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Arzneimittelausgaben

Politik und Verbrauch als Kostentreiber

20.08.2008
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Arzneimittelausgaben

Politik und Verbrauch als Kostentreiber

Von Uta Grossmann, Berlin

 

Die Apotheken gaben 2007 für 28,7 Milliarden Euro Arzneimittel zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung ab. Damit stiegen die Ausgaben um 6,1 Prozent. Der neue Arzneimittel-Atlas geht von 90 Millionen Euro Einsparungen durch Rabattverträge aus.

 

Wie viel Geld durch Rabattverträge zwischen Herstellern und Krankenkassen tatsächlich gespart wird, darüber schwiegen sich die Vertragspartner bisher aus. Deshalb fehlte dieser Posten in den offiziellen Zahlen zur Ausgabenentwicklung im Arzneimittelsektor. Das Berliner IGES Institut für Gesundheits- und Sozialforschung schätzt, dass die Arzneimittelhersteller 2007 Rabatte von 330 Millionen Euro gewährt haben. Dem stehen 240 Millionen Euro gegenüber, die den Kassen durch erlassene Zuzahlungen entgangen sind.

 

Unter dem Strich ergibt sich nach IGES-Berechnungen also ein Einsparvolumen von 90 Millionen Euro durch die Rabattverträge – gemessen am Aufwand, den unerfreulichen Folgen bei der Umsetzung, die vor allem Apotheker und Patienten ausbaden müssen, und den juristischen Auseinandersetzungen kein großer Wurf.

 

Insgesamt haben die Kassen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im vergangenen Jahr 28 Milliarden Euro für Fertigarzneimittel und Impfstoffe ausgegeben – ein Anstieg um 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings wäre der Kostenanstieg wesentlich geringer ausgefallen, hätte die schwarz-rote Koalition in Berlin nicht die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent erhöht. Die Steuererhöhung mache fast die Hälfte des Anstiegs der Arzneimittelausgaben aus, konstatierte Cornelia Yzer am vorigen Freitag in Berlin. Damit erweise sich die Politik selbst als Hauptkostentreiber bei den Arzneimittelausgaben.

 

Für niedrigere Mehrwertsteuer

 

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) kommentierte die Zahlen des neuen Arzneimittel-Atlas 2008 über den Arzneimittelverbrauch in der GKV im Jahr 2007. Grundlage sind die Marktdaten des Dienstleisters Insight Health. Yzer plädierte für einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel, wie er in den meisten Staaten der Europäischen Union üblich sei. So könne das Gesundheitssystem um 2,8 Milliarden Euro entlastet werden.

 

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) will von einer Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Arzneimittel von 19 auf 7 Prozent jedoch nichts wissen, wie ein Ministeriumssprecher der PZ bestätigte.

 

Der Arzneimittel-Atlas wurde im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung des VFA zum dritten Mal in Folge vom IGES Institut für Gesundheits- und Sozialforschung erarbeitet. IGES-Direktor Professor Dr. Bertram Häussler, Mitautor der Studie, nannte den Verbrauch an Arzneimitteln den Haupttreiber für die Ausgaben. Arzneimittelausgaben und Verbrauch stiegen in den vergangenen Jahren gleichermaßen an, und das werde auch noch einige Jahre so weitergehen, prophezeite Häussler.

 

Der Grund: Vor allem für die Behandlung der Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist der Therapiebedarf noch weit größer als die tatsächlichen Verordnungen. Dass der steigende Verbrauch gerechtfertigt ist, zeigt nach Häusslers Worten die Tatsache, dass die Sterblichkeit etwa durch Herz-Kreislauf-Krankheiten in den vergangenen Jahren durch den Einsatz potenter Medikamente wie Blutdrucksenker stark zurückgegangen sei.

 

Die Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel zu Lasten der GKV unterscheiden sich in den einzelnen Bundesländern zum Teil erheblich. Mit 369 Euro pro Kopf verzeichnet Bayern die niedrigsten Ausgaben, in Mecklenburg-Vorpommern wurden pro Kopf 104 Euro mehr ausgegeben. Häussler erklärte die Differenz mit Unterschieden im Alter der Versicherten, in der Morbidität und der Arbeitslosenquote. Am Beispiel der Lipidsenker zeigte er auf, dass es einen Zusammenhang zwischen einem hohen Pro-Kopf-Verbrauch dieser Medikamente und einem hohen Anteil von fettleibigen und arbeitslosen Versicherten gibt. Arbeitslosigkeit begünstigt nach Angaben Häusslers die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die unter anderem mit Lipidsenkern behandelt werden. Arbeitslosigkeit, so Cornelia Yzers Schlussfolgerung, ist ein weiterer Kostentreiber der Arzneimittelausgaben. Für 2008 sagt das IGES eine Ausgabensteigerung von 5,5 Prozent voraus.

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