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Notarzt

Leben am Limit

19.08.2015  09:52 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Falk Stirkat geht jeden Morgen zur Arbeit ohne zu wissen, was ihn am Tag erwartet. Der 30-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als Notarzt. Über seine teils erschütternden, gefährlichen oder sogar skurrilen Erlebnisse hat er jetzt ein Buch geschrieben.

PZ: Wie wurden Sie vom Arzt zum Notarzt?

 

Stirkat: Ich bin seit fünf Jahren Arzt und habe auf der Chirurgie in einem Krankenhaus angefangen zu arbeiten. Auf der Intensivstation hatte ich mit vielen Notärzten und Anästhesisten zu tun. Deren Arbeit hat mir so gut gefallen, dass ich mich zum Notarzt ausbilden ließ und das nun sogar hauptberuflich mache. Statt Facharzt für Chirurgie zu werden, will ich nun den Facharzt für Allgemeinmedizin machen, eventuell auch noch den für Anästhesie.

 

Die Arbeit als Notarzt ist fordernd, abwechslungsreich und macht richtig viel Spaß. Die Patienten, zu denen man gerufen wird, brauchen akute Hilfe, und mein Team und ich sind diejenigen, die helfen können. Wird jemand in der Nacht vom Taxi überfahren oder überschlägt sich mit seinem Auto, sind wir vor Ort. Die medizinische Hilfeleistung konzentriert sich ganz auf uns. In dieser Situation kann man Menschen sehr viel geben, auch wenn die Patientenbindung nur kurz ist.

PZ: Braucht ein Notarzt spezielle Eigen­schaften, die über seine medizi­nische Ausbildung hinausgehen?

 

Stirkat: Vom rein medizinisch-handwerklichen her kann den Job jeder ausgebildete Arzt machen. Ich kann nur von mir ausgehen, wenn ich sage, dass mich Extremsituationen immer fasziniert haben. Vor meiner Arbeit als Notarzt war ich beispielsweise Extremsportler. Das Interesse an Ausnahme­situationen spielt bei dem Beruf vielleicht eine Rolle, darf aber nicht die Hauptrolle spielen.

 

PZ: Was hat Sie motiviert, ein Buch über Ihre Arbeit zu schreiben?

 

Stirkat: Zwei Wochen auf einer Rettungswache bieten genug Stoff für einen ganzen Film – oder eben ein Buch. Nur ist das, was wir erleben, viel spannender als im Krimi oder in der Arzt­serie. Denn wir erleben die Dinge real, ungeschönt und in Echtzeit. Damit all diese menschlichen Schicksale und Geschich­ten nicht als Protokolle in Ordnern verstauben, habe ich dieses Buch geschrieben.

 

PZ: Sie geben detaillierte Einblicke in die Welt der Lebensretter, mit zum Teil schockierenden Beispielen, aber in sehr lockerem Sprachstil. Passt das zusammen?

 

Stirkat: In den meisten Büchern zum Thema Notfall geht es sprachlich sehr korrekt zu. Ich wollte aber kein Buch in Medizinersprache schreiben. Das spiegelt nicht unsere Realität als Rettungshelfer wider. Ich will die Leser in unsere Köpfe schauen lassen und schildern, wie wir denken und was wir machen. Dazu gehören auch der manchmal raue Umgangston auf der Rettungswache oder lockere Sprüche während des Einsatzes. Wichtig ist, dass man mit den Patienten respektvoll umgeht, und das tun wir.

 

Die Art und Weise, wie ich schreibe, ist aber auch Ausdruck meiner Persönlichkeit. Ich verhalte mich im Umgang mit Patienten professionell, mache aber auch Späße, wenn es passt. Das nimmt die Angst und kann die Situa­tion entspannen, die für die Patienten oft schwer genug ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine aufgeschlossene Art vielen Patienten hilft.

 

PZ: Rund 80 Prozent Ihrer Einsätze, zu denen Sie gerufen werden, sind sogenannte Standardfälle. Um welche Diagnosen handelt es sich dabei?

 

Stirkat: Wir fahren nicht zu Diagnosen, wir fahren zu Menschen, die sich mit einem Leitsymptom melden: Brustschmerzen, Luftnot, Krampfanfall, neurologische Ausfälle oder Autounfälle – das sind sozusagen die Top 5. Kann ein Patient plötzlich eine Körperhälfte nicht mehr bewegen, kann das eine Hirnblutung sein, aber auch ein Schlaganfall oder eine Meningitis. Die Diagnose wird frühestens während des Einsatzes gestellt.

 

PZ: Wie belastend sind Notfälle mit Kindern?

 

Stirkat: Glücklicherweise sind Kindernotfälle vergleichsweise selten. Es gibt zum Beispiel die Pseudokrupp-Anfälle, die Epiglottitis bei nicht geimpften Kindern und die Verkehrsunfälle. Ich mache regelmäßig Fortbildungskurse, auch für Kindernotfallbilder. Hilfreich für die richtige Arzneimittelgabe ist beispielsweise das sogenannte Pädiatrische Notfalllineal. Das legt man an das liegende Kind an und kann ablesen, wie groß und schwer es ist und wie hoch die Dosierung der verschiedenen Notfallmedikamente sein muss. Aber kranke oder verletzte Kinder sind und bleiben auch für ein routiniertes Rettungsteam eine Herausforderung, auch emotional.

PZ: Gibt es Situationen, in denen auch professionelle Helfer an ihre Grenzen kommen?

 

Stirkat: Ja, das ist ganz natürlich, wir sind alle Menschen. Dazu gibt es ja einige Beispiele in meinem Buch. Wenn ein mit Alkohol und Drogen vollgepumpter Autofahrer mit 170 Stundenkilometern in einen anderen Wagen rast, eine Familie dabei tötet, selber leicht verletzt überlebt, rumpöbelt und lacht. Das ist schwer zu ertragen. Aber grundsätzlich sind wir zu Neutralität verpflichtet. Unse­re Aufgabe ist es nicht, bei einem Unfall die Schuldfrage zu klären, sondern Verletzte zu versorgen.

 

PZ: Rettungshelfer leben aber auch selber gefährlich. Tragen Sie schon eine schusssichere Weste?

 

Stirkat: Nein, aber tatsächlich gibt es Gebiete in Deutschland, da trägt der Rettungsdienst diese Westen. In einigen Großstädten ist das eingeführt worden oder es steht zumindest kurz bevor. Kürzlich ist eine der Rettungswachen, in denen ich arbeite, mit zwei Molotow-Cocktails angegriffen worden, warum weiß keiner.

 

Ich habe mehrere Gewaltpräventionskurse besucht, das sollte man machen als Notarzt. Ich war kürzlich in einer Situation, bei der ich in einem sozial schwierigen Umfeld tätlich angegriffen wurde. Der Familienvater war nicht einverstanden mit der Krankenhauswahl, die wir getroffen hatten. Mithilfe der Schulungen lernt man, sich zurückzuziehen, bevor die Situation eskaliert, und wartet, bis die Polizei zur Hilfe kommt. Man muss immer damit rechnen, dass etwas passiert. Auch die Gefahr, zum Beispiel im Rettungswagen in einen Unfall verwickelt zu werden, ist etwa zehnmal größer als in einem normalen Auto.

 

Ich habe das Buch nicht geschrieben, um Botschaften zu vermitteln. Aber ein paar stecken schon drin. Zum Beispiel die, dass die Leute eine Rettungsgasse bilden und sich nicht immer darüber aufregen sollten, wenn wir mit Martinshorn kommen. Wir fahren nämlich nicht zum Spaß in der Gegend herum. Ich hatte Situationen, da bin ich nicht zum Notfallort gekommen, weil die Autofahrer einfach keinen Platz machten. Andere Kollegen steckten zwei Stunden im Stau.

 

PZ: Hinter eingehenden Notrufen verbirgt sich nicht immer ein Notfall. Wie gehen Sie damit um, wegen Bagatellen ausrücken zu müssen?

 

Stirkat: Die Wahrnehmung von Not ist sehr subjektiv. Letztens hatten wir einen Patienten, der mit dem Gesicht in eine Glasscheibe gefallen ist und dessen Nase nur noch an einem Stück Haut hing. Der wäre fast verblutet, meinte aber, wir sollten nicht so ein Theater machen. Er würde am nächsten Tag zum Hausarzt gehen. Andere Menschen fühlen sich in Not, wenn der kleine Zeh wehtut.

 

Einige rufen uns aber an, weil sie keine Lust haben, auf einen Facharzttermin zu warten oder stundenlang in der Notaufnahme zu sitzen. Die wissen auch genau, was sie sagen müssen: Brustschmerzen, Luftnot – da gibt es ein strukturiertes Ablaufschema, das besagt, dass diese Patienten innerhalb von 10 Minuten einen Arzt zu sehen haben. Das wird auch eingehalten. Man darf das nicht der Mehrheit unterstellen, aber der eine oder andere missbraucht das und sagt dann noch: Mach mal das Blaulicht aus, du weckst ja die ganze Nachbarschaft.

 

Dennoch finde ich es problematisch, zum Beispiel einer 70-jährigen Frau vorzuwerfen, dass sie uns ausnutzt. Obwohl sie es objektiv tut. Für sie ist es unter Umständen eine persönliche Notsituation, lange auf einen Facharzttermin warten zu müssen. Hierbei handelt es sich um ein Systemproblem. Wir brauchen einfach mehr gut ausgebildete Ärzte, die gerade auch auf dem Land unterwegs sind.

 

PZ: Ein Kapitel Ihres Buches heißt »Abends im Bett«. Was geht einem Notarzt da durch den Kopf?

 

Stirkat: Es geht um Fälle, die das Gefühl von Schuld hinterlassen und die Frage: Wenn ich bestimmte Informationen anfangs gehabt hätte, hätte ich dann anders gehandelt? Wäre die Situation für den Patienten dann auch anders verlaufen? Das berühmte Ex-ante-ex-post-Problem. Wenn sich eine Maßnahme im Nachhinein für den Patienten als nachteilig herausstellt, obwohl man unter den gegebenen Voraussetzungen alles richtig gemacht hat, bleibt das Gefühl einer persönlichen Schuld. Wem das nicht so geht, der sollte sich fragen, ob er den richtigen Beruf gewählt hat. /

Buchtipp

Falk Stirkat: Ich kam, sah und intubierte. Wahnwitziges und Nachdenkliches aus dem Leben eines Notarztes.

 

Schwarzkopf & Schwarzkopf 2015

ISBN: 978-3-86265-496-3. EUR 9,99

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