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Costa Rica

Paradies der Artenvielfalt

14.08.2006
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Costa Rica

Paradies der Artenvielfalt

Von Patrick Hollstein, Costa Rica

 

Unter Äquatorsonne und kilometerhohen Wolkentürmen harmoniert auf kleinstem Raum in Costa Rica eine beeindruckende Artenvielfalt. Bei der PZ-Leserreise erkundeten im April deutsche Apotheker den unendlichen Naturreichtum der mittelamerikanischen Vorzeigenation.

 

Costa Rica y Castillo de Oro, »reiche Küste und goldene Burg«, nannte Christoph Kolumbus jenen Teil des amerikanischen Festlands, dessen Ostküste er in der Nähe der heutigen Stadt Cahuita im September 1502 als erster Europäer betrat. Die rücksichtslose Kolonialisierung Amerikas, die an den Ufern des heutigen Staats Costa Rica ihren Anfang nahm, begann mit einem der berühmten Irrtümer des Eroberers.

 

Die Indios hatten Kolumbus' Flotte bereits vor dem Landgang der Spanier entdeckt, waren jedoch, ihrem Ruf als Kriegervolk zum Trotz, auf Frieden mit den Schiffsreisenden aus. Zwei Häuptlingstöchter sollten die Fremden mit Geschenken am Strand empfangen. Die Spanier jedoch schlugen das Friedensangebot aus, ließen die Geschenke unangetastet und entführten stattdessen die Frauen auf ihr Schiff, um mehr über das unzugängliche Land zu erfahren.

 

Während die Indios in den Wäldern über die mögliche Bedeutung der Geste rätselten, kam Kolumbus beim Anblick der mit Jadesteinen und Gold geschmückten Indianerinnen zu dem Schluss, auf einen besonders bodenschatzreichen Flecken gestoßen zu sein - eine Fehlannahme, die für die Indios verhängnisvoll werden sollte. Denn indem Kolumbus nach der Rückkehr in seine Heimat einflussreiche Zeitgenossen für die vermeintlichen Reichtümer des fernen Landes zu begeistern suchte, leitete er das Ende der traditionellen Lebensweise der Indios und für viele von ihnen sogar das Todesurteil ein.

 

Die überwiegend vom Ackerbau lebenden Ureinwohner aus den Stämmen der Chorotegas, Huetares und Bruncas verstanden sich zu Kolumbus' Zeit tatsächlich auf die Verarbeitung von Gold und Natursteinen. Eindrucksvolle Fundstücke können heute im Goldmuseum in der Hauptstadt San José besichtigt werden. Zu keiner Zeit wurden jedoch nennenswerte Goldvorräte in Costa Rica selbst gefunden. Lediglich die Bruncas wuschen aus den Gebirgsflüssen zeitweise Nuggets. Überwiegend kam das Edelmetall jedoch als Tauschgegenstand über die vorkolonialen Handelswege in das Land.

 

Für die Bewohner Lateinamerikas und ihre Geschichte hatte Kolumbus' Fehlschluss schwerwiegende Folgen. Angesichts der erst sehr viel später gewürdigten Naturvielfalt Costa Ricas lag der strittige Eroberer mit seiner Namenswahl für das entdeckte »Paradies« dennoch richtig. Davon konnten sich die Teilnehmer der PZ-Leserreise im Frühjahr an Ort und Stelle in eindrucksvoller Weise überzeugen.

 

Demokratiewunder

 

Costa Rica ist nach El Salvador das kleinste Land Mittelamerikas. Auf einer Fläche von 50.000 Quadratkilometern leben 4,2 Millionen Einwohner, die sich selbst den Spitznamen »Ticos« gegeben haben. Die Nachfahren der Einwanderer aus Nordspanien machen heute drei Viertel der Bevölkerung aus. In der Küstenstadt Puerto Limón leben Schwarze, Mulatten sowie Chinesen, deren Vorfahren vor 100 Jahren als Arbeitskräfte in die »Bananenrepublik« gekommen waren. Der Anteil der indianischen Ureinwohner liegt unter einem Prozent.

 

Überall im Land sind junge Menschen zu sehen. Weil sich das Bevölkerungswachstum erst allmählich verlangsamt, stehen die typischen demographischen Probleme des Westens den dortigen Familienstrukturen als Bewährungsprobe erst noch bevor.

 

Auf Grund unbedeutender Rohstoffvorräte und geringer agrarischer Ausbeute von westlichen Investoren lange Zeit unbeachtet, dominierten einheimische Kaffeebarone jahrhundertelang das wirtschaftliche und politische Geschehen in Costa Rica. Gleichzeitig konnten sich viele Kleinbauern als selbstständige Kaffeeproduzenten halten, was, auch auf Grund des fehlenden Bedarfs an Arbeitssklaven, dem demokratischen Gedanken in einzigartiger Weise Vorschub leistete. 1821 erklärte das Land seine Unabhängigkeit von Spanien, 1848 konstituierte sich die unabhängige Republik. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Todesstrafe abgeschafft und die allgemeine Schulpflicht eingeführt.

 

Nach kurzen Bürgerkriegswirren entledigte sich das Land 1948 seiner Armee und nutzte die eingesparten Mittel zum Auf- und Ausbau des Sozialstaats. Heute gilt Costa Rica auf Grund seiner in der Region einzigartigen wirtschaftlichen und demokratischen Entwicklung als die »Schweiz Mittelamerikas«.

 

Florierender Gesundheitsdienst

 

Im Vergleich zu anderen Ländern Mittel- und Südamerikas rühmt sich Costa Rica seit den 70er-Jahren auch einer vorbildlichen Gesundheitsversorgung. Rund um die Hauptstadt San José gibt es zahlreiche Kliniken, in weniger dicht besiedelten Regionen ein dichtes Netz aus Kranken- und Notfallstationen sowie Apotheken. Im vergangenen Jahr gaben die Costaricaner 700 Millionen US-Dollar für ihre Gesundheitsversorgung aus, das sind 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

 

Doch das System hat zahlreiche Schwachpunkte. Die obligatorische staatliche »Segura social«, die jeder Bürger über das nationale Versicherungsinstitut INS in Anspruch nehmen kann, deckt nur einen Teil der Behandlungskosten ab. Wohlhabende Costaricaner schließen private Zusatzversicherungen ab, die dann sogar die Behandlung in Privatkliniken erstatten. Die Mehrheit der Bevölkerung muss im Krankheitsfall aber selber zahlen. Erste Anlaufstelle für mehr als 70 Prozent der Ticos sind daher die staatlichen Krankenhäuser, wo Patienten neben der kostenlosen Behandlung auch ihre Medikamente ohne Zuzahlung beziehen - sofern diese gerade vorrätig sind.

 

An gut ausgebildeten Ärzten mangelt es nicht; Hygiene und Organisation lassen jedoch zu wünschen übrig. Lang sind die Wartezeiten in den Kliniken: Für Operationen müssen bis zu zwei Jahre Vorlauf eingeplant werden.

 

Wer regelmäßig bestimmte Arzneimittel benötigt, legt besser einen Vorrat an. Insuline stellen angesichts chronischer Versorgungsengpässe einerseits und regelmäßiger Stromausfälle andererseits für die Betroffenen eine besondere Herausforderung dar. Besonders verbreitet sind in Costa Rica Diabetes und Asthma. Kinder leiden oft an Bronchialkrankheiten, da insbesondere in den Trockenzeiten Staub und Abgase die Luft verschmutzen. Tropische Krankheiten wie Malaria kommen nur regional begrenzt vor; vor acht Jahren wütete das Dengue-Fieber im ganzen Land.

 

In den 800 Apotheken Costa Ricas gibt es Arzneimittel nur gegen Bezahlung; dafür wird nur für wenige Medikamente, überwiegend Betäubungsmittel, aber auch Viagra, ein Rezept verlangt. Alle anderen Produkte können, bei Apothekenmargen von etwa 20 Prozent, zu Aktionspreisen angeboten werden. Verkauft werden meist einzelne Blister, deren Zuordnung angesichts fehlender Kennzeichnungsvorschriften mitunter schwierig ist. Nicht selten werden sogar einzelne Tabletten abgegeben.

 

Mehr als die Hälfte der Apotheken des Landes sind unabhängig. Größter Kettenbetreiber ist mit 80 Filialen der Familienbetrieb Fischel, der die beiden Marken Farmacias Catedral und Farmatica betreibt. Kleinere Ketten sind Sucre und Chavarria, daneben gibt es verschiedene Franchisekonzepte. Großhändler wie Technoterra, Pharmanova oder die ebenfalls zur Fischel-Gruppe gehörende Ceta liefern zweimal pro Woche. Importe aus Mexiko, den USA, Deutschland und der Schweiz dominieren den costaricanischen Pharmamarkt; lediglich der einheimische Hersteller Stein hat eine gewisse Bedeutung erlangt.

 

Gewaltiger Naturreichtum

 

Costa Rica gilt hinsichtlich seines Naturreichtums als das abwechslungsreichste Land Mittelamerikas. Auf einer Fläche von der Größe Niedersachsens finden sich in den unterschiedlichen Höhenregionen 42 Vegetationstypen. Costa Rica nimmt nur 0,03 Prozent der Erdoberfläche ein, doch sind hier 5 Prozent aller heute vorkommenden Spezies zu Hause. Die Hälfte davon lebt im tropischen Regenwald, der 6 Prozent des Landes bedeckt.

 

Mehr als 200 Säugetierarten kommen in Costa Rica vor, unter anderem zahlreiche Fledermaus-Arten. 850 verschiedene Vogelarten, mehr als doppelt so viele wie in Mitteleuropa, sind hier heimisch, darunter 52 der 320 amerikanischen Kolibris. Auch 135 Schlangen-, 160 Amphibien- sowie 1400 Schmetterlingsarten wurden bislang an der »reichen Küste« gezählt. 12.000 verschiedene Pflanzenarten bilden eine der wesentlichen Grundlagen für den außergewöhnlichen Naturreichtum des kleinen Landes, in dem laut Schätzungen mehr als 500.000 verschiedene Spezies leben sollen. Erst 15 Prozent des Reichtums sind Naturforschern zufolge erforscht.

 

Die bis auf 3000 Meter ansteigenden Bergketten der Cordilleras sind vulkanischen Ursprungs. Vulkane wie Arenal, Poás und Rincón de la Vieja sind auf Grund des Drifts von pazifischer und karibischer Platte noch immer aktiv; auch Erdbeben und Wirbelstürme kommen in der Region vor.

 

Bis Ende der 1980er-Jahre zählte das Land mit einer jährlichen Abholzrate von 4 Prozent zu den schlimmsten Regenwald-Sündern weltweit; zwischen 1943 und 1987 verschwanden drei Viertel des dichten Primärwaldes. Dann erkannte die Regierung den Wert des Naturreichtums und setzt heute bei der Nutzung der Naturräume auf ein ganzheitliches Konzept. Ein Viertel des Landes steht unter strengem Naturschutz; insgesamt gibt es etwa 30 größere Nationalparks und Reservate. Auf unerlaubtes Baumfällen stehen Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren. Fast 90 Prozent der staatlichen Stromerzeugung stammen aus erneuerbaren Energien.

 

Wenngleich über das Umweltbewusstsein in nicht geschützten Teilen des Landes diskutiert werden kann, gilt die Naturpolitik der Regierung in San José im mittelamerikanischen Raum als einzigartig.

 

Naturstoffforschung

 

In Santo Domingo de Heredia, nahe der Hauptstadt, macht eines der ehrgeizigen costaricanischen Naturschutzprojekte in beispielhafter Weise international auf sich aufmerksam. Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaffeeplantage siedelte sich 1989 INBio an, ein privat geführtes Institut, das sich der Erforschung der Biodiversität verschrieben hat.

 

Hautnah konnten die Teilnehmer der PZ-Leserreise erkunden, wie INBio in Zusammenarbeit mit Universitäten und Unternehmen aus aller Welt nicht nur die Schätze des Landes erkundet, sondern auch versucht, deren Wert wissenschaftlich zu beschreiben und die natürlichen Ressourcen nutzbar zu machen. Bioprospecting nennen die Forscher ihre dezidierte Suche nach Naturstoffen für Pharma- und Kosmetikindustrie. Die Chance, eine Leitsubstanz zu finden, liegt im zweistelligen Promillebereich.

 

In den Abteilungen des Instituts werden die in allen Teilen des Landes gesammelten Proben chemisch analysiert und Mikroorganismen sowie Gene und Proteine biotechnologisch aufgearbeitet und gescreent. Fast monatlich stellen die Forscher in Büchern und Publikationen neue Ergebnisse ihrer Arbeit vor. In seinen Kapazitäten zwischen Universitäts- und Industrielabor angesiedelt, kann INBio an seinen HPLC-Systemen außerdem größere Mengen an Rohstoffen extrahieren und diese an interessierte Firmen liefern.

 

Besonders stolz sind die costaricanischen Forscher auf die inhaltliche Breite ihrer Arbeiten. So wurde und wird bei INBio an einer Klassifizierung von Flechten ebenso geforscht wie an phosphoreszierenden Proteinmarkern aus Korallen, Bleichenzymen aus vulkanischen Mikroorganismen, Naturstoffen gegen den Erreger der Chagas-Krankheit oder an organischen Mitteln gegen Parasiten oder Nematoden. Internationale Pharmafirmen wie Merck und Roche haben das Know-how der INBio-Wissenschaftler bereits in Anspruch genommen. Wie genau eventuelle Gewinne zwischen den Konzernen und dem Institut aufgeteilt werden, bleibt geheim. Kritiker mahnen an, dass auch hier die biologische Vielfalt unter Wert verschleudert wird.

 

INBio achtet jedenfalls darauf, seine Erfolge an Land und Leute weiterzugeben. 80 Prozent der Einnahmen werden gemäß einer Vereinbarung mit der Regierung in die Nationalparks Costa Ricas re-investiert, aus denen INBio im Gegenzug mit Hilfe der lokalen Bevölkerung seine Proben beziehen darf.

 

Zahlreiche Studenten lernen jedes Jahr in den Laboratorien in Santo Domingo ihr Handwerk oder verdienen hier in den Semesterferien ihr Zubrot.

 

Im Februar 2000 eröffnete das Institut auf dem eigenen Gelände seinen INBio-Parque. Hier können Besucher am Miniaturmodell die verschiedenen Biotopformen Costa Ricas erkunden. Die mittlerweile im Park lebenden Tiere haben sich freiwillig hier angesiedelt, berichteten die Parkführer den deutschen Apothekern.

 

Bananenkonzerne und Kaffeebarone

 

Weniger vielfältig, jedoch nicht weniger prosperierend geht es in Costa Ricas Landwirtschaft zu, die 9 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert und ein Fünftel der Bevölkerung plus Tagelöhner aus dem Nachbarland Nicaragua ernährt. Etwa 40 Prozent der Gesamtfläche sind landwirtschaftlich genutzt. Dabei ist der Verkauf der traditionellen Hauptexportgüter Bananen und Kaffee, die noch 1950 mehr als 90 Prozent aller Ausfuhren ausmachten, seit Jahren rückläufig. Stattdessen haben sich neue Landwirtschaftszweige ihren Platz erobert. Regelrechte Exportschlager stellen die so genannten neuen Agrarprodukte dar: Zierpflanzen, Schnittblumen und verschiedene Obstsorten.

 

Obwohl Costa Rica weltweit noch immer zu den Hauptlieferanten für Bananen zählt, gehören die Zeiten der »Bananenrepublik«, dargestellt auf dem als Sammlerobjekt begehrten 5-Colones-Schein, heute endgültig der Geschichte an. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatten Landwirtschaftskonzerne wie United Fruit ganz Mittelamerika und damit auch Costa Rica in wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA gebracht. Noch 1990 waren Bananen das wichtigste Exportgut des Landes, obwohl deren Anbau stets mit dem kompletten Problemkomplex tropischer Monokulturen behaftet war. Auf Grund der negativen Entwicklung des Weltmarktes wurden die gelben Früchte jedoch zunehmend von den costaricanischen Plantagen verdrängt. Ausgedehnte Anbaugebiete finden sich heute in den Tiefebenen der Karibikküste um Puerto Limón.

 

Auch die Rinderzucht sowie der Anbau von Zuckerrohr, mit dem 1960 während der Kubakrise begonnen wurde, entwickeln sich rückläufig. Selbst Kaffeebohnen, seit 1808 für britische Verbraucher angebaut und seit 1832 politisch gefördert, werden heute in exzellenter Qualität in geringeren Mengen verkauft. Costa Rica ist mit einem Anteil von 3 Prozent Nummer 13 am Kaffee-Weltmarkt, weit hinter Brasilien und Vietnam, die zusammen 50 Prozent auf sich vereinen.

 

Noch vor 50 Jahren hatte der Kaffeeanbau erneut zum relativen Wohlstand und damit zur politischen Stabilität des Landes entscheidend beigetragen. Auf Anordnung der Regierung mussten damals alle Kaffeebauern ihre Plantagen auf Arabica-Kaffee umstellen, jene Sorte, die auf Grund ihres niedrigeren Säure- und Coffeingehalts bekömmlicher als ist als Mitbewerber Robusta. Arabica hat heute 70 Prozent Anteil am Weltmarkt - und Costa Rica einen wohlklingenden Namen in der Welt der Kaffeegenießer.

 

In der mineralreichen Vulkanerde und dem kühlen Klima der Höhenlagen finden die bis zu 15 Meter hohen Kaffeesträucher ideale Wachstumsbedingungen. Ein sachgemäßer Anbau unter Schattenbäumen, der allerdings nicht mehr auf allen modernen Plantagen betrieben wird, trägt erheblich zum Erhalt der Biodiversität bei. Ab dem dritten Lebensjahr tragen die jungen Pflanzen erstmals Blüten; neun Monate später können die ersten »Kirschen« geerntet werden. Zwischen Dezember und März sind auf den costaricanischen Kaffeeplantagen etwa 250.000 Pflücker damit beschäftigt, die roten Beerenfrüchte von Hand zu ernten. An jedem Strauch wird bis zu fünfmal nachgeerntet; von sechs Kilogramm Kirschen bleiben auf Grund des Trocknungsverlusts schließlich zwei Kilogramm geröstete Bohnen übrig.

 

Anbau und Verarbeitungsprozess konnten die PZ-Leser beim Besuch der Kaffeeplantage Britt hautnah kennen lernen. Zunächst werden die geernteten Kirschen in Wassertanks umgefüllt; hier schwimmen unreife und überreife Früchte auf und können abgenommen werden. Anschließend werden die Bohnen von den Fruchtschalen befreit und umgehend weiterverarbeitet. Bei einer erneuten Waschung löst sich die Schleimschicht vom Samen. Getrocknet und nur noch von einer dünnen papierartigen Hülle umgeben, sind diese so genannten Rohbohnen ein Jahr lang lagerfähig und können exportiert werden.

 

Weiterverarbeitet wird der Kaffee oft erst im Zielland, beispielsweise in den großen Kaffeeröstereien in Hamburg oder Bremen. Hier werden die Bohnen 10 bis 15 Minuten lang in 400 bis 600 Grad heißer Luft geröstet; je länger die Bohnen im Ofen verbleiben, desto dunkler und stärker wird später der Kaffee. Gleichzeitig sinkt bei längerem Rösten der Coffeingehalt.

 

Wissenschaftsstreit um Coffein

 

Dem Hauptalkaloid des Kaffeestrauchs, das nicht nur in den Beeren, sondern auch in den Blättern vorkommt, widmeten sich bei der PZ-Leserreise mehrere wissenschaftliche Vorträge. Wie Professor Dr. Michael Heinrich von der Londoner School of Pharmacy berichtete, wurde Coffein erstmals 1820 von dem deutschen Apotheker Friedlieb Ferdinand Runge als Reinstoff isoliert, nachdem ihm kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe einige der kostbaren Kaffeesamen zur Analyse überlassen hatte. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts hatte Kaffee als Genussgetränk Europa erobert. Zu den wichtigsten Absatzmärkten zählen laut Heinrich heute die USA, Deutschland und Japan. Den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hat Finnland.

 

Die Verbraucher lieben das schwarze Filtrat wegen seiner anregenden Wirkungen. Diese sind molekular nachweisbar. Durch die Blockade der beiden Adenosin-Rezeptoren vom A1- und A2A-Subtyp wirkt das Alkaloid Coffein in niedrigen Dosen psychostimulierend sowie am Herzen positiv inotrop und chronotrop, erklärte PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck. Durch die Blockade des Enzyms Phosphodiesterase steigen die cAMP-Spiegel im Gehirn und bewirken eine Kontraktion der Hirngefäße; ein Effekt, der laut Morck für den günstigen Einfluss von Coffein auf vasomotorische Kopfschmerzen verantwortlich gemacht werden kann.

 

Seit einigen Jahren wird der Einsatz von Coffein in Kombinationsanalgetika unter Pharmakologen heißt diskutiert. Erst vor zwei Jahren hatte die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ihre Empfehlungen zur Selbstmedikation revidiert und dem Coffein erneut einen Stellenwert in der Therapie eingeräumt. Professor Dr. Gunther Haag, Chefarzt der Michael-Balint-Klinik in Königsfeld, räumte mit einigen weit verbreiteten Vorurteilen auf. So gebe es bis heute keinen Beleg für die Behauptungen, dass Coffein-haltige Kombinationsanalgetika häufiger zu Missbrauch und Abhängigkeit oder zu Medikamenten-induziertem Kopfschmerz führten als Monopräparate ohne diesen Zusatz. Alle Kopfschmerz- und Migränepräparate dürfen maximal an drei aufeinander folgenden Tagen und maximal zehn Tage pro Monat eingenommen werden. Auch das postulierte erhöhte Risiko für Nierenschäden sei den Kombinationsanalgetika bislang nicht nachgewiesen worden.

 

Neue Studien belegen laut Haag, dass Coffein-haltige Kombinationsanalgetika sogar wirksamer als Monopräparate sind. So habe in einer Kopfschmerzstudie die fixe Kombination von ASS, Paracetamol und Coffein schneller zur Schmerzreduktion geführt als die Vergleichspräparate ohne Coffein. In der ASSET-Studie sei darüber hinaus die bessere Wirksamkeit gegenüber Sumatriptan in der Behandlung der Migräne in der Selbstmedikation nachgewiesen worden.

 

Empfindliche Ananas

 

Kaum eine andere Pflanze ist neben dem Kaffeestrauch seit einigen Jahren so wichtig für die costaricanische Landwirtschaft wie die Ananas. Kolumbus ebnete der exotischen Frucht den Weg in die europäischen Königshäuser. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Bromelienpflanze vor allem auf Hawaii angebaut. Heute beliefert die Insel nur noch einen lokalen Markt.

 

Costa Rica ist mit einem Absatz von 500.000 Tonnen im Wert von 265 Millionen US-Dollar nach Thailand, den Philippinen, China, Brasilien, Indien, Nigeria und Mexiko achtgrößter Ananaslieferant. Im Jahr 2000 wurden in Costa Rica 10.000 Hektar mit Ananaspflanzen bebaut, in diesem Jahr sollen es 25.000 Hektar sein.

 

Wegen ihrer äußerlichen Ähnlichkeit zum Pinienzapfen wurde die Sammelfrucht von den Spaniern zunächst piña genannt; ananaz stammt aus dem Portugiesischen. Die Ananas ist eine der wenigen Bromelien, die am Boden wachsen, sich aber wie ihre Artgenossen über die in den Blattkränzen gesammelte Flüssigkeit ernähren. Nur die Seitentriebe des Kopfstecklings wurzeln; die Böden müssen trocken sein beziehungsweise gut entwässert werden, da sonst die Früchte faulen. Damit der Bestand eines Feldes gleichzeitig reift, wird 50 Tage nach dem Setzen der Stecklinge Ethylen versprüht, das die Fruchtbildung induziert.

 

Nach vier Wochen wird der Fortschritt kontrolliert und gegebenenfalls wiederholt behandelt. Nach zwölf bis 14 Monaten kann geerntet werden. Dazu werden die Früchte, die von bis zu einem Meter langen, dornenbesetzten Blättern geschützt sind, in mühevoller Handarbeit abgeknickt und über Fließbänder auf Traktorenanhänger verladen; dabei dürfen keine Druckstellen entstehen. Auch diese Knochenarbeit leisten in Costa Rica überwiegend Nicaraguaner. In der Fabrik werden die Früchte in Chlorwasser gewaschen, zum Schutz gegen Austrocknung mit Wachs besprüht und an der Schnittstelle gegen Faulprozesse chemisch behandelt. In Steigen verpackt werden die Ananas einige Stunden lang auf sieben Grad abgekühlt; anschließend speichern sie die Kälte für eine ganze Woche.

 

Ananas-Früchte reifen nicht nach und können auch angeschnitten im Kühlschrank eine Woche lang aufbewahrt werden. Entgegen der weit verbreiteten Meinung gibt ihre Farbe keine Auskunft über den Reifegrad, wohl aber der Geruch.

 

Das Fruchtfleisch der Ananas ist außerordentlich säure- und vitaminreich. Außerdem kommen größere Mengen von Bromelain, einem 1957 erstmals beschriebenen Gemisch von proteolytischen Enzymen, in Stamm und Früchten vor. Traditionell wird der Protease- und Peroxidase-haltige Extrakt als Heilmittel, Fleischzartmacher sowie zur Lederaufbereitung, seit einigen Jahren außerdem zur Strukturaufklärung von Proteinen verwendet.

 

Als Antiphlogistikum werden die Ananas-Enzyme in Deutschland in fünf Fertigarzneimitteln eingesetzt, berichtete Morck. Hauptindikationen sind akute Schwellungszustände nach Operationen und Verletzungen, insbesondere im Bereich der oberen Atemwege wie Mund, Nase und Nebenhöhlen. Entsprechend ist Bromelain direkt oder indirekt bei Sinusitis sowie in der Zahnheilkunde zugelassen.

 

Im Tierversuch konnte laut Morck nachgewiesen werden, dass Bromelain den Bradykinin-Spiegel im entzündeten Gewebe sowie den Präkallikrein-Spiegel im Serum senkt. Durch Beeinflussung der Gerinnungskaskade und der Fibrinolyse wirkt das Enzymgemisch offensichtlich auch gerinnungshemmend. Diese Effekte könnten den Einsatz Bromelains bei Sportverletzungen sowie Rheuma- und Gefäßerkrankungen erklären. Alle anderen Anwendungen, etwa als Antitumormittel, Immunstimulans oder Antiinfektivum, sind laut Morck durch keinerlei evidenzbasierte Daten gestützt. Auch zur Abklärung von Resorption und Verfügbarkeit seien weitere Studien nötig. Ebenso enttäuschend ist Heinrich zufolge die Datenlage bei vermeintlichen Wunderdrogen wie Lapacho und Katzenkralle.

 

Erfolgsstory Chinin

 

Auf eine echte Erfolgsgeschichte der Phytotherapie kann dagegen Chinin zurückblicken. Nach der Eroberung Südamerikas hatten spanische Soldaten berichtet, dass Indios das Pulver der Rinde des Chinabaums gegen Fieberanfälle verwendeten. Jesuitische Missionare machten in Brasilien ähnliche Beobachtungen und brachten die Wunderdroge nach Europa, erklärte Dr. Gerhard Gensthaler, München. Fortan hielt der Jesuiten-Orden das Handelsmonopol.

 

Ab dem 17. Jahrhundert wurden wässrige Auszüge, später auch Elixiere und Extrakte gegen Magenbeschwerden, bei Malaria-Epidemien und gegen eine Reihe weiterer Erkrankungen eingesetzt. 1819 isolierte Runge Cinchonin, ein Jahr später gewannen die französischen Apotheker Pierre Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou Chinin in Reinform. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelang die Reinsynthese des Alkaloids, mit dessen Hilfe Kolonialkriege entschieden wurden. Trotz moderner synthetischer Malariamittel ist Chinin heute noch ein wertvolles Medikament bei schwerer Malaria tropica.

 

Willkommen im vollen Leben

 

Pura vida, »das pure Leben«: So lautet der Leitspruch der Ticos, mit dem sie auch schwierige Zeiten wie die Wirtschaftskrise der 1980er-Jahre gemeistert haben. Eine gesunde Portion Zweckoptimismus scheint angebracht. Das kleine Land, das in seiner einzigartigen, aber durchaus auch widersprüchlichen geschichtlichen Entwicklung noch vor wenigen Jahren zu den höchstverschuldeten Nationen der Welt zählte, kämpft gegen zahlreiche Missstände. Soziale Ungerechtigkeit und Naturzerstörung, Fremdenhass und Gewalt, Armut und Korruption nehmen auch in der »Schweiz Mittelamerikas« stetig zu.

 

Bislang ist es den Menschen jedoch immer wieder gelungen, sich erfolgreich gegen den Teufelskreis aus Fremdbestimmung und Raubbau zu wehren. Industriekonzerne wie Intel haben das Potenzial der einstigen US-Hinterhofnation und ihrer sympathischen Bewohner erkannt und Costa Rica aus der Klemme einer rein landwirtschaftlich ausgerichteten Ökonomie befreit. Auch ein gesunder Naturtourismus könnte die Entwicklung des Landes nachhaltig positiv beeinflussen.

 

Die paradiesischen Strände, denen Meeresschildkröten in frühen Morgenstunden ihren kostbaren Nachwuchs anvertrauen, die undurchdringlichen Tropenwälder, in denen Brüllaffen ihr nächtliches Balzritual anstimmen, die grummelnden Vulkane, an deren Hängen Tukane und Papageien nisten, die geheimnisvollen Sumpfwälder mit ihren scheuen Reihern, Leguanen, Nattern und Kaimanen laden westliche Besucher ein, sich unter die Spezies zu mischen und als Teil einer verzaubernden Vielfalt neu zu erleben.

Zauber und Wirklichkeit im Fluss

Wollte man den Grenzgang der indianischen Ureinwohner Costa Ricas zwischen dem traditionellen Leben und der gesellschaftlichen Assimilation am konkreten Beispiel festmachen, käme man an Alvino Solano Picado wahrscheinlich nicht vorbei. Der 65-jährige Medizinmann vom Stamm der Maleku spiegelt den Grenzgang zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Magie und Naturverständnis, zwischen Tradition und Touristenattraktion wider wie kaum ein anderer in Costa Rica.

 

Von den 300.000 Indios, die bei der Ankunft der Spanier in Costa Rica lebten, sind heute knapp 25.000 übrig, die in zwei Dutzend kleinen und kleinsten Reservaten mit einer Gesamtfläche von 320.000 Hektar über das gesamte Land verstreut leben. Die Ureinwohner stellen weniger als ein Prozent der Bevölkerung dar. Selbst die im 19. Jahrhundert für den Bau der Eisenbahn und die Bewirtschaftung der Bananenplantagen ins Land geholten Schwarzafrikaner und Chinesen sind zahlreicher vertreten.

 

Vier der insgesamt neun Stämme pflegen noch indianische Traditionen. Der Entfremdung und Abwanderung des Nachwuchses in die Städte und Touristenzentren haben die Ureinwohner jedoch immer weniger entgegenzusetzen. Als die Kleinbauern vor vielen Jahren den großen Plantagen der internationalen Landwirtschaftskonzerne weichen mussten, verloren die Indios ihr angestammtes Land. Heute dringt die westliche Zivilisation mit Elektrizität, Fernsehen, Fertigbungalows und Touristenbussen in die Dörfer in den Reservaten vor.

 

Lauscht man den Ausführungen des charismatischen Heilers Alvino, der im Zweitberuf den kleinen Radiosender Maleku leitet, fühlt man sich in eine Welt versetzt, die den animistischen Geist vergangener Zeiten lebendig werden lässt. Durch den Kontakt mit Außerirdischen will Alvino im Alter von neun Jahren zur Heilkunst gekommen sein. Gelernt hat er sein Handwerk nicht; seit seiner Vision heilt Alvino intuitiv, auch Krankheiten, die er zuvor nicht gekannt hat. Seine Diagnosen stellt er per Einfühlung. Im Arzneischrank stehen Mixturen in unbeschrifteten Plastikcolaflaschen, zu denen Alvino im Lauf seiner Sitzungen scheinbar wahllos greift.

 

An der Decke des Heilzimmers hängen Beutel mit pulverisierten Drogen, die er selbst sucht, trocknet und aufbereitet. 29 verschiedene Krebsarten hat der Heiler eigenen Angaben zufolge schon besiegt, acht Herzleiden geheilt, einen Beintumor ausgespült. Mittlerweile nimmt sich der Medizinmann auch zivilisatorischer Krankheiten wie erhöhter Blutfettwerte und Gastritiden an. Stress lautet in den meisten Fällen seine Diagnose, doch auch 21 Aids-Patienten habe er bereits betreut.

 

Eine Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit sucht man hier vergeblich, zumal es für den Begriff „Lüge” in naoatel, der Sprache der Ureinwohner, keinen Ausdruck gibt. In der indianischen Weltanschauung befinden sich Vergangenheit und Zukunft, Wirklichkeit und Phantasie in stetigem Fluss. Legenden sollen die Indianer daran erinnern, dass alles Weltliche von Gott geschaffen wurde.

 

Unumstritten ist der Heiler in der eigenen Gemeinschaft nicht. Wegen seiner kreativen oder vermeintlich kommerziellen Machenschaften ist Alvino von der traditionellen Schamanenstätte im nahen Urwald verbannt worden. Dennoch haben sich die Dorfbewohner mit ihm arrangiert. Denn er hat seinem Stamm mit 650 Personen, die als Kunsthandwerker und Landwirte in drei Dörfern im Norden des Landes nahe der nicaraguanischen Grenze leben, als Medizinmann große Dienste erwiesen.

 

Einen Nachfolger für die medizinische Versorgung der Gemeinschaft gibt es nicht. Alles deutet darauf hin, dass sich die Maleku nach dem Ableben ihres letzten Medizinmannes in die Obhut fremder Schulmediziner begeben müssen. Und so einen weiteren Mosaikstein ihres einzigartigen Kulturschatzes verlieren.

Der Autor

Patrick Hollstein studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle sowie Politik- und Literaturwissenschaften an der Freien Universität sowie der Humboldt-Universität in Berlin. Der Autor ist unter anderem für die Magazine GEO und Spektrum der Wissenschaft sowie für die Neue Apotheken Illustrierte (NAI) tätig. Als freier Autor ist Hollstein bereits seit 2003 für die PZ tätig und konzentriert sich dabei insbesondere auf die internationalen Pharma- und Gesundheitsmärkte.

 

 

Anschrift der Verfasser:

Patrick Hollstein

Reinhardstraße 34

10117 Berlin

p.hollstein(at)govi.aponet.de

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