Pharmazeutische Zeitung online
Mundhygiene

Parodontitis-Erkrankungen nehmen zu

20.08.2007
Datenschutz bei der PZ

Mundhygiene

Parodontitis-Erkrankungen nehmen zu

Von Christina Hohmann

 

Immer mehr Menschen in Deutschland entwickeln eine Parodontitis. Fast 12 Millionen leiden an der Entzündung des Zahnhalteapparates. Die Erklärung klingt ungewöhnlich: Ein Grund für den Anstieg ist die verbesserte Mundgesundheit.

 

Mehr als die Hälfte der 35- bis 44-Jährigen leidet in Deutschland an Parodontitis, etwa 20 Prozent sogar an einer schweren Form. Dies zeigt die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie, die das Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundeszahnärztekammer durchgeführt hat. Ein Grund für den Anstieg parodontaler Erkrankungen ist paradoxerweise die verbesserte Mundgesundheit. Aufgrund der guten Kariesprophylaxe und zahnärztlicher Versorgung behalten ältere Menschen ihre eigenen Zähne immer länger. Diese sind mit zunehmendem Alter aber einem hohen Parodontitis-Risiko ausgesetzt. Entsprechend hoch sind die Erkrankungszahlen: Mehr als 40 Prozent der 65- bis 74-Jährigen leiden an einer schweren Form der Parodontitis. Da die Erkrankung hauptsächlich durch Bakterien im Zahnbelag (Plaque) verursacht wird, lässt sie sich durch eine gründliche Zahnhygiene vermeiden.

 

Angriff auf das Zahnfleisch

 

Jede Parodontitis beginnt mit einer bakteriellen Entzündung des Zahnfleischs, einer sogenannten Gingivitis. Dabei bilden sich tiefe Zahnfleischtaschen mit entzündetem Gewebe. Dauert die Gingivitis lange an, kann die Entzündung auf andere Teile des Zahnhalteapparates wie Zement, Kieferknochen und Wurzelhaut übergreifen. Ursache der Entzündung sind in beiden Fällen Bakterien, die sich in dem fest am Zahn haftenden Biofilm aufhalten. Von diesen freigesetzte Stoffwechsel- und Zerfallsprodukte lösen eine Abwehrreaktion des Körpers aus. Das Immunsystem versucht, die Bakterien zu beseitigen. Die beteiligten Immunzellen setzen dabei Stoffe frei, die auch das Bindegewebe des Zahnhalteapparates angreifen. Zusätzlich mobilisiert der Körper Knochen abbauende Osteoklasten. Nach und nach wird so das Zahnbett zerstört, die Zähne lockern sich und können schließlich ausfallen.

 

Die an der Entstehung der Parodontitis beteiligten Keime sind bei fast allen Menschen in der Mundflora vorhanden. Ob sich aus der Besiedlung eine Erkrankung entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben der Mundhygiene spielt die genetische Prädisposition eine wichtige Rolle. Bei etwa 30 Prozent der Erkrankten liegt eine bestimmte genetische Konstellation (Interleukin-Gencluster) vor, die eine Überproduktion von Interleukin-1 (alpha und beta) und damit eine starke Immunreaktion bewirkt. Auch das Rauchen steigert das Risiko, an Parodontitis zu erkranken, obwohl der genaue Wirkmechanismus nicht bekannt ist. Vermutlich beeinflussen Bestandteile des Tabakrauchs die Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Raucher haben gegenüber Nichtrauchern ein vier- bis sechsfach erhöhtes Parodontitis-Risiko. Daneben spielen auch Grunderkrankungen wie schlecht eingestellter Diabetes sowie Störungen des Immunsystems, anhaltender Stress und eine unausgewogene Ernährung eine Rolle.

 

Wie andere Infektionskrankheiten auch, ist Parodontitis ansteckend. Studien zufolge weisen etwa 30 Prozent der Familienangehörigen eine starke Besiedlung mit den gleichen pathogenen Keimen auf wie die Erkrankten. Die Erreger können über das gemeinsame Benutzen von Besteck oder Zahnbürsten oder durch Küssen übertragen werden. Vermehrt werden daher bei schlecht therapierbaren Erkrankungen die Partner in die Behandlung miteinbezogen, auch wenn diese keine Symptome zeigen.

Parodontitis oder Parodontose?

Parodontitis: Bei der Parodontitis handelt es sich um ein bakteriell bedingte Entzündung des Zahnhalteapparates, die in Schüben verläuft und zu einem fortschreitenden Verlust an Zahnhalte- und -stützgewebe führt.

 

Parodontose: Der Begriff Parodontose dagegen bezeichnet einen nicht-entzündlichen Rückgang des Zahnhalteapparates, vor allem des Zahnfleischs, ohne Blutungsneigung und Taschenbildung. Meist wird der Begriff fälschlich für alle Formen der Zahnbetterkrankungen benutzt.

Reizfaktoren beseitigen

 

Frühzeitig erkannt lässt sich Parodontitis gut behandeln. Anhand des Parodontalen Screening Indexes (PSI) kann der Zahnarzt die Erkrankung schon in einem frühen Stadium feststellen. Mithilfe spezieller Sonden (WHO-Sonden) kann er die Blutungsneigung des Zahnfleischs, die Rauigkeit der Zahnoberflächen sowie die Tiefe von Zahnfleischtaschen messen. Die PSI-Erhebung ist Kassenleistung und kann alle zwei Kalenderjahre abgerechnet werden.

 

Ist eine Entzündung vorhanden, muss diese und die ihr zugrunde liegende Infektion beseitigt werden. Grundlage der Therapie ist daher eine professionelle Zahnreinigung, bei der der Zahnarzt sämtliche über dem Zahnfleisch vorhandene Beläge entfernt. Diese Reinigung muss mehrfach in den folgenden Wochen wiederholt werden. Sind auch danach noch entzündliche Zahnfleischtaschen vorhanden, werden diese gereinigt. Mit speziellen Handinstrumenten (Küretten), Schall- und Ultraschallinstrumenten oder Laser werden Beläge auf der Zahnwurzel entfernt. Reicht diese geschlossene Methode nicht aus, kann der Zahnarzt das offene Verfahren einsetzen. Hierbei wird das Zahnfleisch unter Betäubung operativ vom Zahn und Knochen entfernt, sodass die zu reinigenden Wurzeloberflächen frei liegen. Bei schweren Fällen kann es nötig sein, durch mikrobiologische Untersuchungen die Leitkeime zu bestimmen und entsprechende Antibiotika einzusetzen.

 

Um ein Wiederaufflackern der Entzündung zu verhindern, ist es nötig, dass der Patient in Mundhygiene gründlich geschult wird und diese auch konsequent einhält. Ohne möglichst vollständige Entfernung aller bakteriellen Beläge auch in den Zahnzwischenräumen ist kein langfristiger Erfolg zu erreichen. Neben dem eigentlichen Zähneputzen mit der Bürste sollten die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder speziellen Bürsten gereinigt sowie Beläge auf der Zunge entfernt werden. Hilfreich sind auch antibakterielle Mundspülungen nach dem Putzen, die das Wachstum der Bakterien hemmen. In der Nachsorgephase ist auch eine regelmäßige Kontrolle der Zähne und eine professionelle Zahnreinigung alle drei bis sechs Monate notwendig.

Mehr von Avoxa