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Weltaidskonferenz

Die vergessenen Kinder

22.08.2006  10:49 Uhr

Weltaidskonferenz

Die vergessenen Kinder

Von Christina Hohmann

 

Jeden Tag sterben 1000 Kinder unter 15 Jahren an Aids. Die Fortschritte, die in der Therapie bei Erwachsenen gemacht werden, kommen bei Kindern nicht an. Die wenigsten erhalten die lebensverlängernden Medikamente und dann meist in nicht kindgerechter Dosis und Formulierung.

 

Weltweit sind etwa 2,3 Millionen Kinder mit HIV infiziert, 90 Prozent von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara. Jeden Tag infizieren sich 1500 Kinder neu, meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich der Weltaidskonferenz in Toronto. Dabei sind HIV-Infektionen bei Kindern vermeidbar. In Industrieländern konnte die Rate der Übertragung des Erregers von der Mutter auf das Kind durch HIV-Tests bei Schwangeren und Behandlung HIV-positiver Frauen auf unter 2 Prozent gesenkt werden. In Entwicklungsländern sieht dies ganz anders aus: 95 Prozent der insgesamt 540.000 Kinder, die sich 2005 mit HIV infiziert haben, steckten sich bereits im Mutterleib, bei der Geburt oder beim Stillen an.

 

Daher fordert die WHO in ihrem Bericht »HIV in Children«, dass Schwangere in Entwicklungsländern Zugang zu HIV-Tests, medizinischer Beratung und antiretroviraler Therapie haben müssten. Die medikamentöse Behandlung von Schwangeren, die eine Infektion des ungeborenen Kindes verhindert, ist in reichen Ländern längst Standard und hat hier die Mutter-zu-Kind-Übertragung fast vollständig eliminiert. Weltweit werden derzeit laut WHO-Angaben nur etwa 10 Prozent aller Schwangeren auf HIV untersucht und medizinisch betreut.

 

Die Überlebenschancen von HIV-infizierten Säuglingen und Kleinkinder ist gering. Da der Verlauf der HIV-Infektion bei Kindern besonders aggressiv ist, entwickeln die meisten bereits im ersten Lebensjahr Symptome von Aids. Etwa 30 Prozent sterben vor ihrem ersten Geburtstag, knapp die Hälfte der HIV-positiven Kinder sterben noch im zweiten Lebensjahr. Ohne eine antiretrovirale Behandlung haben die Kinder gegen gewöhnliche Kinderkrankheiten und opportunistische Infektionen keine Chance.

 

Die meisten HIV-Infektionen werden zu spät oder gar nicht erkannt. Eine korrekte Diagnose ist in den ersten 18 Lebensmonaten schwierig, da Babys die Antikörper ihrer Mütter im Blut haben. Die preiswerten und einfachen HIV-Tests auf Antikörper sind daher bei Säuglingen unter 18 Monaten nicht aussagekräftig. Bei Kindern dieses Alters müsste das Virus selbst nachgewiesen werden. Dieser Test ist aber deutlich aufwendiger und erfordert teure Laborgeräte, die in großen Teilen der Dritten Welt nicht zur Verfügung stehen.

 

Aber selbst korrekt diagnostizierte HIV-positive Kinder erhalten meist keine Therapie, weil die Reserven an antiretroviralen Medikamenten begrenzt sind. Nur etwa 6 Prozent der Kinder, die eine Therapie benötigen, erhalten diese auch. Ein weiteres Hindernis ist, dass die meisten für Erwachsene zugelassenen Medikamente nicht für den Gebrauch bei Kindern zugelassen sind. Zudem sind sie meistens nicht kindgerecht formuliert. Antiretrovirale Wirkstoffe in Sirupform wurden zwar entwickelt, hätten aber einen fauligen Geschmack, müssen in großen Mengen eingenommen und außerdem gekühlt werden, berichtet die WHO.

 

Standard in der Behandlung von Erwachsenen sind mittlerweile Kombinationstabletten, die mehrere Wirkstoffe in festgelegter Dosierung enthalten. Für Kinder sind vergleichbare Präparate mit entsprechend geringerer Dosierung kaum zu erhalten. Außerdem hat der massive öffentliche Druck auf Pharmaunternehmen bislang nur die Preise für Erwachsenen-Medikamente sinken lassen. So betragen die Kosten der Präparate für Kinder zum Teil ein Vielfaches der Arzneimittel für Erwachsene. Die Jahrestherapiekosten für die Standardkombination aus Stavudin, Nevirapin und Lamivudin beliefen sich 2005 in Entwicklungsländern für Erwachsene auf 148 US-Dollar, während sie für Kinder 2000 US-Dollar (beziehungsweise 800 US-Dollar für Generika) betrugen.

 

Hohe Ziele

 

»Keiner würde Kindern das Recht auf HIV-Tests und antiretrovirale Therapie absprechen«, schreibt die WHO in ihrem Report. Doch Fakt sei, dass zu wenig getan wird, infizierten Kindern die nötige medizinische Betreuung zukommen zu lassen. Um die Situation zu verbessern, müssten neue einfachere Tests für Säuglinge entwickelt werden. Pharmaunternehmen sollten kindgerechte und vor allem günstige Arzneimittel auf den Markt bringen. Die Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern müssen ausgebaut werden, besonders die Zahl des medizinischen Personals und der medizinischen Einrichtungen sind zu erhöhen.

 

Bis 2010 sollen alle Bedürftigen antiretrovirale Medikamente erhalten, wie die UN und die G8-Staaten vor Kurzem beschlossen haben. Ob dieses hochgesteckte Ziel erreicht werden kann, ist allerdings fraglich, angesichts der Zurückhaltung bei Spendenzusagen. Während der Weltaidskonferenz in Toronto hatten viele der rund 24.000 Teilnehmer beklagt, dass die reichen Länder der G8-Gruppe ihre Spendenzusagen nicht erfüllen und daher viele Millionen Menschen unnötig an Aids sterben. UNAIDS beziffert den Finanzbedarf im Jahr 2007 auf 18,1 Milliarden Dollar (14,6 Milliarden Euro), bislang seien nur etwa 10 Milliarden Dollar angekündigt.

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