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Neurostimulation

Elektrische Signale gegen Schmerzen

27.08.2013
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Bei einigen Patienten mit chronischen Schmerzen versagt die medikamentöse Therapie. Hier kann eine elektrische Stimulation der Nerven helfen. Etabliert ist die Neurostimulation zum Beispiel in der Behandlung von Patienten mit chronischen Kopfschmerzen wie dem chronischen Cluster-Kopfschmerz oder der chronischen Migräne.

Mit Strom Schmerzen lindern, das klingt ungewöhnlich. Doch es scheint sich langsam durchzusetzen. Die Neurostimulation ist ein junges und dynamisches medizinisches Feld mit einer ganzen Reihe von neuromodulatorischen Ansätzen. Ihnen allen liegt zugrunde, dass über Elektroden schwache Stromimpulse gezielt an Nerven abgegeben werden, um deren Aktivität zu verändern. 

»Zu unterscheiden sind hierbei grundsätzlich invasive und nicht-invasive Ansätze«, erklärte Dr. Tim Jürgens vom Institut für Systemische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Die Elektroden können zum einen mittels eines operativen Eingriffs in die Nähe der Nerven platziert werden, wo sie dauerhaft verbleiben. Oder sie werden einfach auf die Haut geklebt. »Die verschiedenen Methoden unterscheiden sich zudem in ihrem Wirkort, also darin, welcher Teil des Nervensystems stimuliert wird«, so Jürgens.

 

En vogue sei derzeit die Occipitalis-Nervenstimulation. Hierbei wird ein Herzschrittmacher-ähnliches Gerät in den Brustmuskel oder die Gesäßmuskulatur implantiert, das über ein Kabel Impulse an Elektroden sendet, die direkt unter der Haut im Nacken des Patienten liegen. Dort stimulieren sie kontinuierlich den Nervus occipitalis major, den großen Hinterhauptsnerv. Angewendet wird das Verfahren bei Patienten mit chronischem Cluster-Kopfschmerz und bei chronischer Migräne, die auf alle leitliniengerechten vorbeugenden Medikamente nicht ansprechen oder diese nicht vertragen und bei denen auch andere Therapiemaßnahmen wie Entspannungstechniken oder Akupunktur nicht helfen.

 

Ein weiteres Verfahren ist die Stimulation des Ganglion sphenopalatinum, eines Nervenknotens im Gesicht, der Nervenfasern zu Auge und Nase schickt. Dieser Ansatz wird bei Patienten mit therapierefraktärem chronischem Cluster-Kopfschmerz eingesetzt. Anders als bei der Occipitalis-Nervenstimulation werden nicht kontinuierliche Stromimpulse gesendet, sondern die Elektroden nur bei einem akuten Anfall vom Patienten selbst eingeschaltet, so Jürgens. Das Verfahren zeige in randomisierten placebokontrollierten Studien gute Ergebnisse. Außerdem sind bedingt durch die technischen Details wie Stromversorgung über elektromagnetische Wellen durch die Haut weniger Probleme wie Elektrodendefekte als bei der Occipitalis-Stimulation zu erwarten.

 

Sowohl die Occipitalis- als auch die Ganglion-sphenopalatinum-Stimulation besitzen eine CE-Zulassung als implantierbares Medizinprodukt und die Kosten für den Stimulator und die Implantation selbst werden von den Krankenkassen in der Regel übernommen. Aber wie wirken die Stromimpulse auf die Nerven? Bei der Occipitalis-Nervenstimulation erklärt man sich die Wirkung aus den anatomischen Gegebenheiten. Schmerzinformationen aus dem Nacken laufen über den Occipitalis- und aus dem Gesicht und den Hirnhäuten über den Trigeminus-Nerv im Hirnstamm zusammen. Von dort werden sie an höhere Zentren weitergeleitet, so der Neurologe. Die afferenten Bahnen ziehen zum Thalamus und von dort unter anderem weiter zur sogenannten absteigenden Hemmung. Diese ist zentraler Bestandteil der körpereigenen Schmerzabwehr. »Die Stimulation des Nervus occipitalis führt zu einem vermehrten Input in das Gehirn und einer Aktivierung der absteigenden Hemmung«, sagte Jürgens. »In der Summe werden dadurch die Schmerzen reduziert.« Bei der Ganglion-sphenopalatinum-Stimulation ist das genaue Wirkprinzip noch unklar. Entweder wird der Nerv durch die Stromimpulse gelähmt oder er wird so überreizt, dass er nach kurzer Zeit keine Signale mehr weiterleiten kann.

Entscheidend sei aber, dass die Stromimpulse keine Schmerzen bereiten. »Alle Verfahren sind schmerzlos«, sagte Jürgens. »Sie erzeugen nur ein Kribbeln in den Nerven.« Dieses stelle allerdings ein Problem in klinischen Studien dar, da es eine Verblindung verhindere. Hier müssten neue Methoden entwickelt werden, die einen Placeboeffekt reduzieren, so der Mediziner.

 

Der Trend in der Neurostimulation ginge derzeit in Richtung nicht-invasiver Ansätze, bei denen die Elektroden außen auf der Haut angebracht werden. Zu den transkutanen Stimulationsverfahren zählt die supraorbitale Stimulation, bei der ein Reif mit Elektroden wie eine Brille oder ein Stirnreif auf die Stirn gezogen wird. Dort reizt er den Trigeminus-Nerv. Bei Patienten mit Migräne konnte in ersten Studien eine tägliche Reizstrom-Behandlung für etwa 20 Minuten die Attackenfrequenz reduzieren. Der Effekt sei allerdings nur gering, so der Neurologe. Außerdem bestehe auch hier die Schwierigkeit des Verblindens. Positiv sei aber, dass die Methode nicht invasiv sei und die Stromimpulse einfach zu applizieren seien. Entsprechende Geräte sind bereits frei verkäuflich zu erhalten.

 

Dennoch rät der Experte davon ab, die Stimulationsverfahren auf eigene Faust anzuwenden. Sie sollten zurzeit nur in klinischen Studien zum Einsatz kommen, zum einen weil die Wirksamkeit und mögliche Risiken noch nicht ausreichend erforscht sind und zum anderen weil sonst Informationen zur Wirksamkeit verloren gehen. Insgesamt beurteilt er auch die transkutanen Verfahren als vielversprechend. In Zukunft könnten sie vielleicht nicht nur bei chronischen Kopfschmerzen, sondern auch schon bei leichteren Kopfschmerzformen als Alternative zu einer medikamentösen Behandlung angewandt werden.

 

Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) wird auch, aber nicht nur zur Behandlung von Kopfschmerzen eingesetzt. Ihre Wirksamkeit ist schon bei einer ganzen Reihe von Indikationen untersucht worden – von Rückenschmerzen, Arthritis, Tumorschmerzen bis hin zu Demenz. Die Ergebnisse waren jedoch widersprüchlich. Während einige Untersuchungen einen geringen Effekt von TENS zeigen konnten, fanden andere Studien keinen Vorteil gegenüber Placebo. Entsprechend kann der Nutzen von TENS für die einzelnen Indikationen aufgrund der schwachen Datenlage nicht abschließend beurteilt werden. Hier sind weitere qualitativ hochwertige, placebokontrollierte Studien nötig, um die Wirksamkeit zu untersuchen. /

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