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Geriatrische Patienten

Notaufnahmen sind überlastet

18.08.2015
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Von Christiane Berg, Hamburg / Die Zahl geriatrischer Patienten in den zentralen Notaufnahmen steigt. Dabei stoßen die Kliniken mehr und mehr an ihre Grenzen. Das macht die Entwicklung neuer Konzepte und Versorgungsstrukturen notwendig.

»Jeder zweite vom Notarzt behandelte Patient ist bereits heute älter als 65 Jahre«, sagte Hartmut Menne, Facharzt für Allgemeinmedizin in der zen­tralen Notaufnahme (ZNA) des Albertinen-Krankenhauses Hamburg, bei der Auftaktveranstaltung des neu gegründeten Krankenhausverbundes Gerinet in Hamburg.

 

In diesem haben sich sechs Kliniken in Hamburg zusammengeschlossen, um ihr Fachwissen auf dem Gebiet Altersmedizin zu bündeln. Infolge der längeren Lebenserwartung nimmt die Zahl der multimorbiden und gebrechlichen Patienten zu, was zu einer erhöhten Zahl akuter Dekompensationen, also körperlicher Zusammenbrüche führt. Die steigenden Notarzt-Einsatzzahlen seien jedoch nicht nur demografisch, sondern auch systembedingt, so Menne.

 

Ernstfall oder Bagatelle?

 

Häufige Indikationen für den berechtigten Notarzteinsatz bei geriatrischen Patienten sind Luftnot, Herzrhythmusstörungen, Synkopen, Stürze und Knochenbrüche, starke Schmerzen, akutes Abdomen, zerebrale Krampfanfälle sowie Bewusstseinsstörungen, etwa Medikamenten- und Exsikkose-assoziierte Delir- und Verwirrtheitszustände. Hausärzte sind besonders an Wochenenden und nachts kaum noch erreichbar. »Oftmals hilflos und überfordert gehen Angehörige, Alten- und Pflegeheime immer mehr dazu über, die Verantwortung für die ihnen anvertrauten Patienten selbst bei geringfügigen Gesundheitsproblemen an den Notarzt und das Krankenhaus abzugeben«, sagte Menne.

In der Notfallmedizin muss es stets schnell gehen. Der Notarzt steht vor der besonderen Herausforderung in kurzer Zeit weniger dramatische von echten Notfällen zu unterscheiden. Bei geriatrischen Notfallpatienten gebe es zwei Probleme, so Menne. Zum einen sei ihre Symptomatik zumeist unspezifisch, etwa eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes, Schwäche, Erbrechen oder akute Immobilität. Zum anderen erschwere es die Befunderhebung, dass die Patienten selbst häufig keine Auskunft über die bisherige Krankheitsgeschichte oder die aktuelle Medikation geben können. Es bestehe daher oft die Gefahr, dass gerade geriatrische Patienten im Krankenhaus »völlig auf die falsche Schiene geschoben werden«.

 

Die neuen Herausforderungen machen es laut Menne unumgänglich, neue Formen der zeitgerechten und zuverlässigen Versorgung älterer Menschen in der klinischen Routine zu erproben und zu etablieren. Zudem sei es nötig, die interprofessionelle Zusammenarbeit mit niedergelassenen Hausärzten und anderen Gesundheitsberufen zu stärken.

 

Neue Konzepte erforderlich

 

»Die Zentralen Notaufnahmen sind die Hausarztpraxen der Alten- und Pflegeheime geworden«, unterstrich in einem weiteren Vortrag Dr. Michael Groening, ebenfalls Notfallmediziner am Albertinen-Krankenhaus. Auch Groening betonte, dass die ZNA den aktuellen Entwicklungen kaum noch gewachsen und neue Versorgungsmodelle zur Behebung des »akuten Dilemmas« unumgänglich sind.

 

Allein von 2005 bis 2011 habe sich der Anteil der Über-70-Jährigen in den ZNA zum Teil mehr als verdoppelt. Früher die Ausnahme, sei der alte Patient in den zentralen Notaufnahmen nunmehr zum Normalfall geworden. Entsprechend sollten geriatrische Aspekte und Besonderheiten in der Akut- und Notversorgung stärker berücksichtigt werden.

 

Neben dem altersmedizinischen Know-how, so Groening, müsse dringend auch das geriatrische Assessment, die Fähigkeit zur Einschätzung physischer, kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten der Patienten unter anderem mithilfe des ISAR-(Identifikations Seniors at Risk)-Scores, beim Personal gestärkt werden. Die derzeitige Situation berge die Gefahr, dass geriatrische Patienten fehlversorgt würden. Dies wiederum wirke sich in Form von langen Verweildauern der Patienten und Drehtüreffekt nachteilig auf die Kliniken aus.

Insgesamt sprach Groening von einem Verteilungsproblem. »Bettlägerig, dement, unruhig, unklares Krankheitsbild: Keiner will den geriatrischen Patienten haben.« Geklärt werden müsse daher auch die Frage, wie die wachsende Zahl geriatrischer Patienten in den Notaufnahmen, die initial keiner Fachabteilung zuzuordnen sind und dennoch eine stationäre Behandlung brauchen, zukünftig adäquat versorgt werden kann.

 

Die Kurzlieger-Aufnahmestation

 

Vorbildcharakter besitze laut Groening die 2010 im Albertinen-Krankenhaus eingerichtete Interdisziplinäre Notfall- und Kurzlieger-Aufnahmestation (INKA) mit 22 Betten zur symptomorientierten, kurzstationären Versorgung geriatrischer Notfallpatienten. Hierher werden Patienten verlegt, bei denen nicht klar ist, welcher Fachabteilung sie zugeordnet werden sollen. Diese machen etwa 23 Prozent aller Notfälle der ZNA aus. Von diesen werden 60 Prozent nach genauer Abklärung in die entsprechenden Fachabteilungen weitergeleitet. Circa 40 Prozent können nach kurzstationärer Behandlung wieder entlassen werden. Ob Dehydratation oder inadäquate Medikation: In vielen Krankheitsfällen sind die Symptome oftmals lediglich auf eine falsche Versorgung im Alltag zurückzuführen, die durch entsprechende Intervention behoben werden können.

 

Als »Brücke zwischen der ZNA und den spezialisierten Fachabteilungen des Krankenhauses« können Einrichtungen wie die INKA wesentlich zur Verkürzung der Verweildauern und somit Minderung der Sach- und Personalkosten in Kliniken beitragen, so Groening. Der Mediziner betonte, dass sich das zur Nachahmung empfohlene Pilotprojekt in kurzer Zeit zu einem Erfolgsmodell entwickelt hat und 2012 mit dem Deutschen Innovationspreis im Gesundheitswesen ausgezeichnet wurde. /

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