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Kälte als Schmerzmittel

05.09.2006
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Kälte als Schmerzmittel

Von Jana von Staden

 

Wissenschaftler haben im Tierversuch einen neuen Ansatz in der Therapie chronischer Schmerzen entwickelt. Kühlende Substanzen sollen die Übertragung von Schmerzinformationen verhindern.

 

Die Erfahrung lehrt, dass sich Schmerzen mit kühlenden Substanzen wie Eiswürfeln lindern lassen. Nun ist es Forschern der Universität Edinburgh gelungen, den Mechanismus dieses Phänomens genauer aufzudecken und ihn mit chemischen Substanzen zu imitieren. Dazu nahmen sie den Rezeptor TRPM8 unter die Lupe, der sich an sensorischen Nervenenden der Haut befindet und durch Temperaturen zwischen 18 und 19°C oder Menthol aktiviert wird. Einmal angeregt, sendet der Kälte-Rezeptor ein Signal zum anderen Nervenende im Rückenmark. Dieses offenbar über Glutamatrezeptoren übermittelte Signal wirkt inhibitorisch auf schmerzübertragende Nerven, die hier eine Schaltstelle haben. Kommen ausreichend viele inhibitorische Signale zusammen, ist die Schmerzübertragung auf ihrem Weg zum Gehirn gestoppt: der Betroffene registriert nur Kälte, aber keinen Schmerz.

 

Zwei Gründe lassen die Therapie mit kühlenden Substanzen attraktiv erscheinen. Zum einen weisen Menschen mit chronischen Schmerzen eine erhöhte Zahl an TRPM8-Rezeptoren auf, sodass sie gut auf die Therapie ansprechen dürften. Nur bei akuten Schmerzen wirken kühlende Substanzen nicht, da hier andere Signalwege eine Rolle spielen. Zum anderen ist es bei der Behandlung mit kühlenden Substanzen nicht nötig, eine Tablette zu schlucken. Um stundenlang schmerzfrei zu sein, reicht es theoretisch, eine Creme auf die betroffene Hautstelle aufzutragen. Überdies kann sich die schmerzlindernde kühlende Kraft auch auf Stellen auswirken, die gar nicht direkt eingerieben werden.

 

Dass dieser Mechanismus auch therapeutisch Erfolg haben kann, zeigte das Team um Professor Dr. Susan Fleetwood-Walker zunächst im Tierversuch. Dazu behandelte es Ratten, die unter neuropathischen oder anderen chronischen Schmerzen litten, mit dem TRPM8-Agonisten Izilin (kutan oder per Injektion ins Rückenmark), Menthol oder mittels moderater Kühlung der Haut (fünf Minuten bei 16 bis 20°C). Nach einem Schmerzreiz von außen zeigte sich, dass die behandelten Tiere signifikant schmerzunempfindlicher waren als unbehandelte. Dabei war der Effekt von Izilin dosisabhängig und deutlich stärker als der von Menthol oder einer bloßen Kühlung, die aufgrund des engen Temperaturbereichs auch nur bedingt praktikabel ist.

 

Die Forschungsergebnisse lassen auf eine Alternative für Millionen betroffene Menschen hoffen, die an Schmerzen wie Nervenschäden, Phantomschmerzen an amputierten Gliedern oder einer Schädigung durch einen Tumor leiden. Denn chronischer, vor allem nach Nervenverletzungen entstandener Schmerz ist noch immer schwer zu behandeln und zudem leiden die Betroffenen häufig unter therapiebedingten Nebenwirkungen. Da der neue Mechanismus über TRPM8 unabhängig von Morphinrezeptoren ist, könnte er eine nebenwirkungsarme Therapie ermöglichen, so die Studienautoren. Sie hoffen, noch innerhalb dieses Jahres mit klinischen Studien beginnen zu können.

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