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Estland

Digitales Zugpferd Europas

30.08.2017
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Von Jennifer Evans / Estland will Europa fit für die digitale Zukunft machen. Bis Ende 2017 hat der baltische Staat die EU-Ratspräsidentschaft inne. Darin sieht er die Chance, in Sachen Technologie ordentlich aufs Tempo zu drücken. Als Vorbild für eine funktionierende digitale Gesellschaft steht Estland selbst – das gilt besonders für das Gesundheitswesen.

In Estland ist seit dem Jahr 2000 das Grundrecht auf Internet für alle Bürger gesetzlich verankert. Das gesamte öffentliche Leben läuft in dem baltischen Staat praktisch online ab – und damit auch papierlos. Ob die Esten ihren Wohnsitz ändern, in 18 Minuten ein Gewerbe anmelden, eine neue Regierung wählen, die Geburt ihres Kindes melden, ihre Abiturnoten abfragen oder ihre Steuererklärung machen wollen – alles lässt sich per Mausklick oder Smartphone regeln.

 

Mit ihrer elektronischen Identifikationskarte, die auch als Personalausweis dient, können die Einwohner außerdem Bankgeschäfte erledigen (das machen bereits 98 Prozent), Fahrkarten für öffentliche Transportmittel kaufen oder sich über das Handy für diverse ­Internetdienste ausweisen. Der Chip auf der ID-Karte enthält Informationen über seinen Besitzer sowie zwei Berechtigungszertifikate. Das eine stellt die elektronische Identität fest, das andere ist mit der Funktion einer rechtsgültigen digitalen Signatur ausgestattet.

Portal fragt Identität ab

 

Seit 2010 nutzt Estland außerdem ein medizinisches Informationssystem, das die Daten eines Patienten über Arztbesuche, Untersuchungen, Diagnosen, Krankenhausbehandlungen und verschriebene Arzneimittel erfasst. Zugang zu seinen Informationen hat der Betroffene über ein Patientenportal, das seine Identität über die ­ID-Karte abfragt. Auf die digitale Krankenakte können nach einem Arztwechsel ebenfalls andere Mediziner zugreifen. Auch das elektronische Rezept ist in dem viertkleinsten EU-Staat längst etabliert. Wenn ein Patient in die Apotheke geht, ruft der Apotheker das auf einem Zentralrechner hinterlegte Rezept ab. Damit ist ausgeschlossen, dass ein Rezept verloren geht oder unleserliche Vermerke des Arztes trägt. In jeder Offizin des Landes können die Esten mithilfe ihres Ausweises somit ihr Rx-Medikament abholen oder es sich sogar von einer autorisierten Person mitbringen lassen. Schon 15 Monate nach der Systemeinführung seien 85 Prozent aller Verordnungen digital abgewickelt worden, so die Deutsche Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI).

 

Als Estland im Juli 2017 den Vorsitz im Rat der EU-Mitgliedsstaaten übernommen hat, schrieb sich das 1,3-Millionen-Einwohner Land auf die Fahnen, »ein digitales Europa mit freiem Datenverkehr« auf den Weg bringen zu wollen. Laut Präsidentschaftsprogramm ist es das Ziel der Esten, in allen Lebensbereichen eine digitale Gesellschaft anzustreben. Das soll nicht nur Kosten sparen, die Bürokratie abbauen und die Versorgung verbessern, sondern auch den EU-Bürgern das Leben schneller und einfacher gestalten. Zudem wollen die digitalen Pioniere den Austausch von Gesundheitsdaten länderübergreifend voranbringen. Die EU-weite Vernetzung bedeutet dem Programm zufolge vor allem im Gesundheitswesen viele Vorteile mit Blick auf Innovationen, Forschung und Therapie.

 

Genetische Informationen

 

Bei ihrer Vision für Europa denken die Esten wohl unter anderem an ihr Vorzeige-Genomzentrum an der Universität Tartu. Nach GTAI-Angaben haben dafür bis heute bereits knapp 52 000 Esten freiwillig ihre Daten zur Verfügung gestellt. Neben genetischen Informationen gaben sie demnach auch persönliche etwa zum Gesundheitsstatus und Lebensstil preis. Dadurch handelt es sich nun vielmehr um eine Biobank, aus der Wissenschaftler sowohl gen- als auch lebensstilbetreffende Prävalenzen für Krankheiten ablesen können.

 

Nach Vorstellung der Esten sollen Daten wie diese künftig so leicht zwischen den EU-Mitgliedsstaaten hin- und her fließen können wie es im eigenen Land bereits seit Jahren passiert. Das sei nur eine Frage des richtigen Sicherheitsnetzes, betonen sie. Die EU-Bürger haben im Konzept der Esten selbst elektronischen Zugriff sowie die Übersicht über ihre Gesundheitsdaten. Auch soll jeder weiterhin entscheiden, wie seine Daten verwertet werden dürfen. Sorgen um Datensicherheit und Missbrauch halten die Esten für unbegründet, die große Mehrheit von ihnen vertraut dem System. Obwohl jeder Este theoretisch seine digitale Patientenakte sperren lassen könnte, tun dies laut GTAI nur 0,6 Prozent von ihnen. Und die meisten davon schützten lediglich einige Teile ihrer Daten.

 

Am 29. September treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs – ganz altmodisch in analoger Form – zum Digital-Gipfel »Connecting Europe« in der estnischen Hauptstadt ­Tallinn. Zur Diskussion steht dort unter anderem Estlands sogenanntes »Digital Society for Health«-Konzept, das der Staat später dann auch zwischen dem 16. und 18. Oktober bei der »High-Level E-Health Conference« ­Experten aus der Gesundheitswirtschaft vorstellt – selber Ort, wieder analog. /

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