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Michael Hennrich

Wir kämpfen für das Rx-Versandverbot

23.08.2017  10:46 Uhr

Von Daniel Rücker, Nürtingen / Unions-Arzneimittelexperte Michael Hennrich (CDU) hat die Hoffnung auf ein Rx-Versandverbot noch nicht aufgegeben. Er möchte weiterhin seine Arzneimittel vom Apotheker bekommen und nicht von Amazon oder Doc Morris.

PZ: Ausländische Arzneimittelversender dürfen nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Herbst 2016 deutschen Kunden Boni auf verschreibungspflichtige Arzneimittel gewähren. Die Apotheker fordern deshalb ein generelles Verbot des Rx-Versandhandels. Warum hat die Union dieses nicht erreicht?

Hennrich: Wir führen seit dem Urteil mit der SPD eine kontroverse Debatte über das Thema Rx-Versandverbot. Bislang ist es uns nicht gelungen, unseren Koalitionspartner von der Bedeutung dieses Verbots zu überzeugen, obwohl wir viel Unterstützung aus den Ländern bekommen haben. Ich kann die Haltung der SPD-Fraktion nur schwer nachvollziehen. Immerhin haben die Sozialdemokraten in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen im Bundesrat für ein Verbot gestimmt. Beiden Landesregierungen war damals die flächendeckende Versorgung wichtig. Dennoch ist die SPD-Bundestagsfraktion nicht den Ländern, sondern Karl Lauterbachs Votum gegen ein Versandverbot gefolgt. Weil sich die große Koalition nicht einig war, konnten wir dieses wichtige Projekt in dieser Legislaturperiode nicht abschließen. Wir werden aber nach der Wahl weiter für ein Verbot kämpfen.

 

PZ: Hat das Rx-Versandverbot im Bundestagswahlkampf eine Bedeutung? Immerhin steht die Forderung im gemeinsamen Wahlprogramm der Union.

 

Hennrich: In der Union sind wir fest entschlossen, eine Mehrheit für das Rx-Versandverbot zu erreichen. Wir werden mit dieser Forderung in den Wahlkampf gehen, das ist sicher. In meinen Veranstaltungen zum Bundestagswahlkampf greife ich das Thema häufig auf – immer dann, wenn es um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum geht.

 

PZ: Besteht über das Rx-Versandverbot in der Unionsfraktion Konsens?

 

Hennrich: Ja, zumindest bei den Gesundheitspolitikern. In der Fraktion gibt es aber auch einige Abgeordnete, die den Versandhandel mit Rx-Arzneimitteln nicht ablehnen. Das gilt zum Beispiel für Vertreter des wirtschaftspolitischen Flügels.

 

PZ: Lässt sich das Programm der Union so interpretieren, dass sie nur mit einer Partei koaliert, die ein Rx-Versandverbot mitträgt? Das könnte nach der Wahl in einer weiteren Großen Koalition ein Problem sein.

 

Hennrich: Das werden wir in möglichen Koalitionsverhandlungen diskutieren. Dort dürfte es für uns allerdings nicht einfach werden. Außer der Linken hat keine der im Bundestag vertretenen Parteien dem Rx-Versandverbot zugestimmt. Wir werden Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aufgeben werden wir aber nicht. Wir haben in den vergangenen Monaten sehr intensiv für ein Rx-Versandverbot geworben. Das Versandverbot ist eine unserer Kernforderungen im Gesundheitswesen .

 

PZ: Was sind für Sie die wichtigsten Themen im Wahlkampf?

 

Hennrich: Bei dieser Wahl wird die Gesundheitspolitik insgesamt keine he­rausragende Rolle spielen. Am ehesten hat die Bürgerversicherung noch eine Chance, etwas mehr Bedeutung zu bekommen. So richtig kommt aber auch dieses Thema nicht in Fahrt. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen in Deutschland der Meinung sind, dass das Gesundheitswesen ganz ordentlich funktioniert und auch die Finanzierung auf sicheren Säulen steht. Die Menschen erkennen durchaus die Bedeutung einer funktionierenden Arzneimittelversorgung.

 

PZ: Mit welchem Koalitionspartner wären die gesundheitspolitischen Vorstellungen der Union am ehesten durchzusetzen?

 

Hennrich: Mit den Parteien, die sich nicht für eine Bürgerversicherung starkmachen. Das wäre für uns ausgeschlossen. Wir können mit den anderen Parteien über eine Konvergenz der Systeme Gesetzliche und Private Krankenversicherung sprechen. Bei den Arzneimitteln oder im Krankenhaus gibt es wenige Unterschiede zwischen GKV und PKV, hier ist eine schrittweise Angleichung denkbar.

 

PZ: Welche Bedeutung hat das Thema Telemedizin ?

 

Hennrich: Das steht für mich in der nächsten Legislaturperiode ganz weit oben. Die elektronische Patientenakte muss möglichst bald kommen, wir müssen einheitliche Standards für gesundheitsbezogene Daten entwickeln. Das funktioniert aber nur, wenn es auch genug Menschen gibt, die im Gesundheitswesen arbeiten wollen. Wir brauchen mehr Pflegekräfte und mehr pharmazeutisches Personal. Wir müssen die Gesundheitsberufe besser honorieren und gute Rahmenbedingungen schaffen. Nur wenn uns das gelingt, finden wir auch ausreichend qualifiziertes Personal.

 

PZ: Digitalisierung ist auch im Gesundheitswesen ein Megatrend. Ist Deutschland hier gut aufgestellt?

 

Hennrich: Es wäre sicher nicht richtig, Deutschland zu den Vorreitern der Digitalisierung zu zählen. Die Skandinavier, vor allem die Schweden, sind uns hier deutlich voraus – und das nicht nur beim elektronischen Rezept. Wir müssen uns dem Thema in Zukunft viel stärker widmen als bislang. Nach der Wahl müssen wir mit einem aufgeschlossenen Koalitionspartner die Lücke zu den Skandinaviern schließen. Es kann nicht sein, dass wir bei einer so wichtigen Entwicklung den Anschluss verlieren. Wir machen an dieser Stelle aus unseren Möglichkeiten zu wenig. Wir haben einen Porsche vor der Tür, aber leider nur mit dem Motor eines VW Käfers.

 

PZ: Die Apotheker hat es verärgert, dass sie nicht in den Medikationsplan eingebunden wurden. Wie groß ist die Chance, dass dieses Versäumnis nach der Bundestagswahl nachgeholt wird, indem die Apotheker am elektronischen Medikationsplan beteiligt werden?

 

Hennrich: Wir müssen schon darüber reden, welche Rolle die Apotheker beim Medikationsplan spielen sollen. Ich habe nie verstanden, warum wir dies nicht längst getan haben. Mein Vorschlag ist: Der Patient soll entscheiden, wer den Medikationsplan führt, der Arzt oder der Apotheker. Wenn wir die Patientenrechte stärken wollen, dann müssen wir sie auch stärker in Entscheidungen einbinden.

 

PZ: Die Apotheker wollen mehr Verantwortung übernehmen. Was halten Sie davon?

 

Hennrich: Das ist eine spannende Frage. Ich kann verstehen, dass die Apotheker mehr Aufgaben übernehmen wollen, etwa beim Medikationsplan oder bei der Prävention. Auf der anderen Seite kann man dann aber auch darüber diskutieren, warum Ärzte kein Dispensierrecht für das Wochenende oder für Notfälle haben. Man muss hier mit großer Vorsicht handeln.

 

PZ: Mit Amazon, der Versandapotheke Zur Rose und anderen Marktbeteiligten drängen immer mehr Unternehmen in das Gesundheitswesen, die weniger Versorger als Logistiker sind. Den Apothekern bereitet dies Sorge, Ihnen auch?

 

Hennrich: Natürlich. Das ist eine Frage nach unserem Gesellschaftsmodell. Es geht darum, wie wir unsere Gesundheitsversorgung organisieren. Wenn wir uns auf ein Modell einlassen, in dem Amazon und andere große Versender für die pharmazeutisch-medizinische Versorgung zuständig sind, dann kommen wir in eine andere Welt. Arzneimittelversorgung wird dann zur reinen Logistik mit angeschlossenem Callcenter. Wir könnten dann auf qualifiziertes Personal verzichten, es reichen ein paar Hilfskräfte für die Logistik. Es stellt sich die Frage, ob wir das wollen. Meine Antwort ist ganz klar »nein«. Ich möchte die inhabergeführte Apotheke mit qualifizierten Arbeitskräften nicht eintauschen gegen einen internationalen Konzern, der getriggert wird von den Interessen der Aktionäre.

 

PZ: Die Apotheker haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine bessere Honorierung gefordert. Wann können sie mit einem Ergebnis rechnen?

 

Hennrich: Wir werden in den kommenden Jahren vor allem das Honorar für Beratungsleistungen anheben, ähnlich wie es die Schweiz schon seit einiger Zeit macht. Wir wollen weg von der starken Fixierung auf den Abgabepreis und stattdessen pharmazeutische Leistungen besser bezahlen. Wir wollen die Bedeutung des Fixums senken und die Beratungsleistungen erhöhen.

 

PZ: Ein großes Ärgernis für die Apotheker sind Lieferengpässe. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

 

Hennrich: Die Versorgung funktioniert insgesamt gut. Wir haben keine Versorgungsengpässe, allerdings kommt es immer wieder zu Lieferengpässen, auch bei dringend notwendigen Arzneimitteln. Vielleicht hätten wir weniger Schwierigkeiten, wenn die Hersteller Ware für mindestens sechs Wochen im Lager haben und nicht wie bislang für zwei Wochen. Wir dürfen bei diesem Thema auch nicht die Rolle von Rabattverträgen und den damit verbundenen extrem niedrigen Arzneimittelpreisen ausblenden. Wir werden uns darüber Gedanken machen müssen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, Hersteller dafür zu honorieren, wenn sie in Europa produzieren. /

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