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Besondere Therapierichtungen

Zurück zur Natur

17.08.2016
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Von Lutz Boden und Maria Verheesen / Phytopharmaka, Homöopathika und Anthroposophika genießen in Deutschland seit jeher eine hohe Akzeptanz. Zudem ist seit Jahrzehnten in der Gesellschaft ein stetig steigender Trend zu naturnahen Produkten auszumachen. Grund genug, das entsprechende Marktsegment genauer zu betrachten.

Die Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen, also Phytopharmaka, Homöopathika und Anthroposophika, bilden eine traditionelle und zugleich aktuelle wie bedeutende Säule der Arzneimittelversorgung, insbesondere im Bereich der rezeptfreien Arzneimittel aus der Apotheke.

 

Pflanzliche Arzneimittel, so zeigt der Deutsche Gesundheitsmonitor des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller, werden von der Bevölkerung in Deutschland als deutlich besser verträglich, aber gleich wirksam gegenüber chemisch-synthetischen Arzneimitteln bewertet. In Bezug auf Homöopathika geben fast 90 Prozent der Befragten in der genannten repräsentativen Erhebung an, homöopathische Arzneimittel zu kennen. Mehr als die Hälfte von ihnen hält zwar die Wirksamkeit für nicht erwiesen, hat aber die Beobachtung gemacht, dass diese in vielen Fällen helfen. Eher skeptisch eingestellt sind insgesamt 29 Prozent.

 

Welche Bedeutung die Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen im Apothekenmarkt haben, zeigen die differenzierten Umsatz- und Absatzzahlen aus dem Jahr 2015, die der Informationsdienstleister Insight Health im Rahmen einer Sonderauswertung erhoben hat.

 

Mehr als jede zweite Arzneimittelpackung, die Apotheken im vergangenen Jahr abgegeben haben, war ein rezeptfreies Arzneimittel. Insgesamt waren dies 751 000 von insgesamt knapp 1,5 Milliarden Packungen. Der Umsatz mit rezeptfreien Arzneimitteln betrug 6,58 Milliarden Euro und entsprach damit 13 Prozent des Umsatzes aller in Apotheken abgegebenen Arzneimittel. Während Apotheken 1,37 Milliarden Euro Umsatz mit rezeptfreien Arzneimitteln aufgrund einer ärztlichen Verordnung machten, wurden rezeptfreie Arzneimittel im Rahmen der Selbstmedikation im Wert von 5,2 Milliarden Euro abgegeben.

 

Die besonderen Therapierichtungen hatten 2015 mit rund 2 Milliarden Euro im Jahr einen Anteil von 32 Prozent am Gesamtumsatz aller rezeptfreien Arzneimittel aus Apotheken. Zwei Drittel dieses Umsatzes entfielen auf apothekenpflichtige (1,16 Milliarden Euro) sowie freiverkäufliche (fast 200 Millionen Euro) Phytopharmaka. Der Umsatz mit Homöopathika hatte einen Anteil von 29 Prozent. Auf die Anthroposophika entfielen 6 Prozent.

 

Phytopharmaka, Homöopathika und Anthroposophika sind vorwiegend rezeptfreie apothekenpflichtige Arzneimittel. Im Jahr 2015 waren es nach Menge 83 Prozent des Gesamtsegments besondere Therapierichtungen (BTR). 16 Prozent der abgegebenen Packungen waren freiverkäufliche Arzneimittel. Im BTR-Segment haben rezeptpflichtige Arzneimittel eher ein Nischendasein. Ihr Absatzanteil betrug lediglich gut 1 Prozent und war fast ausschließlich auf pflanzliche Arzneimittel zurückzuführen.

 

Milliardenumsatz

 

Der Apothekenumsatz aller Phytopharmaka betrug im Betrachtungszeitraum 1,36 Milliarden Euro. Davon entfielen 86 Prozent auf die Offizin-Apotheken. Der Versandhandel hatte einen Anteil von 14 Prozent. 81 Prozent des gesamten Apothekenumsatzes mit Homöopathika wurden in den Offizin-Apotheken gemacht, 19 Prozent im Versandhandel. Bei den Anthroposophika lag der Umsatzanteil in den Offizin-Apotheken mit 89 Prozent im Vergleich etwas höher und folglich mit 11 Prozent im Versandhandel etwas niedriger.

 

In Ausnahmefällen können Ärzte bestimmte rezeptfreie Phytopharmaka, Homöopathika und Anthroposophika zulasten der Gesetzlichen ­Krankenversicherung (GKV) verordnen. Die Voraussetzungen hat der Gemeinsame Bundesausschuss in der Arzneimittel-Richtlinie sowie in der zugehörigen Anlage I festgelegt. In den Marktdaten spiegeln sich auch die für Kinder bis zum zwölften Lebensjahr regelhaft erstattungsfähigen rezeptfreien Arzneimittel wider. Bei den GKV-Verordnungen vereinen die Phytopharmaka etwa 70 Prozent nach Umsatz und Menge auf sich. Den übrigen GKV-Markt der BTR teilen sich Homöopathika und Anthropsophika nahezu gleichwertig.

 

Auf Privatrezept oder grünem Rezept verordneten Ärzte 12,1 Millionen Packungseinheiten an Phytopharmaka im Wert von 175,5 Millionen Euro. Damit entfiel der größte Anteil der Rezepte über BTR-Arzneimittel mit gut 60 Prozent auf die Phytopharmaka, während Homöopathika einen Anteil von 33 Prozent und Anthropsophika von 7 Prozent verbuchten.

 

Wachstum im Versand

Im Vergleich der drei BTR-Kategorien fällt auf, dass im vergangenen Jahr sowohl Homöopathika (plus 16 Prozent nach Umsatz und plus 15 Prozent nach Absatz) als auch Anthroposophika (plus 22 Prozent nach Umsatz und plus 27 Prozent nach Absatz) hohe Wachstumsraten im Versandhandel verzeichneten. Hingegen musste der Versandhandel mit Phytopharmaka 2015 Einbußen hinnehmen (minus 7 Prozent nach Umsatz und minus 3,4 Prozent nach Absatz). Auch im Gesamtmarkt, also Offizinen und Versandhandel, zeigten die Anthroposophika mit plus 4,6 Prozent nach Umsatz und plus 7 Prozent nach Absatz die vergleichsweise höheren Wachstumsraten, vor den Homöopathika mit plus 4,5 Prozent nach Umsatz, aber nur plus 0,8 Prozent nach Menge. Auffallend ist zudem der überdurchschnittliche Mengenzuwachs im Bereich der ärztlich verordneten Phytopharmaka auf Privat- oder grünem Rezept.

 

Die vorgestellten Marktzahlen zeigen, dass die Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen einen bedeutenden Anteil an der Patientenversorgung haben. Dabei verzeichnen die wenigsten Präparate Jahresumsätze von mehr als 10 Millionen Euro. Die meisten Präparate weisen sogar einen Jahresumsatz von weniger als 500 000 Euro aus. Mit Blick auf die Produktionskosten und die regulatorischen Aufwend­ungen wird dabei deutlich, wie wichtig es ist, die therapeutische Vielfalt zu ­erhalten oder gar weiterzuentwickeln. Diese Vielfalt an Arzneimitteln, insbesondere auch der besonderen Therapierichtungen, entspricht dem Wunsch der Patienten, nach wirksamen und zugleich verträglichen Medikamenten zur Behandlung ihrer individuellen gesundheitlichen Probleme. Dabei können die Apotheken vor Ort diesen Patienten die erforderliche Orientierung und den richtigen Rat geben. Die Beratung in der Apotheke, gewährleistet somit insbesondere im Rahmen der Selbstmedikation den Mehrwert für den Patienten. /

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