Pharmazeutische Zeitung online
Suchtkranke

Abgestempelt und ausgegrenzt

23.08.2017  10:40 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi, Gelsenkirchen / Suchterkrankungen sind anerkannte psychische Erkrankungen, werden aber häufig als Charakterschwäche fehlgedeutet. Deshalb erfahren etwa Alkohol­kranke eine deutlich stärkere Stigmatisierung als Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen. Das schadet den Betroffenen und verstärkt die Suchtproblematik.

Der private und öffentliche Umgang mit Suchtmitteln in Deutschland ist ambivalent. »Gerade Alkohol ist quasi überall verfügbar und gilt nicht als Droge, sondern als Genussmittel«, sagte Dr. Michael Schwarzenau von der Ärztekammer Westfalen-Lippe auf dem Kooperationstag »Sucht und Drogen Nordrheinwestfalen« Anfang Juli in Gelsenkirchen. »Jeder Einzelne ist in der Verantwortung, die Grenze zwischen Genuss und Sucht nicht zu überschreiten.« Wer es doch tue, gelte als Ver­sager. »Dann beginnt nicht die Hilfe, sondern die Ausgrenzung.«

Welche Gründe und negativen Folgen die Stigmatisierung hat, erläuterte Dr. Sven Speerforck von der Universitätsmedizin Greifswald. Der Mediziner forscht an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie auf dem Gebiet der Stigmatisierung. »Obwohl Suchterkrankungen häufig sind und alle Schichten betreffen, gelten ­Patienten immer noch als Randgruppe und werden stigmatisiert.« Dabei sei es eigentlich absurd, dass Menschen mit schweren Gesundheitsproblemen durch die Stigmatisierung noch zusätzliche Probleme auferlegt bekommen.

 

Mechanismus der Stigmatisierung

 

Per Definition ist ein Stigma ein Merkmal, das Betroffene von anderen unterscheidet, sie herabwürdigt und ausgrenzt. Der zugrundeliegende Mechanismus ist bei allen potenziellen Stigmata wie Suchterkrankungen, aber auch sexuelle Ausrichtung oder Hautfarbe gleich: Normabweichungen werden wahrgenommen und benannt und ihnen werden negative Eigenschaften oder Stereotypen zugeschrieben. Es kommt zu einer emotionalen Reaktion, Abgrenzung und schließlich zu einer Diskriminierung auf der Handlungsebene.

 

Stigmatisierung gibt es in drei ­Ausprägungen, berichtete Speerforck. Das öffentliche Stigma mache sich in zwischenmenschlichen Interaktionen bemerkbar, das strukturelle Stigma ­dagegen in Strukturen, etwa in recht­lichen Vorgaben. Als Beispiel hierfür nannte der Mediziner, dass Alkoholkranke ihre Abstinenz nachweisen müssen, um einen Psychotherapieplatz zu erhalten. Neben dieser Stigmatisierung von außen gibt es auch das Selbststigma, bei dem Betroffene die negativen Einschätzungen von anderen kennen, sie für richtig halten und übernehmen, sodass sie sich auf ihr eigenes Handeln auswirken.

 

Das Stigma von Suchterkrankungen, vor allem der Alkoholsucht, unterscheidet sich von dem anderer psychischer Erkrankungen, so Speerforck. Das zeigt unter anderem eine Untersuchung, die die Greifswalder Arbeitsgruppe um Professor Dr. Georg Schomerus 2013 im Fachjournal »Psychiatry Research« veröffentlichte (DOI: 10.1016/j.psychres. 2013.02.006).

In einer Befragung von mehr als 3600 Personen gab etwa die Hälfte an, dass es sich bei einer Alkohol­abhängigkeit um eine anerkannte Erkrankung handelt. Bei Schizophrenie und Depression, die als Vergleich mit abgefragt wurden, fielen die Werte deutlich höher aus.

 

»Das klassische Stereotyp ist, dass Alkoholkranke selbst schuld sind an ­ihrer Erkrankung«, sagte Speerforck. Dies gaben 2004 in einer Erhebung in Deutschland 80 Prozent der Befragten an, für Depression lag der Wert bei etwa 20 Prozent und für Schizophrenie bei etwa 10 Prozent. Auch bei dem ­abgefragten Bedürfnis nach sozialer Distanz zu Betroffenen war die Alkoholkrankheit deutlich an erster Stelle, berichtete der Mediziner. Die Kernbotschaft ist, dass Alkoholkranke stärker stigmatisiert werden als Personen mit anderen psychischen Erkrankungen. Warum ist das so?

 

Normative Funktion

 

»Zum einen haben negative Stereo­typen zum Teil einen wahren Kern«, sagte der Referent. Erfahrungen, die Menschen schon mit aggressiven oder unsauberen Betrunkenen gemacht haben, lassen sich auch durch Antistigma-Kampagnen nicht beseitigen. »Zum anderen hat Stigmatisierung auch eine normative, erzieherische Funktion.« Nach dem Motto: Betroffene werden solange ausgegrenzt, bis sie sich bessern, denn das Suchtverhalten ist aus gutem Grund unerwünscht. Dieser Ansatz funktioniere sogar bis zu einem gewissen Grad, er sei aber ethisch nicht vertretbar, da er Personen trifft, die »ohnehin schon ganz unten sind«, so der Mediziner.

Mäßige Bemühungen gegen Alkoholmissbrauch

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen Bericht über die Anstrengungen der europäischen Staaten zur Reduzierung des schädlichen Alkoholkonsums vorgelegt. Deutschland schneidet dabei in vielen Bereichen nur mittelmäßig, häufig sogar schlecht ab. Darauf weist die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) in einer Mitteilung hin. Im Jahr 2011 hatten alle 53 Mitgliedsstaaten der europäischen WHO-Region dem »European action plan to reduce the harmful use of alcohol 2012 ‑ 2020« zugestimmt. Ziel des Aktionsplans ist es, mithilfe verschiedener Maßnahmen wie Preispolitik, Prävention oder Promillegrenzen für Autofahrer alkoholassoziierte Probleme zu reduzieren. Jetzt hat die WHO überprüft, inwiefern die Mitgliedsstaaten die empfohlenen Maßnahmen umgesetzt haben – und legt den Bericht »Policy in action. A tool for measuring alcohol policy implementation« vor.

 

Die Auswertung zeigt: Deutschland liegt im Bereich Politik/Aufklärung von 29 Ländern auf dem 23. Platz, im Bereich Prävention am Arbeitsplatz/ in der Kommune von 29 Ländern zusammen mit Österreich auf dem vorletzten Rang, bei Maßnahmen gegen Alkohol am Steuer von 30 Ländern auf dem 26. Platz und bei den Maßnahmen gegen illegalen Handel und Herstellung von Alkohol auf der vorletzten Position. Was die Einschränkung der Verfügbarkeit von Alkohol angeht, bildet Deutschland unter 30 Ländern sogar das Schlusslicht. Lediglich bei Marketingbeschränkungen und Maßnahmen zur Verringerung der nega­tiven Auswirkungen des schädlichen Alkoholkonsums belegt Deutschland mittlere Plätze.

 

»Der Bericht macht deutlich, dass die deutsche Politik dringend Maßnahmen gegen den hohen Alkoholkonsum ergreifen muss«, erklärt DANK-Sprecher Dr. Dietrich Garlichs. Geignet sind laut DANK zum Beispiel eine ­Erhöhung der Alkoholsteuern und ­Erhebung nach Alkoholgehalt sowie eine einheitliche Altersgrenze von 18 Jahren für die Abgabe von Alkohol und den Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit.

Stigmatisierung verschlechtere die Suchtproblematik und die gesundheit­liche Situation der Betroffenen. Sie kann zu depressiven Symptomen und sozialem Rückzug führen und mit ein Grund sein, dass zu spät Hilfe gesucht wird. Dies führe zu einer Verschleppung des Problems und behindere letztlich die Abstinenz. »Die Entstigmatisierung von Suchtkrankheiten kann nur durch einen alternativen, besseren Umgang mit Betroffenen gelingen«, so der Mediziner. Statt Abwertung und Disziplinierung sollten Wertschätzung und Empowerment (Befähigung) den Umgang mit Betroffenen bestimmen.

 

Zur Verbesserung der momentanen Situation haben Speerforck und 18 Kollegen mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit einige Empfehlungen für ein Memorandum erarbeitet. Aus ihrer Sicht muss das Hilfe­system in Deutschland qualitativ verbessert werden, indem zum Beispiel Antistigma-Kompetenz im Studium beziehungsweise in der Ausbildung zu ­Gesundheitsberufen vermittelt wird. Zudem sollte die strukturelle Diskriminierung etwa beim Zugang zu Psychotherapieplätzen abgebaut werden. Präventionsmaßnahmen müssen routinemäßig auf mögliche stigmatisierende Effekte hin überprüft werden; so können etwa abschreckende Bilder die Suchtkranken entwürdigend darstellen.

 

Ein wichtiges Element sei auch, die Separierung der Hilfesysteme zu überwinden. Bislang bilde die Suchthilfe eine Art Parallelsystem zum Gesundheitssystem und sei nicht in dieses integriert, erläuterte Speerforck. Dies signalisiere, dass es sich bei Suchterkrankungen nicht um echte Erkrankungen handelt. Seiner Ansicht nach sollte die Sucht­therapie eigene Stationen in Krankenhäusern bekommen. Im Memorandum wird eine Eingliederung in die Psychiatrie empfohlen. Das Ziel sei, Menschen mit Suchtproblemen genauso gut zu behandeln wie andere Patienten. /

Mehr von Avoxa