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Therapeutische HIV-Vakzine rückt näher

22.08.2006  11:46 Uhr

Therapeutische HIV-Vakzine rückt näher

Von Sven Siebenand

 

US-Wissenschaftler haben einen therapeutischen Impfstoff gegen HIV getestet und vielversprechende Ergebnisse erzielt. Das Prinzip der Impfung besteht darin, dendritische Zellen so zu »trainieren«, dass sie T-Killerzellen besser auf die Spur des Aids-Erregers bringen können, teilte das Forscherteam um Professor Dr. Charles R. Rinaldo von der University of Pittsburgh auf der Weltaidskonferenz in Toronto mit.

 

Dendritische Zellen sind ein wichtiger Bestandteil der zellulären Immunantwort. Sie patrouillieren im Organismus auf der Suche nach eindringenden Fremdorganismen, nehmen diese auf und zerteilen sie in kleine Stücke. Diese Antigene präsentieren sie in den Lymphknoten anderen Immunzellen wie den T-Killerzellen, die sich dann gegen die Fremdorganismen wenden.

 

Diesen normalen Prozess der Immunabwehr scheint das HI-Virus zu unterdrücken, unter anderem weil dendritische Zellen zu den Zielzellen gehören, die das Virus bevorzugt infiziert und zerstört. Um den Abwehrmechanismus wieder in Gang zu bringen, arbeiten die Forscher mit einem Trick. Für die Herstellung der therapeutischen Vakzine entnehmen sie HIV-positiven Patienten weiße Blutzellen, die sie in Zellkultur zu dendritischen Zellen heranreifen lassen. Diese richten sie auf den Erreger ab, indem sie patienteneigene T-Helferzellen mit patienteneigenen HI-Viren infizieren und warten, bis diese die Zellen getötet haben. Die Zellreste, inklusive der von der Wirtszelle produzierten Virusfragmente, verfüttern die Wissenschaftler dann an die dendritischen Zellen, sodass diese mit den HIV-Proteinen beladen sind. Die frisierten Immunzellen injizieren sie schließlich zurück in den Patienten.

 

Der komplizierte Weg über die T-Helferzellen, die für die Proteinproduktion verwendet werden, ist den Wissenschaftlern zufolge wichtig, weil die dendritischen Zellen die auf diese Weise gewonnenen HIV-Proteine besser verarbeiten können als ein vollständiges Virus. In In-vitro-Untersuchungen aktivierten die so behandelten dendritischen Zellen T-Killerzellen sehr erfolgreich.

 

In einer Studie, die eigentlich nur die Sicherheit der Methode belegen sollte, behandelten die US-Forscher 18 HIV-infizierte Probanden mit einem solchen Impfstoff, der dendritische Zellen enthielt. Bei dieser Untersuchung sparten sich die Forscher aber den Umweg über die T-Helferzellen und verabreichten den dendritischen Zellen kommerziell verfügbares HIV-Protein. Schon in diesem allgemeinen Ansatz verbesserte sich die T-Zellimmunität deutlich. Von einer patientenspezifischen Behandlung versprechen sich die Forscher noch bessere Erfolge. Sie hoffen, Ende des Jahres mit einer größeren Studie beginnen zu können.

 

»Gelingt der Versuch mit dem therapeutischen Impfstoff, so müssten Infizierte keine oder zumindest weniger antivirale Medikamente einnehmen. Das reduziert die Nebenwirkungen und auch die Gesundheitskosten«, prognostiziert Rinaldo. Einige Experten befürchten, dass eine solche für jeden Patienten maßgeschneiderte Vakzine in der Herstellung zu teuer ist. Jean-Marie Andrieu vom Institute of Research for Vaccines and Immunotherapies for Cancer and Aids in Paris schätzt die Kosten der Impfung auf 4000 bis 8000 US-Dollar pro Jahr. Dies wäre weniger, als die medikamentöse Therapie jährlich kostet. Der Franzose arbeitet selbst an einer ähnlichen Methode wie die US-Forscher: Die den Patienten entnommenen dendritischen Zellen bringt er anstelle von Proteinen allerdings direkt mit abgetöteten HI-Viren zusammen.

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