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Pikrinsäure

Vorsicht ja, Panik nein

28.08.2008
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Pikrinsäure

Vorsicht ja, Panik nein

Von Nicole Schuster

 

Spezialkräfte haben an einigen Schulen in Nordrhein-Westfalen Bestände von Pikrinsäure entschärft. Nun schlagen die Medien Alarm: Pikrinsäure habe eine höhere Sprengkraft als TNT, sei eine tickende Zeitbombe und habe an Schulen nichts verloren. Bei sachgemäßer Lagerung besteht jedoch keine Gefahr.

 

Pikrinsäure ist eine jener Substanzen, die laut Apothekenbetriebsordnung in jeder Apotheke vorrätig sein müssen. Das Europäische Arzneibuch führt sie unter anderem zur Identifizierung von Benzylpenicillin, Chloroquin oder Pethidin auf. In Schulen wurde die Chemikalie früher zum Mikroskopieren benutzt, soll aber heute durch ungefährlichere Alternativen ersetzt werden. Doch immer wieder tauchen Restbestände der Pikrinsäure auf.

 

Anlass für die Aufregung in den Medien war ein Fund von kritisch gelagerter Pikrinsäure in einer Dortmunder Schule. Daraufhin haben weitere Schulen ihre Chemikalienschränke geöffnet und die Bestände den zuständigen Behörden gemeldet. Diese verständigen bei unklarer Risikoabwägung Experten, welche die Chemikalien vorsichtshalber entschärfen sollen.

 

Von bislang 58 Einsätzen hauptsächlich an Schulen sprach Frank Scheulen, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landeskriminalamts in Nordrhein-Westfalen (LKA). Er betonte gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung: «Bei der Risikoabschätzung ist es wichtig, zwischen Schulen und Apotheken zu unterscheiden. In Apotheken haben wir es mit fachkundigem Personal und den für empfindliche Stoffe geeigneten Lagerungsbedingungen zu tun.»

 

Pikrinsäure ist bei unsachgemäßer Lagerung eine Gefahr. Die Chemikalie ist im getrockneten Zustand explosionsgefährlich und kann durch Reibung, Erwärmung und Schlag detonieren. Sie muss vorschriftsmäßig phlegmatisiert, also in Wasser aufbewahrt werden. Pikrinsäure bildet außerdem mit Metallen hochempfindliche Verbindungen. Diese können explosionsgefährlicher sein als reine Pikrinsäure. Eine Lagerung in Metallbehältern oder Behältern mit Metallverschluss ist daher zu unterbinden. Wer solche Gefäße vorfindet, muss sie in Abstimmung mit der zuständigen Überwachungsbehörde fachmännisch abtransportieren und entsorgen lassen, empfehlen die Apothekerkammern.

 

In einem Merkblatt informieren sie, wie Apotheker bei der Lagerung zu verfahren haben und was mit angetrockneter Pikrinsäure zu tun ist. Sie empfehlen, gleich bei Bezug des Reagenz Datum und Gesamtmasse des Gefäßes auf dem Behälter zu notieren. Alle sechs Monate sollte überprüft werden, ob Wasser entwichen ist. Wenn dies der Fall ist, dann sollte der empfohlene Wassergehalt von mindestens 33 Prozent wiederhergestellt werden. Durch vorsichtiges Umdrehen wird das Wasser im Gefäß verteilt und die Pikrinsäure gleichmäßig angefeuchtet.

 

Nicht nur in Apotheken und Schulen spielt Pikrinsäure eine Rolle: In der Industrie verwenden Hersteller sie, um Wolle und Seide anzufärben. Sie nutzen dabei aus, dass die giftige Substanz ein sehr ergiebiges Färbemittel ist. In früherer Zeit soll Pikrinsäure sogar zum Bittermachen von Bier benutzt worden sein, was aufgrund der Giftigkeit aber wieder aufgegeben wurde.

 

Traurige Berühmtheit erlangte die Pikrinsäure 1917. Damals kollidierten vor der kanadischen Ostküste im Hafen der Stadt Halifax zwei Frachtschiffe. Beide hatten hochexplosive Ladung an Bord: Das eine Pikrinsäure, das andere TNT. Die Folge war eine heftige Detonation, die weite Teile der Hafenstadt Halifax verwüstete.

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