativen sind auch Städte- oder Regionen-Endungen wie .berlin oder .bayern, die den geografischen Bezug signalisieren.

 

Der Blick ins Internet lässt jedoch vermuten, es hätte diese Reform nie gegeben. Die meisten Apotheken firmieren unter .de, und einige wenige unter .com oder .info. Die Vorstellung, dass eines Tages tatsächlich die ganze Branche digital umzieht und somit die Konzepte der Betreiber der Themen- und Branchenendungen aufgehen, ist zur Zeit noch Zukunftsmusik. /

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