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Nako-Botschafterin

Medizin und Literatur

21.08.2018
Datenschutz bei der PZ

Von Jennifer Evans / Die Gesundheitsvorsorge der Zukunft mitzugestalten – das hält die erfolgreiche Schriftstellerin Elisabeth Herrmann für eine wichtige Aufgabe. Der PZ berichtet über die Autorin und neue Botschafterin der Nako-Gesundheitsstudie, wie gesund sie selbst lebt.

Alkoholismus, Tablettensucht oder Bluthochdruck – die Figuren in Herrmanns Kriminal-Romanen leiden immer wieder unter Krankheiten – auch unter den weitverbreiteten Volkskrankheiten, erzählt die Wahl-Berlinerin der PZ. Herrmann, unter anderem ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis 2012, nutzt Erkrankungen als literarisches Gestaltungsmittel, um ihre Helden zu charakterisieren. »Wenn man Kriminalliteratur schreibt, kommt man um medizinische Fragen nicht herum«, sagt sie. Dabei sei es ihr wichtig, dass die Geschichten für die Leser glaubhaft sind, deshalb sei eine gründliche medizinische Recherche Teil ihrer Arbeit. Zum Beispiel über Hüfterkrankungen. Probleme mit der Hüfte hat die Mutter ihrer erfolgreichsten Serienfigur, dem Berliner Anwalt Joachim Vernau. In den TV-Verfilmungen wird er von Jan Josef Liefers gespielt.

Als Herrmann von der Gesundheitsstudie erfuhr, ursprünglich hieß diese Nationale Kohorte (Nako), war sie sofort begeistert. »Jetzt die Weichen zu stellen für die Gesundheitsversorgung und -vorsorge der kommenden Jahrzehnte ist eine gewaltige Aufgabe und ich bin sehr stolz darauf, dabei sein zu dürfen.« Schließlich steht und fällt der Erfolg des Projekts damit, wie viele Bürger zum Mitmachen bereit sind.

 

Volkskrankheiten im Blick

 

Seit 2014 werden für Deutschlands größte, multizentrische, epidemiologische Gesundheitsstudie Männer und Frauen zwischen 20 und 69 Jahren zufällig aus den bundesweiten Melderegistern ausgewählt. Die Teilnahme ist vertraulich und freiwillig. Bislang sind bereits mehr als 170 000 Bürger dabei, die in einem der 18 Studienzentren medizinisch untersucht und nach ihren Lebensumständen befragt werden. Ziel der Studie ist es, chronische Erkrankungen, wie etwa Krebs, Diabetes mellitus, Rheuma, Infektionen, Depression und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, genauer zu erforschen. Aus den gewonnenen Daten dieser Langzeit-Beobachtung von bis zu 30 Jahren versprechen sich die Initiatoren, den Volkskrankheiten auf die Spur zu kommen. Und wollen eine optimierte Prävention, Früherkennung und Behandlung ableiten, um Lebenszeit für alle zu gewinnen. Auch geht es mit 21 Millionen Bioproben um den Aufbau der größten Biodatenbank Deutschlands. Gefördert wird die Nako-Gesundheitsstudie mit 210 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, den beteiligten Ländern und der Helmholtz-Gemeinschaft. Insgesamt haben sich dafür 26 Universitäten und andere Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen.

 

Der Nako-Vorstandsvorsitzende, Professor Dr. Klaus Berger, freut sich, dass die neue Botschafterin eine Vertreterin der schönen Künste ist. Schon früh spielten in der Literatur Krankheiten eine Rolle, wie in Giovanni Boccaccios Novellensammlung »Decamerone« oder später in Thomas Manns »Zauberberg«. In der Kunst würden Krankheiten nicht allein betrachtet, sondern in das Leben der Figuren eingebettet. Familie, Freunde, Arbeit, Vergangenheit und Zukunft spielten eine Rolle und stünden in Wechselwirkung zueinander, so Berger. »Einen ähnlichen Ansatz hat auch die Nako-Gesundheitsstudie. Sie untersucht die Volkskrankheiten nicht losgelöst von ihrem Kontext, sondern stellt sie in einen Zusammenhang von Lebensstil und -umfeld, Ernährung, Arbeit und Belastungen vor dem Hintergrund der Fragen: Was macht uns krank? Was hält uns gesund?«

Herrmann ist überzeugt davon, dass der medizinische Fortschritt uns letztlich nutzen wird. Dennoch gibt sie zu, dass sie mit Blick auf den Datenschutz selbst vorsichtig ist. »Ich benutze zum Beispiel keinen Fitness-Tracker, denn schon jetzt fangen Krankenkassen damit an, die Verwendung dieses Geräts zu belohnen. Da ist das Bestrafen für die, die sich verweigern, nur noch ein kleiner Schritt.« Weniger das Preisgeben ihrer persönlichen Gesundheitsdaten bereitet der Autorin Sorgen als vielmehr der Profit, den viele Unternehmen aus den sensiblen Informationen schlagen. Ihr fehle eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Chancen und Risiken, die diese Entwicklung mit sich bringe. Düstere oder gar apokalyptische Bilder der Zukunft, wenn es um Datenschutz und medizinischen Fortschritt geht, hält Herrmann allerdings für kontraproduktiv. »Bei all unseren berechtigten, aber oft auch diffusen Bedenken habe ich ein tiefes Vertrauen in den menschlichen Geist und Willen«, betont sie.

 

Nach eigenen Angaben legt die Nako-Studie größten Wert darauf, dass ethische und datenschutzrechtliche Bestimmungen während der gesamten Studienlaufzeit eingehalten werden. Die Schutzkonzepte für die Teilnehmer sind mit der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit sowie den zuständigen Ethikkommissionen abgestimmt. Laut Nako-Verein kontrollieren die Behörden das Projekt regelmäßig.

 

Für die Studienteilnehmer stehen unter anderem Seh-, Hör- und Gedächtnistests auf dem Programm. Außerdem Untersuchungen mit Ultraschall, Magnetresonanztomografie oder im Schlaflabor. Auch Blut-, Urin- und Speichelproben werden genommen. Diese Biomaterialien lagern bei minus 80 Grad Celsius bis zu ihrem Weitertransport nach Neuherberg bei München. Dort befindet sich das sogenannte Biorepository, in dem rund zwei Drittel der insgesamt 29,7 Millionen Bioproben dauerhaft eingelagert und der Wissenschaft für mindestens 30 Jahre zur Verfügung stehen werden.

 

Gesund ohne Abstinenz

 

Herrmann ist bisher noch nicht als Probandin ausgewählt worden. Dabei geht sie gerne – wenn auch selten – zum Arzt. Das liegt vor allem daran, dass ihr Hausarzt ein sehr guter Freund ist. Die gebürtige Marburgerin gibt zu, heute gesundheitsbewusster zu leben als früher. Ihre Ernährung hat sie in den letzten Jahren umgestellt, trinkt so gut wie keinen Alkohol. »Ich bin aber kein Abstinenzler, ab und zu ein Gin Tonic darf sein.« Seit sie über 50 ist, stünden außerdem Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen wie Magen- und Darmspiegelung in ihrem Terminkalender. Auch versucht die Schriftstellerin, mehrmals in der Woche Sport zu treiben. Zu ihrem inneren Schweinhund pflege sie »ein kameradschaftliches Verhältnis«. Doch trotz des besonnenen Lebenswandels setzt sie vor allem auf die Kraft der inneren Einstellung. Das Reisen trägt für Hermann besonders zur persönlichen Balance bei. »Neues zu sehen und zu erleben, rückt vieles zurecht. Und auch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen«, sagt sie.

 

Kochen, schwimmen, weniger Zucker

 

Danach gefragt, was sie ändern würde, wenn sie Gesundheitsministerin wäre, sprudeln die Ideen aus der Krimi-Autorin nur so heraus. Sie reichen von Kochunterricht an Schulen über die Einführung einer Zuckersteuer bis hin zur Verschärfung der Hygienestandards an Krankenhäusern. Auch will sie alle 1400 geschlossenen Schwimmbäder in Deutschland renovieren und wiedereröffnen lassen sowie Schwimmunterricht an Grundschulen verpflichtend einführen. Als Botschafterin liegt ihre Priorität aber erst einmal darin, ihre Mitmenschen zu erreichen und zu motivieren, die Gesundheitsvorsorge der Zukunft mitzugestalten. /

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