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Randomisierte kontrollierte Studien

Optimale Erfolgsquote

03.09.2013  16:14 Uhr

Von Annette Mende / Randomisierte kontrollierte Studien sind und bleiben die beste Methode, um neue Arzneimittel mit bewährten Therapien zu vergleichen. Denn sie ergeben in etwa der Hälfte der Fälle, dass ein neues Präparat den herkömmlichen überlegen ist. Diese Quote ist optimal, sagen Experten.

In randomisierten kontrollierten Stu­dien (randomized controlled trials, RCT) werden Patienten zufällig in Behandlungsgruppen eingeteilt. Dieses Verfahren ist sowohl aus ethischer als auch aus wissenschaftlicher Sicht nur zu rechtfertigen, wenn jeder Teilnehmer dieselbe Chance hat, mit der Therapie behandelt zu werden, die sich am Ende als überlegen erweist. Wie häufig die Resultate von RCT tatsächlich für ein neues Präparat sprechen, haben jetzt Forscher um den Onkologen Professor Dr. Benjamin Djulbegovic von der University of South Florida, USA, untersucht. Das Ergebnis veröffentlichten sie im Fachjournal »Nature« (doi: 10.1038/ 500395a).

 

Forschung aus 50 Jahren

 

In ihrer Analyse berücksichtigten sie 860 RCT in Phase III der klinischen Prüfung aus den vergangenen 50 Jahren. An den Studien, deren Ergebnisse zum Teil nicht veröffentlicht wurden, nahmen insgesamt 350 000 Patienten teil. Geldgeber waren Pharmaunternehmen, Forschungseinrichtungen und die öffentliche Hand. Neue Arzneimittel schnitten bei harten Endpunkten wie beispielsweise der Überlebenszeit in 50 bis 60 Prozent aller Studien besser ab als die Vergleichstherapie. In Firmen-gesponserten Untersuchungen konnte neuen Präparaten zudem in drei von vier Fällen eine Überlegenheit im Hinblick auf die Morbidität nach­gewiesen werden.

 

Die Erfolgsquote von ungefähr 50 Prozent bezeichnen Djulbegovic und Kollegen als optimal. Die Unsicherheit des Ergebnisses sei eine notwendige Voraussetzung für RCT in der klinischen Forschung, auch wenn das für Patienten, Forscher und Sponsoren mitunter schwierig zu akzeptieren sei. Denn der Erkenntnisgewinn aufgrund von RCT sei zwar stetig, geschehe aber aus der Sicht Betroffener frustrierend langsam.

 

Als Beispiel für den Erfolg des RCT-Ansatzes in der Onkologie nennen die Autoren die Entwicklung in der Therapie kindlicher Leukämien. Fünf Jahrzehnte kontrollierten Experimentierens hätten hier die Heilungsraten von 0 auf mehr als 80 Prozent erhöht. Dabei hätten jedoch nur 2 bis 5 Prozent der neuen Therapien einen echten Durchbruch bedeutet.

 

Auf der anderen Seite hätten RCT aber auch schon dazu geführt, dass etablierte und theoretisch plausible Verfahren auf den Prüfstand gestellt wurden. So sei man Anfang des 21. Jahrhunderts davon überzeugt gewesen, dass Corticosteroide Patienten mit einer traumatisch bedingten Schwellung des Gehirns helfen könnten. In RCT habe sich dann herausgestellt, dass die Arzneistoffe die Mortalität erhöhen, überraschenderweise aber die Sterblichkeit an Meningitis senken.

 

Da RCT häufig eben auch unerwartete Ergebnisse liefern, sind sie für klinische Studien der Phase III unverzichtbar. Die groß angelegte Überprüfung der Sicherheit und Verträglichkeit eines neuen Arzneistoffs ist daher zu Recht Voraussetzung für die Zulassung, auch wenn Daten aus den ersten beiden Phasen der klinischen Prüfung die Überlegenheit eines neuen Arzneimittels nahelegen. Sie werden daher mit Sicherheit weiter fester Bestandteil des Zulassungsverfahrens bleiben, auch wenn ein US-amerikanischer Krebsforscher kürzlich die Möglichkeit eines Verzichts auf RCT bei zielgerichteten Arzneistoffen in der Krebstherapie ins Gespräch brachte (lesen Sie dazu auch PZ 33/2013, Zielgerichtete Krebsmedikamente: Phase-III-Studien überflüssig?).

 

Keine Ergebnisse verschweigen

 

Trotz der prinzipiell positiven Bewertung von RCT als Instrument der klinischen Forschung sehen Djulbegovic und Kollegen Verbesserungspotenzial. Der Verlust an möglichem Wissenszuwachs in der medizinischen Forschung sei erheblich, was vor allem an der selektiven Publikation von Studienergebnissen liege. Nur in der Hälfte aller Fälle würden die Ergebnisse von RCT überhaupt veröffentlicht – Studien mit negativen Resultaten und die meisten Industrie-abhängigen Untersuchungen seien nicht öffentlich zugänglich. Diesen Umstand bemängeln unabhängige Organisationen wie die Cochrane Collaboration schon seit Langem. /

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