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Mit Krebsmedikamenten gegen Zytomegalie-Viren

16.08.2017
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Von Sven Siebenand / Kinasehemmer könnten eines Tages auch als antivirale Medikamente zum Einsatz kommen. Eine Gruppe um Professor Dr. Manfred Marschall vom Virologischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen erforscht diese Arzneistoffklasse, um eine Therapie gegen Zytomegalie-­Viren (CMV) zu entwickeln. Das meldet die Wilhelm-Sander-Stiftung, die medizinische Forschung fördert.

 

Rund 60 Prozent der Bevölkerung tragen die zu den Herpesviren gehörenden CMV in sich. Für immunkompetente Erwachsene sind die Viren in der Regel harmlos, für Personen mit geschwächtem Immunsystem jedoch nicht. 

 

Auch für Schwangere ist eine ­Infektion ein ernstzunehmendes Pro­blem: In circa 15 Prozent der Fälle zeigen infizierte Neugeborene Krankheitssymptome. Von den betroffenen Kindern sterben 10 bis 20 Prozent und ein hoher Anteil leidet unter Folgeschäden, sehr häufig Taubheit. Bislang gibt es weder eine Impfung gegen das Virus noch ein zufriedenstellendes Medikament für den Einsatz bei Schwangeren. Der Einsatz von Virostatika wie Ganci­clovir wird bei Schwangeren nicht empfohlen.

 

»Infektionen mit humanen Herpesviren, wie CMV, ähneln in mehrerlei Hinsicht den molekularen Vorgängen bei Krebserkrankungen: In beiden Fällen werden Gewebezellen zur Teilung angeregt, es werden Signalabläufe in den Zellen hochreguliert und Proteine in ihrer Funktion fehlgeleitet«, so Marschall. Mit seiner Arbeitsgruppe konnte er zeigen, dass die viruseigene Proteinkinase pUL97 den zellulären Kinasen ähnelt. Die Struktur von pUL97 mittels Kristallisation und Röntgenstrukturanalyse exakt abzubilden, ist derzeit noch nicht gelungen.

 

Mittels Computersimulation konnte man jedoch eine Vorhersage der Struktur erstellen, inklusive möglicher Bindetaschen, an denen Kinasehemmer andocken könnten. Auf Basis dieser Vorhersage ließen sich verschiedene Wirkstoffe auf ihre Eignung als Inhibitoren analysieren beziehungsweise chemisch so weiterentwickeln, dass sie einen geeigneten Inhibitor darstellen. Dabei kristallisierten sich Chinazolin-Derivate als geeignete Kandidaten heraus, beispielsweise das im Lungenkrebsmedikament Iressa® enthaltene Gefitinib. In einer Publikation im Fachjournal »Antiviral Research« stellt eine Forschergruppe um Seniorautor Marschall weitere Substanzen mit einer ähnlichen Struktur vor (DOI: 10.1016/j.antiviral.2016.08.005).

 

Die Forscher sind der Meinung, dass die Chinazolin-Derivate gut geeignet sind, um daraus ein antivirales Medikament abzuleiten. »Wir haben einen Prototypen entwickelt. Nun ist weitere Unterstützung gefragt, um die Entwicklung eines marktreifen Medikaments zu realisieren«, so Marschall. /

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